Die Jungen sollen es richten

Für den strauchelnden FDP-Parteichef Guido Westerwelle stehen Nachfolger bereit. Von Martina Fietz

Einer von ihnen könnte bald in der ersten Reihe stehen: Daniel Bahr, Philipp Rösler, Christian Lindner (von links). Foto: dpa
Einer von ihnen könnte bald in der ersten Reihe stehen: Daniel Bahr, Philipp Rösler, Christian Lindner (von links). Foto...

Die Landtagswahlen vom vergangenen Wochenende haben vor allem bei SPD und FDP massive Schwächen offengelegt. Während die Sozialdemokraten es allerdings schaffen, darüber hinwegzuspielen, wird bei den Liberalen sehr wahrscheinlich der Parteivorsitzende hinweggefegt. Guido Westerwelle sieht offenbar mittlerweile ein, dass die FDP mit ihm nicht in die weitere Zukunft gehen will. Als Hoffnungsträger der Partei gelten vor allem drei Vertreter der jungen FDP-Generation: Christian Lindner, Philipp Rösler und Daniel Bahr. Schon lange werden die drei als die einzigen genannt, die die Partei modernisieren und überzeugend präsentieren könnten. Doch bislang blieben sie in Deckung. Ihre Gegenposition zu Parteichef Guido Westerwelle machten sie inhaltlich deutlich, etwa indem sie ein Buch herausgaben, in dem sie die thematische Verengung der FDP beklagten und eine verstärkte Beschäftigung mit sozialen Fragen empfahlen. Den offenen Angriff aber haben sie bislang vermieden.

Das Zeug für Spitzenämter haben sie alle drei. Generalsekretär Lindner erscheint als die intellektuelle Variante des Parteipolitikers. Wenn er redet, lässt der Politikwissenschaftler gern die Namen von Staatsphilosophen und Ökonomen einfließen. Seine Formulierungen sind geschliffen und scharf. Im Auftritt erscheint er eher unnahbar bis arrogant. Gern wagt sich Lindner mit provokanten Thesen nach vorn. So ließ er in einem Gastbeitrag für die FAZ im vergangenen Jahr seine ganze Distanz zu Glauben und Religion aufscheinen – obwohl er in seinem Lebenslauf darauf verweist, katholisch zu sein. Das Christentum sei nicht die Staatsreligion in Deutschland, formulierte er, sondern ein persönliches Bekenntnis. Dabei beklagte er, dass in der Integrationsdebatte religiöse Werte bedeutsamer erschienen als republikanische. Die Tatsache, dass die „alten Prägekräfte von Religion und Nation“ nachließen, wertete er als „Freiheitsgewinn, wenn wir die Frage nach der verbindenden Identität republikanisch beantworten“. Mit 15 hat der heute 32-Jährige sich für die Liberalen entschieden. Mit 18 zog er in den Landesvorstand seiner Partei ein, mit 21 in den Landtag von Nordrhein-Westfalen. Mit 25 war er dort Generalsekretär, mit 30 Bundestagsabgeordneter und Generalsekretär der Gesamtpartei. Nun gilt er als aussichtsreicher Kandidat für die Position des Parteichefs.

Rösler gilt als Sympathieträger

Gesundheitsminister Philipp Rösler ist eher der Sympathieträger. Seine Lebensgeschichte als Kind in einem vietnamesischen Waisenhaus, das von deutschen Eltern adoptiert wird, rührt die Gemüter. Vor diesem Hintergrund gilt der heute 37-Jährige als Hoffnungsträger im doppelten Sinne – partei- und integrationspolitisch. Als Erwachsener ließ Rösler sich taufen. Gern erzählt er, dass er wohl einer der wenigen Menschen sei, die ihre Patentante heirateten. Seine Frau jedenfalls hatte ihn auf dem Weg zum Glauben maßgeblich unterstützt. Diesen entdeckte er für sich, als er während seiner Ausbildung zum Mediziner in einem katholischen Krankenhaus arbeitete.

Mittlerweile ist Rösler Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken, wenngleich er auch nicht immer die reine Lehre vertritt. Bei der Präimplantationsdiagnostik beispielsweise plädiert er für eine eng begrenzte Zulassung. Mit 19 entschied sich der Vater von Zwillingen für die FDP. Er war Landesvorsitzender der Jungen Liberalen, wurde 2000 Generalsekretär der Partei in Niedersachsen, 2003 Fraktionschef im Landtag, 2005 Parteichef im Landesverband. Vier Jahre später berief ihn der damalige Ministerpräsident Christian Wulff zum Wirtschaftsminister. Doch blieb Rösler für dieses Amt nicht viel Zeit. Ende 2009 wechselte er als Gesundheitsminister nach Berlin. Damit hatte er eines der schwierigsten Ämter geerbt, die im Kabinett zu verteilen sind. Die Gesundheitsreform stellte sich als mühsames Geschäft heraus, wirklich politisch punkten konnte der promovierte Mediziner damit nicht. Gleichwohl lernten seine politischen Gegner, dass er keinesfalls unterschätzt werden darf. Rösler wirkt stets verbindlich und freundlich, bisweilen wird er sogar als staunender Akteur der Berliner Szene bezeichnet. Tatsächlich aber ist er beharrlich und zäh. Politik hat er stets als Zwischenstation in seinem Lebenslauf bezeichnet. Mit 40 wolle er etwas anderes machen, hat er angekündigt. Nun gilt er als Kandidat für den Parteivorsitz, wenn die Mehrheit der Liberalen sich nicht auf Lindner verständigen könnte. Oder aber: Rösler wird Außenminister, sollte sich Westerwelle komplett zurückziehen.

Als Minister im Gesundheitsressort käme dann Daniel Bahr in Frage. Er ist der absolute Pragmatiker in der Runde der Nachwuchskräfte. Der 34-Jährige ist ein versierter Gesundheitspolitiker. Von der Fachkompetenz her hätte ihm das Amt des Gesundheitsministers 2009 am ehesten zugestanden. Doch nicht zuletzt wegen der Öffentlichkeitswirksamkeit der Personalie Rösler entschied sich Westerwelle für diesen. Bahr ist seither Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium – und mittlerweile zusätzlich NRW-Landeschef der Liberalen.

Alle drei sind nicht auf die Union fixiert

Bahr ist katholisch, auch wenn er das in seinem Lebenslauf nicht erwähnt. Als Verfechter der katholischen Soziallehre gilt er allerdings aufgrund seiner Positionierung bei den Verhandlungen zur Gesundheitsreform nicht. Wie Westerwelle war auch Bahr einmal Bundesvorsitzender der „Julis“. Mit 14 hatte er den Weg dorthin gefunden, weil die Jungen Liberalen sich über dieselben Probleme in der Bildungspolitik ereiferten wie er selbst. Seit 2002 gehört der Volkswirt dem Bundestag an. In der politischen Auseinandersetzung ist er stets scharfzüngig. Vor der heftigen Attacke schreckt er nicht zurück. Von Bahr stammt die Titulierung der CSU als „Wildsau“ in der Hochphase der koalitionsinternen Auseinandersetzungen um die Gesundheitspolitik.

Allen dreien ist gemein, dass sie die FDP bislang mit der Fokussierung auf die Steuerpolitik thematisch als zu begrenzt empfinden. Neben der Sozialpolitik wollen sie deutliche Positionierungen ihrer Partei in der Bildungspolitik, in der Definition des Verhältnisses von Staat und Bürger, in der Bewahrung der Bürgerrechte. Klar ist für sie allerdings auch, dass die Sanierung der Haushalte oberstes Gebot ist. Mit Blick auf Koalitionen sind sie anders als Westerwelle keinesfalls auf die Union fixiert. In einer thematisch breiten Aufstellung der FDP sehen sie Chancen für gemeinsame Schnittmengen auch mit den anderen Parteien. Der Praxistest in der ersten Reihe jedenfalls dürfte den dreien schon bald bevorstehen.