„Die Großbaustellen bestehen weiter“

Staatsministerin Maria Böhmer sieht dennoch zum heute beginnenden Integrationsgipfel deutliche Fortschritte. Von Christoph Scholz

(CDU). Foto: dpa
(CDU). Foto: dpa
Frau Staatsministerin Böhmer, worum geht es beim „Nationalen Aktionsplan“?

Der Plan ist ein Gemeinschaftswerk von Bund, Ländern, Kommunen, den Migrantenorganisationen und der Zivilgesellschaft. Er enthält Ziele, die überprüfbar und messbar sind. Dadurch wird Integration verbindlicher. Die Fortschritte wollen wir künftig regelmäßig überprüfen. Wissenschaftler haben uns dafür mit Indikatoren eine Messlatte an die Hand gegeben.

Wie ist Ihre bisherige Bilanz?

Die Integration macht deutliche Fortschritte, wie uns der Indikatorenbericht zur Entwicklung zwischen 2005 und 2010 aufzeigt. Wir haben also die richtigen Schwerpunkte gesetzt: Erwerb der deutschen Sprache, eine bessere Bildung und Ausbildung sowie gleiche Chancen am Arbeitsmarkt.

Wo gibt es Defizite?

Nehmen wir zum Beispiel die Bildung: Die Zahl der Schulabbrecher ist deutlich gesunken, aber der Abstand zwischen Jugendlichen aus Zuwandererfamilien und einheimischen Jugendlichen ist immer noch erheblich.

Was empfehlen Experten?

Sie haben nachgewiesen, dass die Bildungschancen nicht primär vom Migrationshintergrund abhängen, sondern von der sozialen Herkunft. Wesentlich ist ferner, ob die Umgangssprache in der Familie deutsch ist. In diesem Falle gibt es keine Unterschiede beim Bildungserfolg. Andernfalls beträgt der Rückstand teilweise mehr als ein Jahr. Die Botschaft lautet also für uns: So früh wie möglich mit der Sprachvermittlung beginnen und die Eltern einbeziehen. Die Integrationskurse bieten besondere Angebote für Migranteneltern.

Die Arbeitslosigkeit ist auch unter Migranten deutlich gesunken. Allerdings sind die Chancen bei der Arbeitssuche weiterhin schlechter, und Zuwanderer haben überproportional Niedriglohnjobs.

Bei der Arbeitsplatzsuche müssen wir klarer gegen Diskriminierungen vorgehen. Es gibt Fälle, wo Bewerber schon wegen des Namens abgewiesen werden. Ein wichtiger Schritt für die Chancengleichheit ist die neue Regelung, wonach Zuwanderer ihre im Ausland erworbenen Qualifikationen und Abschlüsse anerkennen lassen können. Der Bund hat hierzu ein Gesetz verabschiedet, das Anfang April in Kraft tritt.

Deutlich unterrepräsentiert sind Zuwanderer im Öffentlichen Dienst. Was will der Staat tun?

Dies wird am Dienstag ein Schwerpunktthema sein. Denn der Staat hat Vorbildfunktion. Wir brauchen dringend Migranten in der Verwaltung, bei der Feuerwehr, der Polizei oder im Gesundheitswesen. Bei Lehrern und Erzieherinnen gibt es zwar gute Zuwächse, aber damit dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Wir brauchen klare Weichenstellungen in der Ausbildung, dafür müssen Bund, Länder und Kommunen werben. Die Bundesregierung macht auch eine große Kampagne, um auf die Attraktivität dieser Berufe hinzuweisen.

Welche weiteren Schwerpunkte gibt es?

Der Bereich von Gesundheit und Pflege. Viele der Zuwanderer werden älter und brauchen gezielte Unterstützung. Wichtig ist die interkulturelle Öffnung in der Pflege. Aber auch bei Kindern müssen wir stärker über Impfungen oder Frühuntersuchungen informieren.

In den vergangenen Jahren ging es vor allem um die Integration der 16 Millionen bereits in Deutschland lebenden Ausländer. Wie steht es um Neuzuwanderer?

Die Weichenstellung von der nachholenden zur vorbereitenden Integration ist jetzt das entscheidende Thema. Dabei helfen uns die bisherigen Erfahrungen: Durch die Forderung nach einem Spracherwerb im Ausland kommen die Menschen wesentlich besser vorbereitet nach Deutschland. Sie integrieren sich schneller. Außerdem kann man sich nun vom Ausland aus über die mögliche Anerkennung der eigenen Qualifikationen erkundigen. DT/KNA