Die Freiheit eines Katholiken

Helmut Kohl wollte keine katholische Politik, wohl aber eine Politik aus christlicher Verantwortung, die bei ihm katholisch konnotiert war. Von Martin Lohmann

Papst und Kanzler Kohl am Brandenburger Tor
Die gestalteten Sternstunden der europäischen Geschichte: Papst Johannes Paul II. und Bundeskanzler Helmut Kohl, hier mit Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen im Juni 1996 am Brandenburger Tor in Berlin. Foto: dpa
Papst und Kanzler Kohl am Brandenburger Tor
Die gestalteten Sternstunden der europäischen Geschichte: Papst Johannes Paul II. und Bundeskanzler Helmut Kohl, hier mi... Foto: dpa

Helmut Kohl war katholisch. Und er war ein Mann der Freiheit. Etwas Gegensätzliches wollte und konnte er darin nie sehen. Im Gegenteil. Aus der Freiheit eines Christenmenschen erwuchs dem irgendwie ganz selbstverständlich katholisch Geprägten die Freiheit eines angstfreien Politikers, der um den Unterschied zwischen Freiheit in Verantwortung und Beliebigkeit ohne wirkliche Freiheit wusste.

Kirchliches Leben, Messbesuch, Gebete, die Lehre der Kirche – all das war dem letzten katholischen Kanzler Deutschlands vertraut. Freundschaften mit Kirchenleuten waren ebenso normal wie mit anderen Vertrauten. Dem Politiker und Staatsmann musste niemand erklären, wie wichtig für einen freiheitlichen Staat die Religion ist. In einem Interview mit der Herder-Korrespondenz sagte der damalige CDU-Vorsitzende im März 1975: „Wo die transzendente Dimension, wie immer sie der Einzelne persönlich verstehen mag, unterentwickelt ist oder gar unterdrückt wird, da setzt sich der Staat absolut und wird zum Instrument der totalitären Unterdrückung. Ohne Transzendenz gäbe es ja keine unabdingbaren Richtwerte, von denen aus Maßstäbe eingebracht werden könnten, die Verfassung, Staat und Gesellschaft unbedingt vorgegeben sind. Ohne Transzendenz gibt es auch keine wirklich stichhaltige Begründung für die Achtung vor der Menschenwürde, die Achtung vor der Unverfügbarkeit des Mitmenschen, die Achtung vor dem Leben. Transzendenz befähigt den Einzelnen, die staatliche Ordnung unabhängig mitgestalten und kritisieren zu können.“

Es klingt wie eine aktuelle Aussage ins Jahr 2017, wenn der damalige Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union nur wenige Monate vor seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten fordert: „Insgesamt werden die Kirchen große Anstrengungen unternehmen müssen, um den Wert, die Würde und die Bedeutung des Menschen in seinem Bezug auf Gott wieder neu und eindringlich in das Bewusstsein der Bürger zu stellen.“ Das sei keine „dramatische Feststellung“, sondern eher eine Forderung aus der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung.

Und Kohl nennt einige „Stichpunkte“: „Abtreibung, passive und aktive Sterbehilfe, zunehmende Gewalt und Brutalität im öffentlichen und zwischenmenschlichen Bereich, eine wachsende Zahl von Menschenrechtsverletzungen, aber auch Versuche, den Klassenkampf in unser Land zu tragen.“ Die Kirchen, so Kohl, müssten dafür sorgen, dass der „Staat seine Grenzen beachtet und nicht in alle Bereiche des menschlichen Lebens ausgreift. Und sie müssen sich konkret und tendenziell mit Ideologien auseinandersetzen, die den Menschen totalitär vereinnahmen wollen.“

Das „C“ im Namen jener Partei, die für ein Vierteljahrhundert unter seinem Vorsitz die Kohl-Partei sein sollte, war für den Pfälzer „der Maßstab, der Anspruch, an dem wir unser eigenes politisches Handeln messen lassen müssen“. Zwar ließen sich aus der christlichen Lehre nicht einfach Lösungsvorschläge für konkrete politische Aufgaben ableiten, doch es gelte: „Wir betreiben Politik aus christlicher Verantwortung.“ Hier sei, so der damalige 45jährige Macher, der intensive Austausch mit den Kirchen ausgesprochen wichtig. Die Christliche Soziallehre jedenfalls war dem Mann, der wenig später als Oppositionsführer nach Bonn wechselte und schließlich Kanzler wurde, vertraute Quelle seiner Orientierung.

Kohl, der klare Katholik? Wurde der Mann, der Machtstratege, der die Klaviatur der Prinzipien beherrschte, im Alltagsgeschäft der politischen Verantwortung eines Christen gerecht? Die Antworten werden je nach Standpunkt des Beobachters und je nach persönlicher Nähe zum oder Sympathie für den Verantwortungsträger verschieden sein. Vor allem beim Lebensschutz tauchen hinter dem Namen des großen deutschen Staatsmannes und Kanzlers der Einheit doch einige markante Fragezeichen auf. Warum? Weil zum Einheitspreis auch die mehr oder weniger selbstverständliche Übernahme einer DDR-Abtreibungsregelung zählte. Wurde damals das unbedingte Lebensrecht auch der ungeborenen Menschen von Kohl geopfert oder die Opferung zumindest von ihm zugelassen?

Kohl stammte aus einem ganz normalen katholischen Elternhaus, in dem der Glaube an Gott und die Praxis des Glaubens mitten im Leben selbstverständlich waren. Er beschrieb sein Elternhaus einmal als „katholisch, aber gleichzeitig liberal“, in dem die Orientierung „keinen Augenblick verloren“ ging. Doch Biografen heben hervor, dass bereits dem Pennäler die Entwicklung eines differenzierten Instinkts „für Machbares, für Mehrheiten“ gegeben war. Der Dominikanerpater und Weggefährte Basilius Streithofen lobte bei Kohl die „Tugend der Docibilitas, der Gelehrigkeit oder Belehrbarkeit, die auf das Urteil anderer Wert legt und sich etwas sagen lässt“. Ebenso betont er Kohls Tapferkeit, sein Standhalten in Schwierigkeiten. Tapferkeit setze voraus, dass der Politiker „die richtige Einschätzung der Menschen, der Güter und ihrer Wert- oder Rangordnung“ besitze. Auf Kohl treffe das zu. Meinte jedenfalls der streitbare Dominikaner. Möglich, dass Kohl, der als Oppositionspolitiker und auch als Kanzler keine Zweifel an seinem Einsatz für das Leben und sein Recht aufkommen lassen wollte, ausgerechnet in dieser Frage in seiner historischen Stunde der Einheit an seine Grenzen gestoßen ist oder wurde. Das brachte ihm, der einst eine geistig-moralische Wende angekündigt hatte, viel Kritik ein und kostete ihn Glaubwürdigkeit. In der dann auch mit Zustimmung seines Freundes Karl Lehmann entwickelten Scheinfrage, bei der die Bestätigung einer Beratung de facto zum „Tötungsschein“ werden konnte, geriet der Kanzler dann auch in einen schweren Disput mit dem von ihm ansonsten sehr geschätzten Papst Johannes Paul II.

Unvergessen, wie beide 1996 durch das Brandenburger Tor gingen und symbolisch faktisch die Einheit besiegelten. „Die Frohe Botschaft Christi ist eine Quelle der Kraft; sie gibt Menschen Orientierung und Halt“, hatte ein sichtlich bewegter Helmut Kohl gesagt, der nicht zuletzt durch seine Ehe mit der Protestantin Hannelore als ökumenischer Katholik zeitlebens die christlichen Wurzeln Europas ebenso beschwor wie seine christliche Prägung. Der große Papst hatte vor dem Brandenburger Tor in seiner großen Rede gesagt: „Der Mensch ist zur Freiheit berufen. Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit verpflichtet.“ Und weiter: „Es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit.“ Dem konnte auch Kohl zustimmen. Wie auch diesem Appell des Pontifex: „Achtet die unantastbare Würde eines jeden Menschen, vom ersten Moment seiner irdischen Existenz bis hin zum letzten Atemzug! Erinnert euch immer wieder an die Erkenntnis, die euer Grundgesetz allen anderen Erklärungen voranstellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Befreit euch zur Freiheit in Verantwortung!“

Kritiker sagen, aus der angekündigten geistig-moralischen Wende sei nicht mehr geworden als eine Ankündigung. Kohl, der nach der Machtübernahme in der Partei sofort begann, diese an die moderne Welt anzupassen, habe vieles zwar gut gemeint. Doch letztlich habe er sich dem Druck des linken und wertzerstörenden Zeitgeistes der 68er Diktatur auch nicht erwehren können. So gesehen sei die von ihm als „Mädchen“ geförderte Nachfolgerin, die als Generalsekretärin ihre Chance eiskalt genutzt habe, sich vom Übervater mittels eines FAZ-Artikels durch Sturz des im Rahmen einer Spendenaffäre angeschlagenen Ehrenvorsitzenden zu lösen, eine logische Konsequenz der Politik und des Handelns Kohls.

Dabei wird niemand ernsthaft bestreiten können, dass der in katholisch-freiem Geist aufgewachsene und selbstbewusst geprägte Kohl durchaus Interesse hatte, markante Fehlentwicklungen korrigieren zu wollen. Christa Meves, die Psychotherapeutin und Expertin für Kinderwohl und Mütterstärkung, erinnert sich gut daran, wie sie vom Bundeskanzler nach Bonn eingeladen war, weil Kohl in einem langen Vieraugengespräch wissen wollte, was man wirklich für die Familie tun könne und müsse. „Was sollen wir tun? Was kann ich tun?“, fragte er Meves, die daraufhin ihr Berufsmutter-Programm entfaltete. Schließlich, nachdem er der klugen Dame aus Uelzen mehrfach zugestimmt hat, resümiert er: „Wir müssen also eine Renaissance der Mütter machen.“ Und genau das wolle er später auch einleiten, verspricht er.

Es kam anders. Heiner Geißler, der 2017 „bekennt“, den Glauben an den von der Kirche verkündeten Gott verloren zu haben, hatte als Familienminister 1984 in seinem Zweiten Familienbericht längst entschieden: „Die neue Frauenbewegung, die in der Bundesrepublik im Rahmen der Studentenbewegung entstand, dann aber nach eigenen feministischen Konzepten suchte, übernimmt in ihren Äußerungen zur Familientätigkeit und Hausarbeit marxistische und radikal feministische Denkmuster. (...) Diese Form der radikalen ,gesellschaftlichen Selbsterfahrung‘ einer Gruppe der jungen Frauen muss in der Familienpolitik bedacht werden.“ Und spätestens mit Rita Süßmuth, die ihr erstes Interview als Familienministerin der Abtreibungsbefürworterin Alice Schwarzer gab, waren Kohls gegenüber Meves gemachten Absichten und Bekenntnisse zur Makulatur geworden. Geißler und Süßmuth gehören zu den von Kohl entdeckten „Talenten“.

Es wird Aufgabe späterer Analysen sein festzustellen, wie viel katholischer Kohl im Kanzler und in der Politik Kohls steckten und stecken konnten. Entlastend wird hierbei sicher die Erkenntnis sein müssen, dass man auch als Katholik keine katholische Politik machen kann, es also kein Durchregieren von der Bibel und der geoffenbarten Wahrheit in die Gesetzgebung eines freiheitlich demokratischen Staates geben kann. Die Grenzziehung zwischen Gewissensentscheidung und der Notwendigkeit zum politischen Kompromiss bleibt wohl im konkreten Fall stets ein nicht ganz auflösbares Spannungsverhältnis, das man nicht zuletzt an einem in der Freiheit des Katholischen verwurzelten Kohl ablesen kann, der seinen persönlichen Glauben und die daraus erwachsenen Erkenntnisse nicht verschwieg, ihn aber nicht anderen aufzudrängen vermochte oder wollte.

Der Katholik Kohl wollte keine katholische Politik, wohl aber eine Politik aus christlicher Verantwortung, die bei ihm in der Christlichen Soziallehre katholisch konnotiert war. Aber sie begegnete eben auch einem Machtinstinkt, der seinen Preis forderte in einem System, das mit Mehrheiten funktioniert, die häufig mühsam und zäh erkämpft werden müssen. Weil das so ist, kann die Konsequenz für Christen in Zeiten der Verwirrung und Verführung nur lauten, sich zu bilden und das christliche Menschenbild mit all seinen Folgerungen der vorgegebenen Würde, des Rechts auf Leben und der aus diesem besten Bild vom Menschen kommenden Freiheit mutig und angstfrei zu kämpfen. Helmut Kohl hat den ihm geschenkten Teil dazu beigetragen. So gesehen bleibt er eine Herausforderung.