Die Ärmsten der Armen Rumäniens

Die Geburt eines behinderten Kindes ist meist der Anfang von wirtschaftlichem Abstieg und sozialer Isolation – Renovabis hilft den Helfern helfen. Von Stephan Baier

Marc wird von den Therapeutinnen der Caritas liebevoll betreut. Foto: sb
Marc wird von den Therapeutinnen der Caritas liebevoll betreut. Foto: sb

Der kleine Marc krabbelt am Boden, zieht sich mühsam an einem Rollstuhl hoch, um dann schnell wieder auf den Hintern zu plumpsen. Seine vier Jahre sieht man ihm nicht an, wie auch die anderen Kinder in der Sozialstation der Caritas im siebenbürgischen Miercurea Ciuc altersmäßig schwer einzuschätzen sind. Sie alle leiden unter schweren körperlichen und mentalen Beeinträchtigungen. Und dennoch haben sie noch ein Glück, von dem sie nicht wissen, denn sie werden von professionellen und liebevollen Therapeutinnen betreut und geschult. Den allermeisten Kindern, die mit einer Behinderung geboren werden, bleibt in Rumänien beides versagt: eine Atmosphäre der Wertschätzung und menschlicher Wärme wie auch eine fachkundige Förderung. In kommunistischer Zeit war Behinderung ein Tabu – bis heute wirkt sie sozial stigmatisierend.

„Wir versuchen unsere Kinder und Jugendlichen in die Gemeinschaft zu integrieren, denn sie sind völlig isoliert und haben keine Sozialkontakte“, sagt die dynamische Leiterin der örtlichen Caritas, Zsuzsanna Demeter, deren Arbeit zum Großteil vom Hilfswerk Renovabis finanziert wird. Unter der kommunistischen Diktatur, die erst 1990 nach Jahrzehnten des Schreckens endete, wurde behauptet, dass es in Rumänien keine Behinderten gebe. Sie wurden weggesperrt: in den Häusern ihrer Familien oder in staatlichen Einrichtungen, welche eher Gefängnissen glichen. „Behinderte waren gar nicht im Bewusstsein der Menschen! Wenn wir heute mit unseren Kindern ausgehen, dann schauen die Leute auf der Straße komisch“, sagt Zsuzsanna Demeter. Sie und ihr Team veranstalten deshalb Programme in Schulen, organisieren Sommercamps, bringen Kinder mit und ohne Behinderung zusammen.

In ihrer Werkstätte, die in den engen Räumen unter der großen, modernen Augustinus-Kirche eingerichtet ist, lernen autistische Jugendliche und Kinder mit Down-Syndrom kleine handwerkliche Fertigkeiten. Auch die Eltern werden geschult und psychologisch unterstützt, denn mit der Geburt eines behinderten Kindes sind sie oft völlig überfordert. „Viele Mütter tun sich sehr schwer, anzunehmen, dass ihr Kind behindert ist. Sie müssen das selbst verkraften und ihren Verwandten beibringen“, sagt Frau Demeter. Oft brechen Angehörige dann den Kontakt ab, die Familie wird isoliert. Die Scheidungsraten von Eltern mit behinderten Kindern sind in Rumänien signifikant höher. Meist sind es die Väter, die ihre Familie dann verlassen. Dazu kommt eine enorme finanzielle und zeitliche Belastung. Wenn die Mutter ihren Job aufgibt, um für ihr Kind da zu sein, ist der Weg in die Armutsfalle bereits beschritten. Die staatliche Unterstützung ist lächerlich gering – und allzu oft reine Theorie.

András Márton, Direktor der Caritas in der Diözese Alba Julia, bestätigt: „In kommunistischer Zeit gab es in Rumänien keinerlei Versorgung für Menschen mit Behinderungen und in sozialen Nöten. Rumänien war da ein weißer Fleck auf der Landkarte.“ Die Caritas mit mehr als 500 Mitarbeitern und fast ebenso vielen Ehrenamtlichen hilft Familien in Not, organisiert Altenpflege und Behindertenarbeit, initiiert Integrationsprogramme für Roma, kümmert sich um den vom Staat vernachlässigten Aufbau der ländlichen Entwicklung. „Wir sind ziemlich bunt!“ Dabei hat die Caritas 1990 bei Null gestartet und ist selbst noch im Aufbau. Die Herausforderungen sind so gewaltig wie das Versagen des Staates: Eine Geburtenrate von 1,35 und die Abwanderung von Jugendlichen aus dem ländlichen Raum führen zu hoher Überalterung, insbesondere auf dem Land. Die Caritas ist hier die einzige Organisation, die eine soziale Versorgung anbietet.

„Theoretisch ist jeder Bürger krankenversichert, aber wenn es die Leistungen nicht gibt, bekommt man sie eben nicht“, sagt Márton. Es gibt eine massive Auswanderung von rumänischen Ärzten in den Westen. „Das liegt daran, dass Ärzte hier am Anfang 200 bis 250 Euro pro Monat verdienen.“ Der heutige Caritas-Direktor hat selbst Medizin studiert – in der Absicht, ins Ausland zu gehen. Dann aber hat er seine Berufung entdeckt, den Menschen in Rumänien zu helfen. Statistisch lebt ein Drittel der Bevölkerung an der Armutsgrenze. 1,5 Millionen leben von weniger als zwei Euro am Tag. „Die Armut ist groß.“ Viele Menschen lebten im Kommunismus von einer Subsistenz-Landwirtschaft: „Wenn man zu essen hat und heizen kann, ist man schon zufrieden“, sagt Márton. Vor allem der Gesundheitsbereich liegt im Argen, darum gibt es hier viele Schwarzzahlungen: „Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich dem Arzt ein Kuvert mit Geld geben, im Krankenbett dann auch der Krankenschwester.“

Es geht nicht nur darum, soziale Dienstleistungen aufzubauen, sondern die Mentalität einer Gesellschaft zu ändern, wie Márton weiß: Unter den Kommunisten sei jede Eigeninitiative und Eigenverantwortung strafbar gewesen. „Rumänien war fast 50 Jahre ein kommunistischer Staat, wo alles verstaatlicht war. Seit den 90er Jahren läuft eine Privatisierung auf Faustrecht. Wer in der Nähe einer Machtposition war, kam zu Eigentum. Es gibt sehr viel Korruption, auch auf höchster Ebene – das ist nicht neu.“ Immer noch versuchten viele Menschen, „nahe an den Geldtöpfen zu sein“. Der Beitritt zur Europäischen Union 2007 hat zwar Hilfen ins Land gespült, aber auch neue Probleme gebracht: 2,5 bis drei Millionen rumänische Staatsbürger arbeiten derzeit im Ausland. „Die sozialen Strukturen leiden darunter, weil Familien und Kinder vaterlos zurückbleiben.“ Euro-Waisen nennt man diese Kinder, die ihre Väter allenfalls ein paar Wochen im Jahr sehen.

Márton meint: „Eines der größten Probleme ist, dass der Mensch an sich keinen Wert hat. Deshalb sind Behinderte sehr arm, weil sie für sich nicht sorgen können. Aber arm sind auch Menschen, die krank sind oder keine Arbeit haben.“ Die Gesetzgebung im Behindertenbereich sei gut, die Umsetzung dieser Gesetze funktioniert aber gar nicht. Auf lokaler und regionaler Ebene gibt es mitunter eine Zusammenarbeit der Caritas mit den Behörden, doch die nationale Ebene nimmt die Zivilgesellschaft noch zu wenig wahr: „Es liegt außerhalb ihrer Vorstellung, dass jemand anderer das Leben gestalten könnte als die Politik.“

Hoffnung gibt, dass der Großteil der ehrenamtlichen Caritas-Mitarbeiter sehr jung ist. Eine neue Generation, die da heranwächst. „Die Basis sind die Jugendlichen – die arbeiten wirklich!“, bestätigt die Generalsekretärin der Malteser in Cluj (Klausenburg), Zsuzsa Barla, als sie von ihren engagierten Ehrenamtlichen schwärmt. Auch sie bestätigt, dass Menschen mit Behinderungen in kommunistischer Zeit einfach nicht sichtbar – sondern weggesperrt – waren: „Wir waren schockiert über die Zustände, in denen Behinderte und psychisch Kranke jahrzehntelang gelebt haben.“ Eine Integration in normale Schulen habe oft keinen Sinn, weil die dortigen Lehrer keine entsprechende Ausbildung haben. Also kümmern sich Caritas und Malteser mit eigenen Projekten, mit ausgebildeten Therapeuten und mit Unterstützung von Renovabis um die Menschen mit Behinderungen. Die staatliche Unterstützung sei so gering, dass daraus kein soziales System entstehen kann. Dabei leben laut offizieller Statistik 640 000 Behinderte in Rumänien, 61 000 davon sind Kinder. „Es gibt noch heute das Gefühl, es sei eine Schande, ein behindertes Kind zu haben. Wir versuchen das den Eltern auszureden“, sagt Barla.

Noch deutlicher wird Eugen Stefanescu, Direktor der Caritas in Bukarest: „Manche glauben, sie bekommen wegen ihrer Sünden ein behindertes Kind.“ Die Behinderung des Kindes als Strafe Gottes für die Eltern? „Ja, wir haben noch immer diese Mentalität“, sagt Stefanescu, der sich beeilt zu erklären, dass viele Christen ihr behindertes Kind als Geschenk Gottes annehmen, sich dann aber von Verwandten und Nachbarn Vorwürfe anhören müssen. Viele Ärzte würden die Mütter zur Abtreibung drängen, andere sagen, das behinderte Kind sollte rasch in ein staatliches Heim abgeschoben werden, wieder andere würden jede Frühförderung verzögern und die Mütter überreden, damit noch zu warten. Eine amtliche Statistik über die Zahl der Abtreibungen gibt es in Rumänien nicht. „Ich glaube, wir sind auf dem ersten Platz in Europa. Aber keine Behörde kennt die Zahlen“, sagt Stefanescu im Gespräch mit der „Tagespost“.

Unter Stefanescus Leitung hat die Caritas in der Hauptstadt Bukarest – einer Metropole mit zwei Millionen Einwohnern – Zentren für Straßenkinder und für Kinder mit Behinderungen, eine Sozial-Apotheke für rund 3 000 Menschen, eine Kantine mit täglichem kostenlosen Essen für Arme, eine Sozial-Wäscherei für Obdachlose und ein Therapiezentrum für Down-Syndrom-Kinder ins Leben gerufen. Rumäniens Caritas engagiert sich im Netzwerk gegen den Menschenhandel, initiiert Elternvereine für Familien mit autistischen Kindern, berät schwangere Mütter, betreibt die Frühförderung behinderter Kleinkinder und vermittelt Patenschaften von Familien aus Italien oder Deutschland für notleidende Kinder in Rumänien.

All das ist viel für eine Hilfsorganisation, die weder auf nennenswerte staatliche Unterstützung noch auf Kostenbeiträge Betroffener rechnen kann, sondern mehrheitlich von Spenden, von lokalen Hilfen und von Unterstützung aus dem Westen lebt. Allein Renovabis hat seit 1993 in Rumänien 1 662 Projekte mit einem Volumen von fast 75 Millionen Euro gefördert. Es ist aber nie genug angesichts der sozialen Zustände in einem post-kommunistischen, von Korruption und Misswirtschaft gebeutelten Land mit 21 Millionen Einwohnern.

97 Prozent der Menschen mit Behinderungen werden in Rumänien zuhause gepflegt, weil der Staat keine Angebote macht und die kirchlichen Dienste – katholischerseits Caritas und Malteser, von orthodoxer Seite die Philanthropia – noch im Aufbau sind. Bei einem Durchschnittseinkommen von weniger als 400 Euro im Monat, und bei Brot- sowie Treibstoffpreisen wie in Deutschland leben viele Rumänen mit der alltäglichen Armut. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 7,5 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit jedoch über 20 Prozent. Kein Wunder, dass gerade die Fleißigsten und Begabtesten ihr Glück im Westen suchen – während jene, die bloß über das Talent verfügen, sich mit den Mächtigen und den korrupten Strukturen zu arrangieren, an die Futtertröge im Lande drängen.