Deutsche ohne Lust auf Kinder

Familienexperten verweisen auf Frankreich als Vorbild – Bundesregierung setzt auf Ausbau von Kindertagesstätten

Seit vier Jahrzehnten werden in Deutschland viel zu wenige Kinder geboren. Über die Gründe streiten die Experten. Foto: dpa
Seit vier Jahrzehnten werden in Deutschland viel zu wenige Kinder geboren. Über die Gründe streiten die Experten. Foto: dpa

Wiesbaden/Berlin (DT/dpa/KNA) Deutschland gehört seit Mitte der 1970er Jahre zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate. Während in mehreren Ländern Europas zuletzt ein Wiederanstieg der Fertilität zu verzeichnen war, ist dieser hier ausgeblieben. Zudem hat Deutschland im globalen Vergleich einen der höchsten Anteile dauerhaft kinderloser Frauen. Laut einer Studie des „Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung“ (BiB) werden Kinder nicht mehr automatisch als Quelle von Zufriedenheit und Lebensfreude gesehen: In Deutschland denken weniger als die Hälfte der Kinderlosen, dass Elternschaft ihre Lebensfreude erhöht. Die Angst vor Überforderung spiele eine Rolle, sagt der wissenschaftliche Direktor des Wiesbadener Instituts, Jürgen Dorbritz. „Man wird mit Ratgebern überhäuft, und die Leute versuchen, es perfekt zu machen.“ In Sachen Familie müsste sich das Bewusstsein grundlegend wandeln, so wie es die Grünen bei der Umwelt geschafft hätten, sagte Dorbritz.

2011 hatten 53,3 Prozent der Familien nur ein Kind, zehn Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 51 Prozent, so das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Ein gutes Drittel der Familien (36 Prozent) zog 2011 zwei minderjährige Kinder auf. Nur zwei Prozent der Familien hatten vier oder mehr Kinder unter 18 Jahren. Im vergangenen Jahr gab es rund 8,1 Millionen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind, über eine Million weniger als 2001. Insgesamt hatten die Familien 2011 rund 14,5 Millionen Kinder, davon 13 Millionen unter 18 Jahren.

Angesichts der Daten zur Geburtenflaute kritisiert der Kinderschutzbund die Rahmenbedingungen: „Wir haben große Defizite bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und es fehlt leider auch das Bewusstsein und die feste Überzeugung, dass Kinder wirkliches Glück ins Haus bringen“, so Präsident Heinz Hilgers zur „Passauer Neuen Presse“. Hilgers weiter: „Junge, intelligente Frauen entscheiden sich nicht wegen des Elterngeldes oder 150 Euro Betreuungsgeld für Kinder.“ Eltern wollten keine „Massen-Kindertagesstätten, sondern qualitativ hochwertige Angebote“, dies gelte gerade für die Höherqualifizierten.

Die CSU-Familienexpertin Dorothee Bär sagte, in Deutschland seien Kinder häufig ein lange geplantes Megaprojekt, während sie zum Beispiel in Frankreich ganz selbstverständlich zum Leben dazugehörten. „Sie werden nicht minutiös zu einer bestimmten Lebensphase geplant, sondern sind zu jeder Zeit willkommen“, sagte Bär der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Dass Paare sich gegen Kinder entscheiden, weil sie den Erwartungsdruck der Gesellschaft fürchten, sei „eine ungute Entwicklung“. „Was jungen Paaren und Eltern Mut macht, sind Vorbilder aus allen Bereichen, die ihnen die Lust aufs Kind vorleben.“

Die Bundesregierung will nun kurzfristig zusätzlich 580,5 Millionen Euro für den Ausbau von Kindertagesstätten bereitstellen. Das Kabinett verabschiedete am Mittwoch einen Gesetzentwurf zur Förderung von unter dreijährigen Kindern in Kitas und in der Tagespflege. Ab August tritt der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für unter Dreijährige in Kraft. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) betonte, der Gesetzentwurf sei ein Signal der Bundesregierung, dem Ausbau der Kinderbetreuung höchste Priorität einzuräumen. Die Länder müssten diese Mittel umgehend bewilligen, damit die Kommunen und auch die Eltern Klarheit hätten. Um den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für unter dreijährige Kinder einzulösen, hatte der Bund zusätzliche Mittel zum Kita-Ausbau bereitgestellt. Der Bundesrat hatte die Annahme der Mittel im November zurückgewiesen, weil er die damit verbundene Bürokratie ablehnte. Nach einer Einigung in dieser Frage lehnte die Länderkammer nun mit dem Jahressteuergesetz erneut auch die zusätzlichen Bundesmittel ab.

Zustimmung erhält die Regierung von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Jede weitere Anstrengung zugunsten einer flächendeckenden Kinderbetreuungsinfrastruktur sei wichtig, um Beruf und Familie zu vereinbaren, die Berufstätigkeit insbesondere von Frauen zu fördern und Fachkräfte zu sichern, sagte er. „Jetzt sind die Bundesländer gefordert, das Ausbauziel im kommenden Jahr auch tatsächlich zu erreichen.“ Hundt nannte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie „eines der zentralen Anliegen der deutschen Arbeitgeber“. Nachholbedarf habe vor allem die Politik.

Lernen könnte die deutsche Familienpolitik beim Blick ins europäische Ausland: In Frankreich sei das Steuerrecht freundlicher zu Familien, erklärt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Dort gebe es nicht das Ehegattensplitting, sondern ein Familiensplitting. Das dritte Kind, also die große Familie, wird in Frankreich bei der Steuer gezielt gefördert. Mit Blick Richtung Skandinavien fordert Klingholz: „Das Elterngeld sollte generell nur gewährt werden, wenn auch die Väter es länger als zwei Monate in Anspruch nehmen.“ Was die Lage in Deutschland so schwierig mache, sei, dass es weniger Frauen im gebärfähigen Alter gibt als früher. Die Zahl der Kinder je Frau ist seit 40 Jahren so niedrig, länger als eine Generation: „Damit wird sie eine Norm.“

Dazu auch Leitartikel auf Seite 2.