Der ewige Revolutionär

Kubas Máximo Lider, der mittlerweile recht altersschwache Fidel Castro, wird 90 Jahre alt – Sein Bruder verwaltet das Erbe. Von Carl-Heinz Pierk

Papst Franziskus besuchte Fidel Castro am 21. September 2015 in seiner kubanischen Residenz. Foto: Fotos: dpa
Papst Franziskus besuchte Fidel Castro am 21. September 2015 in seiner kubanischen Residenz. Foto: Fotos: dpa

Es war der letzte Tag des diesjährigen Parteikongresses der kubanischen Kommunisten in Havanna: Der legendäre Máximo Lider Fidel Castro, der sich nur noch selten in der Öffentlichkeit zeigte, sprach sitzend im Trainingsanzug zu den tausend Delegierten. Er redete über die Schwierigkeiten, Kuba durch Zeiten der Krisen zu führen, aber auch über sein eigenes Leben und sein Alter. Bald schon werde er 90 Jahre alt. „Vielleicht ist das eines der letzten Male, dass ich in diesem Saal spreche.“ Am 13. August wird Fidel Castro 90 Jahre alt. Ramón Castro, der ältere Bruder von Fidel und des heutigen kubanischen Staatschefs Raúl Castro, war am 23. Februar 2016 gestorben. Er wurde 91 Jahre alt.

13. August 1926 – das ist das offizielle Geburtsdatum von Fidel Castro, dem Sohn des Großgrundbesitzers Ángel Castro y Argiz und dessen damaliger Haushälterin und Köchin Lina Ruz González. Bereits im Alter von sechs Jahren schicken seine Eltern den kleinen Fidel fort: von der heimatlichen Finca im Osten Kubas in eine katholische Schule nach Santiago de Cuba. Pflegeeltern kümmern sich dort um den klugen Jungen. Mit 16 Jahren besucht Fidel Castro das Jesuitenkolleg Belén in Havanna, ein angesehenes Internat. 1945 überreichen ihm die Patres sein hervorragendes Abschlusszeugnis. Nach dem Jesuitenkolleg wechselt Castro zum Jurastudium an die Universität von Havanna. Anwalt, das war sein Berufsziel. Schon damals fällt sein rhetorisches Talent auf. Vom geistigen Erbe der Jesuiten sagt er sich aber los – mit dramatischen Folgen: Anfang der 1960er Jahre lässt er kirchliche Schulen schließen und ordnet die Verbannung von Ordensfrauen und Priestern an. Höhepunkt war die Ausweisung des Weihbischofs Eduardo Roza Masvidal und 131 weiterer Priester. Insgesamt mussten in jenen Jahren nach einem Bericht der Katholischen Nachrichtenagentur etwa 2 500 Priester und Ordensleute die Karibikinsel verlassen.

Die Kirche, hatte Castro erklärt, sei die Kirche der Reichen, der Aristokraten, der Privilegierten gewesen. Diese Privilegierten wollten die Kirche gegen die Revolution benutzen, als Deckmantel, um ihre Privilegien aufrechterhalten zu können. Fidel Castro sieht sich vielmehr in der Nachfolge José Martis, des Freiheitskämpfers gegen die spanischen Kolonialherren, der seinem Land Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung bringen wollte. Auch Fidel Castro kämpft den Kampf gegen eine Macht. Es sind die USA, die Kuba nur als Rohstofflieferant und Vergnügungsinsel betrachteten. Der Weg des jungen Fidel schien vorgezeichnet: 1953 organisiert Castro den berühmten Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba. Etwa 160 schlecht bewaffnete Kämpfer stellen sich gegen die zweitgrößte Armee-Einrichtung des Landes – erfolglos. Castro unterliegt und wird festgenommen. Seine Bekanntheit und sein Ansehen steigen jedoch im ganzen Land schlagartig an.

Nach der Festnahme verteidigte Castro sich selbst, hielt eine flammende Rede gegen den Diktator Batista. Seine Haftstrafe: 15 Jahre. Doch bereits 1955 wurde Castro vorzeitig entlassen. Er ging ins mexikanische Exil, zur Vorbereitung des bewaffneten Kampfes – seiner Revolution gemeinsam mit Ernesto „Che“ Guevara. Im November 1956 starteten 82 Guerilleros auf dem Schiff „Granma“ (Großmutter), einer klapprigen Yacht, Richtung Kuba. Doch die Landung lief nicht wie geplant. In einem Hinterhalt der Armee wurden viele von Castros Männern getötet oder gefangen genommen. Am Ende konnte sich nur noch eine kleine Truppe, darunter auch „Che“ Guevara, mit Fidel in die Berge der Sierra Maestra retten. Von hier aus wuchsen Castros Rebellenarmee und sein Einfluss gegen Batista stetig. Die Guerilla-Truppen kämpften immer erfolgreicher. Am 1. Januar 1959 machte sich Batista ins Exil davon. Castro hatte den Sieg errungen. Und dazu eine Utopie: Kuba sollte zum Lehrmeister der Weltrevolution werden. Ob in Bolivien, Peru und Chile oder in Angola und Mosambik – fast jedes Mal, wenn sich ein Volk erhob, waren Castro und „Che“ Guevara nicht weit.

Am 8. Januar 1959 zog Fidel Castro unter Jubelrufen in Havanna ein. Von Anfang an verstand er es, die Massen zu mobilisieren und sie in seinen Bann zu ziehen. Nach dem Sieg der Revolution fackelte Castro nicht lange. Er ließ Batista-Gegner in öffentlichen Schauprozessen hinrichten, die Mieten, Strom und Telefon wurden günstiger. Die Löhne, besonders die der Zuckerrohrarbeiter, stiegen. Zahlreiche Ordensschwestern und Priester mussten die Insel verlassen, Castro verwehrte sogar den Gläubigen den Eintritt in die Partei. Im Jahr 1976 ließ er den Atheismus in der Verfassung festschreiben, somit war ab diesem Jahr Weihnachten ein ganz normaler Arbeitstag. Erst in den 1990er Jahre ersetzte Fidel Castro den Atheismus in der Verfassung durch den sogenannten Säkularismus, Weihnachten wurde wieder ein offizieller Feiertag.

Schließlich enteignete Castro die Großgrundbesitzer und führte amerikanische Unternehmen in kubanisches Eigentum über. Das quittierten die Amerikaner mit einem Handelsembargo. Am 3. Februar 1962 erließ US-Präsident John F. Kennedy das komplette Handelsembargo gegen Kuba. Vier Tage später trat es in Kraft. Das Ziel: Die Insel sollte nach der kubanischen Revolution und den Enteignungen von US-Unternehmen isoliert werden. Dem linken Umsturz 90 Meilen vor der US-Küste wollte Kennedy so schnell wie möglich ein Ende bereiten. Aber Revolutionsführer Fidel Castro wandte sich nun erst recht einer anderen Großmacht zu: der Sowjetunion. Seitdem ist viel geschehen. Die Sowjetunion gibt es längst nicht mehr. Der „Kalte Krieg“ ist eigentlich beendet. Und die USA sind weltweit beinah komplett isoliert mit ihrem Embargo.

Der Revolutionsheld aber blieb bei seinem Konfrontationskurs. Der Konflikt zwischen den USA und Kuba gipfelte 1961 in der Invasion in der Schweinebucht, als die Amerikaner erfolglos versuchten, die Castro-Regierung zu stürzen. 1962 stand die Welt in der Kuba-Krise am Rande eines Atomkrieges. Fidel Castro hatte den Sowjets gestattet, auf Kuba Mittelstreckenraketen zu stationieren. Eine Einigung der Regierungsspitzen der beiden Supermächte verhinderte die weitere Eskalation der Krise.

Seit mehr als vier Jahrzehnten an der Macht, übertrug Castro am 1. August 2006 die Amtsgeschäfte als Präsident und Erster Sekretär der Kommunistischen Partei auf seinen Bruder Raúl. In den vergangenen Jahren hatten sich Zwischenfälle gehäuft, die auf eine schwächer werdende Gesundheit Castros deuteten. Am 23. Juni 2001 verlor er bei einer Rede in sengender Sonne kurz das Bewusstsein. Am 20. Oktober 2004 brach er sich die Kniescheibe und den Arm, als er bei einer Rede stürzte. Danach kamen Gerüchte auf, er sei an Parkinson erkrankt. Dazu sagte er im November 2005: „Sie haben so oft versucht, mich umzubringen.“ Er fühle sich „besser denn je“, werde sich aber nicht an die Macht klammern. Wenn er sich gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage fühle, das Land zu führen, werde er die Partei bitten, einen anderen Führer zu benennen.

Raúl Castro, bisher Verteidigungsminister, machte sich notgedrungen zunächst daran, den Sozialismus zu „aktualisieren“. Er bewegt sich in einem schwierigen Umfeld. Einerseits blockiert der alte Machtapparat längst überfällige Reformen in diesem letzten sozialistischen Land der westlichen Hemisphäre, andererseits braucht die Wirtschaft dringend marktwirtschaftliche Impulse. Zentrale Frage für Kubas Kommunisten ist dabei, wie viel Veränderungen das Land braucht und ab wann Reformen das System gefährden. Mehr Markt – damit der Sozialismus überleben kann, ist nun das Rezept. Kubaner dürfen künftig kleine Geschäfte betreiben und Arbeitskräfte beschäftigen. Politische Reformen gibt es dagegen nicht. Erleichtert wurden auch die Ausreisebestimmungen. Das Recht auf Meinungs- und Organisationsfreiheit ist jedoch nach wie vor stark eingeschränkt. Oppositionelle sitzen in Gefängnissen, die berühmten „Damen in Weiß“ als Angehörige von politisch Verfolgten sehen sich immer wieder nach ihren sonntäglichen Gottesdiensten Repressionen ausgesetzt, freie Wahlen sind ein Fremdwort. Um Fidel Castro aber war es ruhig geworden. Im hohen Alter schrieb der ehemalige kubanische Staatschef Memoirenbände, erzählte aus alten Revolutionszeiten.

Für Aufsehen sorgte Fidels Begegnung mit Papst Benedikt XVI. im Rahmen dessen Kuba-Besuchs vom 26. bis 28. März 2012. Der Revolutionsführer hatte selbst den Wunsch geäußert, mit Benedikt XVI. zusammenzutreffen und ihn gebeten, ihm einige Minuten seiner Zeit zu widmen. Der Papst habe in der etwa dreißigminütigen Unterredung gegenüber Castro seine große Zufriedenheit über die Reise und seinen Empfang auf Kuba geäußert, berichtete damals Vatikansprecher Federico Lombardi. Castro habe Benedikt XVI. nach der Lage der Kirche gefragt und sich nach den Aufgaben eines Papstes erkundigt und das Kirchenoberhaupt gebeten, ihm interessante Bücher über die angesprochenen Themen zuzuschicken.

Offizieller Anlass für die Reise des Papstes war die 400-Jahr-Feier der Auffindung des Gnadenbildes der Barmherzigen Jungfrau von El Cobre. Der Überlieferung nach wurde die Holzfigur im Jahr 1612 in der Bucht von Nipe entdeckt und später nach El Cobre gebracht, dem Zentrum des Kupferbergbaus auf Kuba (spanisch Cobre, Kupfer). Das Gnadenbild fand große Verehrung in der Bevölkerung. Im Jahr 1916 erklärte Papst Benedikt XV. die Gottesmutter von El Cobre zur Nationalpatronin des kubanischen Volkes. Etwa 60 Prozent der Kubaner sind katholisch getauft. Seit Jahrzehnten wird die katholische Kirche unterdrückt, wenngleich sich seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. in Kuba im Januar 1998 die Situation leicht verbessert hat. Auch wenn Staatspräsident Raúl Castro in seiner Ansprache zur Begrüßung des Papstes stolz verkündete, in Kuba gebe es mittlerweile „vollständige Religionsfreiheit“, ließ sich Benedikt XVI. davon nicht beirren und sprach während seines dreitägigen Besuches immer wieder die Defizite im Bereich der Menschenrechte und speziell der Religionsfreiheit in Kuba an.

Mehr religiöse Freiheiten forderte auch Papst Franziskus bei seinem Aufenthalt vom 19. bis 22. September 2015 in Kuba. Denn von einer echten Religionsfreiheit ist Kuba noch weit entfernt. Franziskus rief die Jugend des Landes dazu auf, sich nicht von Ideologien treiben zu lassen. Man solle sich nicht darin einmauern, sagte der Papst bei einer Begegnung mit hunderten Jugendlichen in der Hauptstadt Havanna.

Zu einer Unterredung kam Franziskus auch mit Raúl Castro zusammen, der ausdrücklich die Vermittlung des Vatikans bei der Annäherung an den langjährigen Erzfeind, die USA, lobte. An der Wiederannäherung zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten von Amerika hatten der Papst und die Vatikandiplomaten entscheidenden Anteil. Im Sommer 2014 habe sich der Heilige Vater persönlich an die beiden Präsidenten gewandt, sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. „Er hat die Initiative ergriffen und an beide Präsidenten geschrieben und sie aufgefordert, die Schwierigkeiten zu überwinden und eine Einigung, eine Begegnung zu suchen. Das hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass er aus der Region kommt und das Problem gut kennt.“

Zu einem Treffen Fidel Castros mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama während dessen historischen Kuba-Besuchs am 21. März 2016 kam es nicht. Offensichtlich sah der „Revolutionsführer“ die Annäherung an die USA kritisch. „Wir haben es nicht nötig, dass das Imperium uns was schenkt“, schrieb der 89-Jährige in einem Gastbeitrag für das Parteiblatt „Granma“, das gewöhnlich seine Leser mit den „Reflexionen“ Fidel Castros langweilt.

Mit Material von KNA, Radio Vatican, Kirche in Not und IGFM

Der Máximo Lider mit seinem Kampfgefährten „Che“ Guevara (rechts) im Jahr 1959.