„Der Schmerz des ganzen Landes“

Italien nahm Abschied von den Opfern des tragischen Busunglücks bei Neapel. Von Guido Horst

Trauer und Fassungslosigkeit: Angehörige an den Särgen der Opfer. Foto: dpa
Trauer und Fassungslosigkeit: Angehörige an den Särgen der Opfer. Foto: dpa

Sehr wahrscheinlich ein technischer Schaden: Der Unglücksbus, der am Sonntagabend auf einer Autobahn in der Nähe von Neapel 38 Menschen – darunter zahlreiche Kinder – in den Tod riss, soll, so berichten Zeugen und Carabinieri, „schwere Teile“ verloren haben, sehr wahrscheinlich Teile der Bremsanlage, bevor es auf der Rückfahrt vin San Giovanni Rotondo zu der Katastrophe kam. Den Spuren zufolge hat der Fahrer versucht, den rasenden Bus abzubremsen, indem er ihn an die seitliche Betonbrüstung der Autobahn drückte. Doch ein Stauende beendete die Höllenfahrt: Der Bus drückte mehrere Autos zusammen – weitere zehn Verletzte –, bevor er auf einer Brücke die Betonbrüstung durchbrach und dreißig Meter in die Tiefe stürzte. Die Bergungsarbeiten dauerten die ganze Nacht. Der Anblick, der sich den Einsatzkräften bot, war ein Bild des Entsetzens. Von den Verletzten schweben einige noch immer in Lebensgefahr. Dass das schwerste Busunglück Italiens der zurückliegenden sechzig Jahre wohl nicht auf ein Versagen des Fahrers zurückzuführen ist – die tragischen Bilder vom Lokführer von Santiago de Compostela hatte jeder noch vor Augen –, war kaum ein Trost für die etwa viertausend Menschen, die am Dienstag zur Trauerfeier zusammenkamen, um von den Toten Abschied zu nehmen. Pozzuoli heißt der Ort, aus dem die meisten der Opfer stammten. Die örtliche Sporthalle reichte nicht aus, um die Trauernden und Verzweifelten aufzunehmen. Der Bischof des Städtchens feierte eine Messe, neben dem improvisierten Altar standen 37 Särge – einer der Toten fehlte, der Fahrer; sein Leichnam lag wegen der sofort angeordneten Obduktion noch in der Gerichtsmedizin.

„Wir weinen gemeinsam mit den Einwohnern“

An der Feier nahm neben weiteren italienischen Politikern auch Ministerpräsident Enrico Letta teil, der von dem tragischen Unglück während eines Staatsbesuchs in Athen erfahren hatte, aber jetzt bei der Trauerfeier war. „Wir weinen gemeinsam mit den Einwohnern. Es ist der Schmerz des ganzen Landes“, sagte Letta vor Journalisten. Beim Friedensgruß während des Trauergottesdienstes nahm er den Bürgermeister von Pozzuoli in den Arm. Man kennt sich im kleinen Pozzuoli, man ist verwandt, befreundet, hat gemeinsam die Schule besucht – oder hin und wieder jene regelmäßigen Busreisen mitgemacht, die ein aktives Mitglied der katholischen Gemeinde regelmäßig anbot – so wie in der vergangenen Woche. Um zu pilgern, um zu feiern, um entspannt zusammenzusein. Pozzuoli liegt nahe am Meer. Im Altertum hieß das Städtchen Puteoli und war zur Zeit Neros der Haupthafen des italienischen Festlandes. Hier ging Paulus an Land, nachdem er durch die Meerenge von Messina gesegelt war, um dann den Rest des Wegs nach Rom zu Fuß zurückzulegen.

Aber Pozzuoli ist auch aus einem anderen Grund bekannt. Der Ort liegt in einer Hügellandschaft namens Irpinia südöstlich von Neapel, die 1980 von einem sehr schweren Erdbeben betroffen war. Lange hat es gedauert, viele, zu viele Jahre, bevor die gröbsten Schäden des Bebens behoben waren und die, die Haus und Hof verloren hatten, in neuen Siedlungen unterkamen. Diese Neubauten prägen heute das Stadtbild von Pozzuoli. Die Menschen hier sind leidgeprüft, bis sie jetzt eine neuerliche Katastrophe traf.