Der Messias aus Illinois

Ein Schwarzer auf dem Weg ins Weiße Haus – Senator Barack Obama will nicht nur die USA retten – In den Umfragen liegt er klar vor John McCain

Doch Erhebungen vor der Wahl können heimlichen Rassismus nicht erfassen – Welche Rolle spielt am Ende die Hautfarbe?

Barack Obama hat einen Traum, einen Traum, der von Millionen von Amerikanern seit Jahrhunderten immer wieder neu geträumt wird – aus dem Nichts nach ganz oben kommen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, so die Vision alter und neuer Einwanderer gleichermaßen. „From rags to riches“, die Hoffnung auch alteingesessener US-Bürger, die den „American Dream“ träumen und an dessen Verwirklichung glauben.

Barack Obama, der vor seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Partei völlig unbekannte Senator aus dem US-Bundesstaat Illinois, träumt seinen ganz persönlichen „Amerikanischen Traum“; er will als erster schwarzer US-Bürger ins Weiße Haus einziehen. Während auf der einen Seite immer noch viele nicht-weiße US-Bürger schon damit zufrieden wären, in einem weißen Wohnviertel freundlich aufgenommen zu werden und die gleichen Chancen, etwa im Bildungs- oder Berufswesen, wie Weiße zu haben, greift Barack Obama nach dem höchsten Ziel: dem Präsidentenamt.

Religiöse Anklänge von der Dekoration bis zur Rhetorik

Von den Medien zum neuen Superstar aufgebaut zieht der sympathisch wirkende Vollblutpolitiker auch international vor allem junge Menschen in seinen Bann. Er scheint John F. Kennedy und Martin Luther King in einer Person zu verkörpern, präsentiert sich als Sozialreformer. Seine Versprechen in seiner Rede zur Annahme der Kandidatur, die USA wieder zu einem Land zu machen, in dem jeder Bürger sein Auskommen hat, tragen schon fast messianische Züge. Ganz zu schweigen vom globalen Pathos seiner Berliner Rede.

Ausdrucksweise, Körpersprache, Wortwahl – als dies erinnert nicht nur an, sondern ist historischen Vorbildern abgeschaut, an denen sich Barack Obama orientiert. John F. Kennedy, Idol einer ganzen Generation nicht nur von US-Amerikanern, erkämpfte sich als Sohn einer gesellschaftlichen Minderheit das Weiße Haus. Kennedy stammte aus einer irischen Einwandererfamilie, die damit zudem der gesellschaftlich eher verpönten katholischen Kirche angehörte. Dennoch wurde Kennedy Präsident und aufgrund seiner charismatischen Ausstrahlung zu einem internationalen Helden. Seine Ermordung und – kurz darauf – die seines Bruders Robert erhoben beide, aber vor allem John, schon gleichsam in den Heiligenstatus. Nicht mit Worten, aber mit Taten wollte Barack Obama an diesen Nimbus anknüpfen – er wollte in Berlin vor dem Brandenburger Tor sprechen.

Martin Luther King, Zeitgenosse Kennedys und – vor Barack Obama – der berühmteste Schwarze der USA, kam aus dem Nichts und wurde der Freiheitskämpfer und Menschenführer für Millionen schwarzer US-Bürger. In seiner unvergesslichen Rede vom 28. August 1963 im Zentrum von Washington erläuterte er seine Vorstellung des „American Dream“. In seinen immer wieder mit der unvergesslichen Formulierung „Ich habe einen Traum“ eingeleiteten Sätzen entwickelte er seine Vision von einem freien, gerechten Amerika, in dem alle Menschen, ungeachtet von Hautfarbe, Religion, Herkunft, politischer Überzeugung oder intellektuellen Fähigkeiten in Würde leben können. Martin Luther King rüttelte die schwarze Bevölkerung auf, gab ihnen den Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und vereint, gemeinsam für Veränderungen zu kämpfen. Seinen Einsatz bezahlte auch er mit seinem Leben.

Barack Obama sieht sich in der Nachfolge Martin Luther Kings, dessen Aufruf „We cannot walk alone“ (Allein können wir es nicht schaffen) er in oben genannter Rede wortwörtlich zitierte und unter Hinweis auf den von King angeführten berühmten Marsch der Schwarzen auf Washington seine Anhänger mahnte „Wir müssen immer nach vorn marschieren“.

Schon messianische Züge zeigen Obamas Aussagen, was eine US-Regierung zu leisten hat und was er also als Präsident erreichen will: Schaden von den USA abhalten, jedem Kind eine gute Ausbildung geben, sauberes Wasser und sicheres Spielzeug garantieren, in neue Schulen und neue Straßen, in Wissenschaft und Technologie investieren, für die Bürger und nicht gegen sie arbeiten. (vgl. Rede vom 28. August) Der Senator aus Illinois will paradiesische Zustände schaffen und alle Grundbedürfnisse der Menschen befriedigen. Mit einem Segensspruch „Gott segne Amerika“ beendete er seine Ansprache.

Religiöse Anklänge zeigte übrigens auch die Bühnendekoration und Choreographie bei dieser Rede. Barack Obama bewegte sich in einer Tempeln nachempfundenen Dekoration, vom Scheinwerferlicht in eine Art Gloriole getaucht betrat er die Bühne, mit einem Feuerwerk, das alle Augen gen Himmel zog, endete der Abend.

Wer aber ist dieser Mann, der Amerika retten und zu neuer Größe führen will? Ist Barack Obama wirklich die Verkörperung des „Amerikanischen Traums“? Er stammt keinesfalls aus ärmlichen Verhältnissen – das Vermögen seiner Familie beträgt laut dem renommierten Magazin „Money“ etwa 1, 3 Millionen US-Dollar, das Netto-Haushaltseinkommen liegt bei cirka 4, 2 Millionen US-Dollar – und genoss eine exzellente Erziehung (Jura-Studium an der Harvard University), die ebenfalls nur Reichen möglich ist. Zudem ist seine Mutter weiß, auch wurde er auf Hawai geboren, lebte mehrere Jahre in Indonesien, bevor die Familie nach Hawaii zurückging, um schließlich nach Los Angeles zu ziehen.

Allerdings setzte sich Barak Obama bereits zu Beginn seiner politischen Karriere bevorzugt für soziale Probleme ein. So arbeitete er vorübergehend für eine katholische kirchliche Organisation in Chicago, er setzte sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Armenvierteln ein, kämpfte als junger Anwalt gegen Arbeitslosigkeit und Kriminalität sowie für Bürgerrechte. Nach seiner Wahl zum Senator in Illinois 1997 war seine Arbeit ebenfalls von sozialem Engagement geprägt. Durch seine Mitgliedschaft im „Foreign Relations Committee“ war er mit US-amerikanischer Außenpolitik befasst. Weiter kümmert sich um Kriegsveteranen.

Was hat Barack Obama, dessen Kampagne mit einem beispiellosen finanziellen Aufwand geführt wird, aber politisch wirklich anzubieten? Er verspricht Steuersenkungen für 95 Prozent aller US-Bürger. Nach Einschätzung seriöser Institute kommen seine Vorschläge nur 81 Prozent der Bevölkerung zugute und kosten etwa 281 Milliarden US-Dollar. Er will diese Mehrausgaben durch Kürzungen an anderer Stelle ausgleichen, sagt aber nicht wo. Er spricht von einer moderaten Umverteilung des Wohlstands, weicht aber Fragen nach der Lösung der Kreditkrise, die das gesamte Land in eine Rezession treibt, aus.

Der „American Dream“ par excellence

Ebenso problematisch daher auch eines seiner Lieblingsversprechen, das Bildungsniveau zu heben. In der Pisa-Studie landeten die USA hinter Deutschland; die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten der amerikanischen Jugendlichen liegen unter dem OECD-Durchschnitt. Fast ein Drittel verlässt die High-School ohne Abschluss, Schwarze und Hispanics scheitern in großer Zahl. Ohne eine massive Finanzspritze und grundlegende Änderungen in der Bildungspolitik wird sich an der Situation nichts ändern. Wo aber will er das Geld hernehmen?

Außenpolitisch zeigte sich Barack Obama zunächst als Pazifist und versprach einen schnellen Rückzug aus dem Irak und aus Afghanistan, musste diese Position jedoch sehr schnell abschwächen. Angesichts der Wirtschaftskrise rückte die Außenpolitik freilich zunehmend aus dem Blickfeld des Wahlkampfes. Klar macht der demokratische Präsidentschaftskandidat allerdings immer wieder, dass er angesichts einer sich ausweitenden amerikakritischen Welt die USA wieder zu einer „Hoffnung für alle, die nach Frieden und einer besseren Zukunft suchen“, machen will. Der „American Dream“ par excellence.

Trotz all dieser Probleme ist für die einflussreiche US-Tageszeitung „Washington Post“ klar, wer der bessere Mann ist. „Obama for President“, lautete kürzlich eine Schlagzeile auf der Titelseite. Der Politiker sei zwar jung und unerfahren, habe aber einen Stab exzellenter Berater um sich. Für ihn spreche auch sein Temperament: „Er ist bedachtsam, aber nicht unentschlossen; redegewandt, aber ein Meister der Substanz und des Details; übernatürlich selbstsicher, aber erpicht darauf, anders lautende Meinungen zu hören.“ Derartiges sei seit Jahren nicht mehr in der Bundespolitik zu sehen gewesen. Und weiter: „Mr. Obama hat das Potenzial, ein großartiger Präsident zu werden.“ Angesichts der Herausforderungen, vor denen das Land stehe, würde ein sehr guter Präsident schon ausreichen, so das Fazit der Zeitung.

Ein bisschen Kennedy, Mutter Teresa und Mahatma Ghandi

Barack Obama – der schwarze John F. Kennedy mit einem Hauch von Mutter Teresa und Mahatma Ghandi? Ein hoher Anspruch, der jedoch gründlich hinterfragt werden muss. Derzeit liegt Obama in allen Umfragen vor John McCain. Am Wahltag selbst könnte aber etwas ins Gewicht fallen, was aktuelle Umfragen nicht erfassen können. Der Senator aus Illinois könnte dem „Bradley-Effekt“ zum Opfer fallen. Dieser tritt dann ein, wenn weiße Wähler bei den Umfragen nicht offen zugeben wollen, dass sie nicht für einen schwarzen Kandidaten stimmen werden. So fallen Umfragen über einen schwarzen Kandidaten deutlich positiver aus, als das Ergebnis am Wahltag. Nach außen verdeckte rassistische Einstellungen würden demnach erst bei der geheimen Wahl, also am 4. November, erkennbar werden.

Der demokratische Politiker und Afro-Amerikaner Tom Bradley hatte 1982 für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidiert und lag mit bis zu 65 Prozent Zustimmung vorne. Die Wahl gewann aber der weiße Republikaner George Deukmejian mit 100 000 Stimmen Vorsprung. Erst der Wahltag also wird zeigen, ob die euphorischen Umfragewerte für Obama realistisch waren. Allerdings darf man angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage in den USA den „Wohlfühlfaktor“ Obama nicht ignorieren.