Der Krieg des Cyber-Kalifats

Modernstes Know-how im Dienst von Terroristen. Auch andere Fernsehsender sind gefährdet. Von Jürgen Liminski

Ziel eines Hackerangriffs: Der französische Auslandssender TV5 Monde. Foto: dpa
Ziel eines Hackerangriffs: Der französische Auslandssender TV5 Monde. Foto: dpa

Mittwochabend, beste Sendezeit. Im französischen Auslandssender TV5 Monde, der über elf Kanäle in 190 Ländern ausgestrahlt wird und mehrere hundert Millionen Haushalte erreicht, wird plötzlich die Mattscheibe schwarz. Der ahnungslose Zuschauer, zum Beispiel in Deutschland, vermutet einen Schaden an der Antenne und schaltet um. Wer bleibt schon vor einer schwarzen Scheibe sitzen? Stunden später aber flimmern über diese Scheibe die Propagandavideos der Terrormiliz „Islamischer Staat“: Schwarz vermummte Gestalten schreiten im Wüstensand in Zeitlupe von Sieg zu Sieg, übertönt mit martialischen Parolen und Versen aus dem Koran. Gleichzeitig erscheinen auf der Facebook-Seite von TV Monde Ausweise und Lebensläufe von Familienmitgliedern von französischen Militärangehörigen, die an Einsätzen gegen den IS beteiligt sein sollen, begleitet mit dem Hinweis: „Soldaten Frankreichs, haltet euch vom Islamischen Staat fern!“ Und: „Ihr habt die Chance, das Leben eurer Familie zu retten, nutzt sie.“ Im Namen Allahs führe „das Cyber-Kalifat weiter seinen Cyber-Dschihad gegen die Feinde des Islamischen Staates“. Das Cyber-Kalifat suche derzeit nach den „Familien der Militärs, die sich an die Amerikaner verkauft haben“.

Es dauert weitere Stunden, bis der Spuk vorbei ist. Aber der Schaden ist da, wenn auch im Moment unberechenbar. Es ist auf jeden Fall ein Prestigegewinn der Islamisten im arabischen Raum. „Wer lehrt, herrscht“, heißt es schon bei Schelsky und wer über das Fernsehen in die Köpfe von Millionen Zuschauern im Nahen und Mittleren Osten, von denen nur ein geringer Prozentsatz Aufklärung und Bildung nach europäischen Standards genossen hat, stundenlang eindringen und seine Parolen verbreiten kann, der dürfte ein gerüttelt Maß an Achtung erschlichen haben. Selbst Experten in Europa und Amerika sind erstaunt. Denn es ist zwar relativ einfach, ein paar Twitter-Konten zu knacken oder auf einer fremden Website Texte zu platzieren. Aber um auf die Antennentechnik eines Senders mit elf Kanälen zuzugreifen und sie für Stunden zu besetzen, bedarf es schon vertiefter, professioneller Kenntnisse. Da reichen auch einige geknackte oder verratene Passwörter von Redakteuren nicht aus. Man benötigt spezielle Schadstoffware, die genau auf die Infrastruktur des Senders zugeschnitten ist und diese Software muss erst erstellt werden.

Es ist noch unklar, ob die Terrormiliz selbst über dieses Know-how verfügt oder ob sie es sich schlicht „gekauft“ hat. Fachleute schätzen, dass es derzeit weltweit einige hundert „Cyber-Söldner“ gibt, die auf speziellen Seiten im Netz ihre Dienste anbieten und die man in bar bezahlt. Es sind Komplizen des Terrors. Daneben unterhalten autoritäre Staaten wie China oder Russland oder auch Diktaturen wie Nordkorea und Iran ihre eigenen Hacker-Bataillone. Ihnen haben selbst technologisch hochgerüstete Demokratien wie Israel und die USA nicht immer lückenlose Firewalls entgegenzusetzen. Es gibt, sagt zum Beispiel Sandro Gaycken von der European School of Management and Technology in Berlin, „keine hundertprozentige Sicherheit gegen diese Hackerkriminalität“. Vor allem hochtechnologisch relevante Unternehmen, etwa im Rüstungsbereich, seien Ziel der Angriffe. Nicht auszuschließen seien auch terroristische Hacker-Angriffe auf ARD oder ZDF-Programme und Kanäle. Bisher habe man diese Gefahren offensichtlich unterschätzt. Man werde wohl mehr in die Cyber-Sicherheit investieren müssen, auch wenn es keine hundertprozentige Sicherheit gebe. Beim französischen Sender TV5 Monde sei allerdings klar, dass man hier ziemlich sorglos gewesen sei und sich gerade nach dem Angriff auf Charlie Hebdo stärker hätte wappnen müssen.

Dass die französische Regierung die Brisanz des Cyber-Kriegs erkannt hat, zeigt die schnelle Reaktion. Schon am Tag danach gingen drei Minister geschlossen zum Sitz des Senders in Paris und zwar der Außen-, der Innen- und die Kulturministerin, also die für innere Sicherheit, für die Einsätze im Ausland und für die Pressefreiheit zuständigen obersten politischen Repräsentanten. Und Premierminister Valls nannte in einer Erklärung die „Cyber-Attacke auf TV5 Monde eine inakzeptable Verletzung der Informations- und Meinungsfreiheit“. Dennoch kann diese Reaktion nicht verhehlen, dass man auf die Attacke der modernen Guerrilleros nicht ausreichend vorbereitet war.