Der Kern der Krise

Zwei Weltgipfel in einer Woche – G20, Nato – und weitere Regionalgipfel kommen hinzu. Die Welt ist in Aufruhr. Größte Aufmerksamkeit wird dem Gipfel in London zuteil werden, man erwartet von ihm die Lösung der Finanzkrise, zumal auch der Heilsbringer aus Amerika, Präsident Obama, mit am Tisch sitzt. Aber weder Obama noch die anderen in London werden eine Lösung präsentieren. Wie sollten sie auch? Viele von ihnen haben die Krise mit verursacht, indem sie in den Aufsichtsräten großer Banken mit staatlicher Beteiligung als Finanzminister entweder nicht aufpassten oder die windigen Geschäfte sogar billigten. Sie glauben noch an das System und hoffen, dass es nach ein paar Schrammen wieder business as usual geben kann.

Sie täuschen sich. Vor allem, weil gerade ihr G20-Club eine Gefahr in sich ist. Zwar ist die Gruppe der 20 einflussreichsten Staaten nicht machtlos und könnte bei Einigkeit die Weltläufte schon ein wenig bestimmen. Aber diese Einigkeit gibt es nicht. Auch entwickelt diese Gruppe eine Eigendynamik, die typisch ist für Politiker: Je mehr Kontrollinstrumente sie sich verschaffen, desto schwächer wird der freiheitliche Markt und die Eigenkontrolle des Marktes. Dieser Trend ist bereits zu beobachten. Zum einen stammen die Analysen und Untersuchungen, die den Diskussionen zugrunde liegen, aus den Amtsstuben der Minister oder der beteiligten Institutionen wie Weltbank, IWF, EZB oder Zentralbanken selbst. Institute in freier Trägerschaft kommen kaum noch zu Wort. Zum zweiten beginnen die Kommuniques der G20-Gipfel meist mit Formeln wie: „Wir, die Finanzminister und Vorsitzenden der Zentralbanken?“. Früher waren in freiheitlichen Ordnungen eher Wendungen gebräuchlich wie: „Wir, die Vertreter des Volkes?“ Die Teilnehmer des G20-Clubs sehen sich bereits als Souverän der Welt.

Das spüren immer mehr Menschen. Viele von ihnen gehen auf die Straße. Ein diffuses Gefühl des Unbehagens macht sich breit. Es wird genährt von dem Zweifel, ob die staatlichen Konjunkturprogramme die Krise meistern können. Denn diese Mega-Programme folgen der alten Philosophie, dass man nur den Konsum ankurbeln müsse und schon würde der Motor des Wachstums und Wohlstands wieder anspringen. Aber dafür fehlen in Europa die Menschen, die konsumieren würden – die ungeborenen Kinder – oder die Familien, die es täten, haben kein Geld dafür. Bei vielen reicht es ja noch nicht einmal für die Abwrackprämie, weil das Geld für den dazugehörigen Kauf eines neuen Autos fehlt. Die politische Klasse ist mit ihren Programmen weitgehend unter sich, das wird auch in London so sein. Es steht zu befürchten, dass man in London sogar einen Schritt weiter in Richtung Politisierung der Wirtschaft geht. So rüttelt die Krise bereits an den Fundamenten der Demokratie, denn eine Demokratie ohne freie Marktwirtschaft ist keine mehr.

Das wird auch nicht besser mit den Vorschlägen aus der UNO. Deren Generalsekretär verlangt jetzt ein billionenschweres Welt-Stimulierungspaket von allen und für alle 192 UN-Staaten. Man brauche einen neuen Weltregulierungsrat, eine neue Reservewährung und eine neue globale Kreditorganisation. Das ist blanker Unsinn. Was die Welt jetzt braucht, sind keine neuen Bürokratien oder Programme. Sie braucht Vertrauen. Nicht nur, damit die Banken wieder Kredite geben. Sie braucht Vertrauen in die Politik selbst. Deshalb ist es ziemlich wahrscheinlich, dass das Treffen von London so endet wie sein historisches Vorbild 1933: als Desaster, das nur mit netten Erklärungen verkleistert wird.

Das Problem der Krise ist im Grunde einfach. Papst Benedikt hatte es als Kardinal so formuliert: „Der Kern der Krise ist der Verzicht auf die Wahrheit“. Das ist nicht nur philosophisch gemeint. Der Verzicht auf die Wahrheit bedeutet im praktischen Leben auch den Verzicht auf Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Er bedeutet, die Unwissenheit der Kunden zu missbrauchen, der Profitgier der Räte im Vorstand oder bei der Aufsicht unkontrollierten Lauf zu lassen, kaltschnäuzig die Verarmung und Verelendung von Millionen Menschen in Kauf zu nehmen. Ratzingers Satz war prophetisch. Was die Welt jetzt braucht, ist eine Besinnung auf ethische Werte und Tugenden. Das brächte das Vertrauen zurück. Vertrauen ist die Währung des Lebens. Das Drehen an finanztechnischen Stellschrauben ist noch keine Besinnung auf diese Währung. Auf ihr aber ruht die wahre Welt des Menschen, sie ist die Grundlage der freiheitlichen Ordnung – nicht die Warenwelt oder der Konsum an sich.

Das spürt die Straße und deshalb schwappt die Empörung über die Boni der Banker und Manager auch so hoch. Doch wenn Menschen schnell an den Pranger gestellt werden, kann das in Zeiten wachsender Irrationalität wegen der Krisenangst zu unkontrollierbaren Ausbrüchen und sozialen Unruhen führen. Die Frage der gerechten Gehälter und Boni und auch die der Kontrollmechanismen ist letztlich keine Frage nach dem Recht, sondern nach der Moral, genauer nach dem moralischen Verhalten der Manager und Politiker. Damit aber ist es auch eine Frage nach dem Gewissen und nach der religiösen Bindung etwa an die zehn Gebote, deren letzten zwei ja von Gier und Begehren handeln. In einer Gesellschaft, die Gott verdrängt, ist da nicht viel zu erwarten. Es sei denn, man besinnt sich. Und das eben nicht nur in den Vorständen und Aufsichtsräten. Immerhin geht es um die freiheitliche Ordnung unserer Gemeinwesen.