Der Gastkommentar: Wir wollen wählen

Vor 14 Tagen las ich das Ergebnis einer Umfrage: „Zwei Drittel aller Schüler und Studenten wissen nicht, dass am 27. September Bundestagswahlen sind.“ Das hat mich alarmiert und sehr nachdenklich gemacht. Wer hat da versagt? Die Schulen, die Journalisten oder die Politik? Warum verweigern sich die Menschen einem der elementaren Freiheitsrechte unserer Demokratie – dem Wahlrecht?

Politik scheint doch „in“ zu sein. Auf vielen Fernsehkanälen sehen wir allabendlich Politiker, die sich gelegentlich hart, öfter aber fair, von Journalisten befragen lassen. An den Kern der politischen Auseinandersetzung geht es selten. Worthülsen und mühsam gestanzte Argumente erscheinen ebenso austauschbar, wie die Gesichter, die sie präsentieren. Den Menschen fehlt so das Gefühl, mit ihren persönlichen Sorgen, Nöten und Ängsten ernst genommen zu werden.

Nicht wenige Menschen haben das Vertrauen in die Politik verloren. Sie ist für sie nicht mehr „glaub-würdig“. Der Satz „Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen“ erscheint in Wahlkampfzeiten als frommer Wunsch. Die Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen haben es wieder gezeigt: Dort wo die Politik am nächsten bei den Menschen ist, macht nur knapp die Hälfte der Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Das ist schlimm genug. Einen Tag nach der Wahl hört man dann, wie in Dortmund: All unsere Versprechen waren Luftschlösser. Unser Haushalt ist auf Sand gebaut. Was stört mich mein Geschwätz von gestern.

Viele verstehen ihre Wahlverweigerung als Abstimmung gegen die Politik. Das ist ein Trugschluss. Nichtwählen schwächt unsere Demokratie. Je weniger zur Wahl gehen, desto stärker kann der Einfluss extremistischer Parteien zunehmen. Die finden sich dann in Parlamenten wieder, die sie bei einer höheren Wahlbeteiligung nie erreicht hätten.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat unsere Pflicht als Christen definiert: Wir sollen pflichtbewusst handeln und uns für das Gemeinwohl einsetzen. (Gaudium et Spes, Nr. 75). Lassen Sie uns deshalb die Tage bis zur Wahl nutzen, immer wieder an die Bürgerinnen und Bürger zu appellieren, ihrer Mitverantwortung für die Demokratie gerecht zu werden und die demokratischen Kräfte im deutschen Bundestag zu stärken. Die Botschaft lautet: „Wir wollen wählen, weil wir dieses Freiheitsrecht nicht leichtfertig preisgeben!“.