Der Gastkommentar: Überraschendes am Papst-Besuch

Auf seiner ersten Reise in die Vereinigten Staaten hat Papst Benedikt XVI. drei Ziele erreicht, die für die pastorale Zukunft der amerikanischen Kirche als entscheidend angesehen werden können. Erstens hat er den Skandal des sexuellen Missbrauchs durch Priester, der die Kirche seit mehr als sechs Jahren belastet, dadurch, dass er sein persönliches Schamgefühl über das Geschehene ausgedrückt und mit den Opfern gebetet hat, in gewisser Weise zu einem Abschluss gebracht.

Zweitens hat er die amerikanische Kultur vor eine moralische Herausforderung gestellt, deren breiter Themenkatalog sowohl das Problem der Abtreibung als auch Fragen ökonomischer Gerechtigkeit umfasst, ohne dass er dabei schulmeisterlich oder anmaßend gewirkt hätte.

Drittens hat er eine Kirche, die häufig in ein konservatives und in ein liberales Lager gespalten zu sein scheint, dazu aufgerufen, „allen Ärger ad acta zu legen“ und sich gemeinsam für eine erfolgreiche Evangelisierung der Gesellschaft einzusetzen.

Das Überraschende am Ansatz des Papstes war die positive Einbettung seiner Aussagen. Immer wieder hat er die Vereinigten Staaten dafür gelobt, dass sie eine weltliche Regierungsform mit einer moralischen Ordnung zu verbinden wissen, die auf der „Herrschaft des Schöpfergottes“ beruht. Er hat George Washington zitiert, der Religion und Moral als „unverzichtbare Säulen“ des politischen Erfolgs bezeichnet hatte, und an Roosevelts Aussage erinnert, dass „heute unserem Land nichts Größeres widerfahren könnte, als eine Wiederbelebung des Glaubens“. Der Papst hat jedoch davor gewarnt, dass diese Ausgewogenheit von Weltlichkeit und Moral heute in Richtung einer gottlosen, individualistischen Form von Freiheit zu kippen scheint. Er hat seiner Aussage dadurch mehr Nachdruck verliehen, dass er sie mit einem heute weit verbreiteten Problem verbunden hat: der Umweltzerstörung. In den Augen des Papstes ist die Ökologie Teil einer Ethik des Respekts vor der Schöpfung und ihrem Schöpfer. Vor dem Papstbesuch haben die meisten Amerikaner erklärt, sie wüssten nicht viel über Papst Benedikt. Als er das Land verlassen hat, haben sie ihn wahrscheinlich eher so gesehen, wie er sich selbst bei seiner Ankunft beschrieben hatte: „als Freund und Verkünder des Evangeliums und als jemand, der großen Respekt vor dieser großen pluralistischen Gesellschaft hat“.