Der Gastkommentar: Politische Spiele in Peking

In Tibet kam es zu gewaltsamen Protesten. Gewalt von welcher Seite auch immer sollte kein Mittel der Politik sein. Weder sollten Staaten mit Krieg drohen noch Demonstranten ihre Ziele mit Steinen in der Hand verfolgen. Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Tibetern durch die kommunistische Partei- und Staatsführung in Peking sind seit langem bekannt. Während der Dalai Lama friedlich für eine weitgehende kulturelle Autonomie eintritt, haben junge Mönche wohl gezielt die internationale Öffentlichkeit vor den Olympischen Spielen genutzt, um nach anfänglich friedlichen Demonstrationen dann auch mit gewaltsamen Mitteln auf ihre aussichtslose Lage zu reagieren. Doch deshalb tragen noch lange nicht beide Seiten die gleiche Verantwortung für die nun entstandene Situation. Es gibt keinen Zweifel, dass die Proteste mit völlig unangemessenen Mitteln von chinesischer Seite niedergeschlagen wurden.

Die chinesische Führung will die Olympiade als Jubelkulisse für ihre „harmonische“ Gesellschaft nutzen, um sich als weltoffenes, wirtschaftlich erfolgreiches Land zu präsentieren. Die Tibeter und viele andere von Menschenrechtsverletzungen Betroffenen versuchen dagegen den Blick hinter die schöne Fassade zu lenken. Der DOSB hat einen Boykott abgelehnt. Ich habe dafür Verständnis, denn eine „Boykottdiskussion“ muss bei der Vergabe der Spiele erfolgen. Jetzt verunsichert sie nur die Sportler, die am wenigsten dafür können, dass die Olympiade in Peking stattfindet. Aber da es keine unpolitischen Spiele geben kann, ist spätestens seit den letzten Tagen klar, es wird auch keine ruhigen Spiele geben.

Wer sich in die Lage der Tibeter versetzt, kann das verstehen. Denn wenn schon die Spiele in Peking stattfinden, dann sollten alle das weltweite Interesse an China nutzen, sich über Menschenrechtsverletzungen in diesem Land und nicht nur in Tibet zu informieren. Kritik an der chinesischen Führung ob ihrer Menschenrechtsverletzungen ist erlaubt. Wir dürfen nicht nur, wir müssen sogar unsere Überzeugungen offen und eindeutig vertreten. Das gilt umso mehr, als China bei der Bewerbung vor sieben Jahren sich selbst zu einem verbesserten Schutz der Menschenrechte bekannt hat. Der am Ostermontag begonnene Fackellauf bietet viel Stoff für differenzierte Berichterstattungen aus den verschiedensten Provinzen der Volksrepublik. Die systematischen Menschenrechtsverletzungen in China bleiben für die nächsten fünf Monate Thema der internationalen Politik.