Der Gastkommentar: Ist das Ihr Ernst, Herr Wowereit?

Es ist schon bemerkenswert, dass ausgerechnet zwei Parteien, für die allgemein zugängliche Bildung zur Gründungsraison zählt, sich heute aufmachen, den Zugang zum Gymnasium in der Hauptstadt künftig auch vom Losglück abhängig zu machen. Statt heute klare politische Prioritäten für Bildung und die Zukunftschancen der nächsten Generation zu setzen, indem er für ausreichend Schulen und Lehrer sorgt, öffnet Wowereits rot-roter Senat reiner Willkür Tür und Tor. Nicht Leistung und Leistungsbereitschaft macht man in Berlin zum Maßstab für den Zugang zum Gymnasium, sondern den puren Zufall.

Auch wenn es „nur“ um den Bewerberüberhang geht, der entsteht, wenn es mehr Anmeldungen als Kapazität an den Gymnasien der Hauptstadt gibt, ist der rot-rote Vorschlag eine (nicht nur) bildungspolitische Bankrotterklärung. Da hilft es auch nichts, wenn der Bildungssenator nach Kritik von Eltern und Lehrern in letzter Minute die Losquote noch herabsetzt.

Auf den ersten Blick ist diese ganze Idee einfach absurd. Auch weil sie in so krassem Gegensatz zum linken Mantra des gleichen Zugangs zu Bildung steht. Auf den zweiten Blick aber ist die Einführung eines Losverfahrens für den Gymnasialzugang allerdings ein so raffiniertes wie durchsichtiges Manöver ideologisierter Bildungspolitik, mit dem das Gymnasium an den Rand gedrängt und die neuen sogenannten Sekundarschulen noch vor ihrer geplanten Einführung 2010/2011 aufgewertet werden sollen. Dass damit wieder einmal Politik auf Kosten der nächsten und folgenden Generationen gemacht wird, liegt auf der Hand. Denn wer soll sich denn noch anstrengen, wenn letztlich alles vom Losglück abhängt? Und was ist mit denen, die per Losglück einen Platz am Gymnasium ergattert haben, aber den gymnasialen Leistungsanforderungen eigentlich nicht gewachsen sind? Und mit denen, die diese Voraussetzungen zwar mitgebracht hätten, aber gezwungen sind, die neue Einheitsschule namens Sekundarschule zu besuchen? Sagt man diesen jungen Menschen dann lapidar: „Leider Pech gehabt, im nächsten Leben vielleicht“?

„Mehr frühkindliche Bildung, längeres gemeinsames Lernen und die stärkere individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler in den weiterführenden Schulen sollen zur Entkoppelung von Bildungserwerb und sozialer Herkunft beitragen.“ So beschreibt Wowereit auf seiner persönlichen Website seine bildungspolitischen Vorstellungen. Zur Erinnerung: Wichtige Vorläufer der organisierten deutschen Linken waren im 19. Jahrhundert nach Vormärz und '48er-Revolution Arbeiterbildungsvereine, die sich auf die Fahnen geschrieben hatten, soziale Ungleichheit durch Bildung auszugleichen und gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen. Wie dazu die Einführung eines Losverfahrens für den Zugang zum Gymnasium passen soll, bleibt Wowereits Geheimnis.