Der Gastkommentar: Hindu-Gewalt vom Staat geduldet

Nicht zum ersten Mal tobt entfesselte Gewalt im ostindischen Bundesstaat Orissa. Bereits zu Weihnachten hatte ein von Hindu-Fundamentalisten aufgestachelter Mob gezielt christliche Kirchen und Wohnhäuser in Brand gesteckt. Die indische Regierung griff erst nach internationalen Protesten ein. „Diesmal sind es bereits 20 000 vertriebene Christen, die voller Angst und ohne jegliche Versorgung in den Dschungel flohen“, schreibt uns Father Ajay, einer der Überlebenden des Genozids.

Die meisten katholischen Priester und Ordensfrauen müssen sich versteckt halten. Mehrere Geistliche wurden von hindufundamentalistischen Schlägertrupps mit Stöcken gejagt und flohen in verschiedene Richtungen – so konnte sich ein Teil der Verfolgten retten, von anderen fehlt jedes Lebenszeichen. Vermutlich erging es ihnen wie vielen anderen in der Region: zusammengeschlagen und ermordet, einige bei lebendigem Leib verbrannt. Auslöser für diesen neuen Ausbruch von Gewalt ist die Ermordung des radikalen Hinduführers Swami Laxmananda Saraswari durch die örtliche Guerilla. Die Ortskirche hat diesen Mord öffentlich verurteilt. Trotzdem entlud sich die Rache der Hindu-Fundamentalisten gegen die Christen, die gar nichts mit dem Vorfall zu tun hatten.

Die tieferliegenden Ursachen des andauernden Konflikts, der jetzt erneut eskaliert und von massiven Vorurteilen geprägt ist, sind nicht aufgearbeitet worden. Dalits, die Kastenlosen, bilden mit der ursprünglichen Bevölkerung, den Adivasis, das unterste Glied der indischen Gesellschaft und sind völlig rechtlos. Das Kastensystem ist laut indischer Verfassung verboten, lebt aber auf dem Land in aller Härte weiter. Viele Dalits und Adivasis schlossen sich dem Christentum an, weil sie dort als Menschen akzeptiert werden. Durch Entwicklungshilfeprojekte für die gesundheitliche Versorgung, durch Bildung und Zugang zu Einkommensmöglichkeiten konnte ihre Situation nachhaltig verbessert werden. Ihr Selbstbewusstsein wuchs. Sie ließen sich nicht mehr ausbeuten. Ihr Erstarken kratzt am Selbstverständnis der extremen Fundamentalisten unter den Hindus, die ihre „natürlichen“ Privilegien durch das Kastensystem und ihre Vorherrschaft mit aller Gewalt verteidigen.

Ein zweiter Grund ist das nur halbherzige Einschreiten der Regierung bei der letzten Eskalation. Die mangelnde Bereitschaft zur Aufklärung der Vorfälle und Bestrafung der Täter muss die Hindu-Fundamentalisten in dem Gefühl gestärkt haben, moralisch im Recht zu sein. Man hat sie weitgehend unbehelligt morden lassen. Straflosigkeit bringt neue Gewalt hervor. Daher ist es von grundlegender Bedeutung für die indische Demokratie, dass sie das Gewaltmonopol der Regierung und den Rechtsstaat in Orissa wieder herstellt.

Doch wie kann man den Frieden in der Region langfristig sichern? Ohne internationalen Druck wird das Morden und Brandschatzen von den lokalen Ordnungskräften weiter geduldet.