Der Gastkommentar: Der ganz normale Wahnsinn

Ist das noch Unterhaltung? Seit Mitte Juli strahlt RTL sonntagabends die wortwörtlich flächendeckende „Rundumerneuerung“ der Schauspielerin Brigitte Nielsen in einer deutschen Klinik für Schönheitsoperationen aus. Das Ganze geschieht sehr nah, sehr persönlich und sehr drastisch. Sie steht da mit ihrem gealterten un-perfekten Körper, und ein Filzstift kennzeichnet auf Bauch, Oberschenkel, Brustbereich und Gesicht, wo Eingriffe erfolgen sollen. Wenn dieses Thema bisher als voyeuristischer Promi-Klatsch-Aufhänger viele geneigte Zuschauer bedient hat, so kippt die Art der Darstellung und Kommentierung ins Sympathieweckende und Erstrebenswerte. Und damit ins gefährlich Normale. Unterlegt mit wunderschönen Pop-Balladen. Brigitte Nielsen sagt es so, als würden Handwerker ein altes Haus in Schuss bringen. Der Vergleich hinkt, und er suggeriert, dass die körperliche Renovierung in Ordnung ist. Nach kurzer Zeit tritt sie im Bademantel wieder vor die Kamera, „ein bisschen müde“, aber sie vertritt den „guten Zweck“, bald wieder 30 zu sein. Der ganz normale Wahnsinn. Flankiert wird das Ganze von Küsschen (vom Nielsen-Klinikarzt) vor und nach den Eingriffen und einer familiär anmutenden Atmosphäre. Man könnte den Klinikaufenthalt – fast – eine richtig schöne Zeit nennen, wenn da nicht ein Ausspruch des Arztes wäre, als er beschreibt, was bei der Gesichtsstraffung abläuft: „Wir lösen die Haut komplett vom Muskelgewebe, und dann ziehen wir sie nach hinten.“ Fertig. Einfach. Einfach gruselig. Erschreckend ist, dass von dieser Sendung ein Sog auf die Zuschauer ausgeht: Wie wäre es, wenn die eignen Mundwinkel mit Kerben nach unten nicht mehr da wären? Wie wäre es, wenn die Augenränder, die sich irgendwann nicht mehr mit Make-up zucremen lassen, verschwänden? Nur einmal so durchgespielt, und schon beginnt die Unzufriedenheit mit dem Status Quo. Schlimmer noch: Solche Sendungen vermitteln ein „Recht“ auf Maßnahmen. Sie entwerten, welche persönlichen Erlebnisse unsere Gesichtszüge geprägt haben. Im Fall Nielsen werden 20 Jahre eines Lebens einfach ausgeblendet. Und das alles, um – wie sie sagt – „für immer 30“ zu sein, ein- für allemal unerreichbar zu werden für den Schöpfergedanken Gottes, der uns genau so individuell gewollt hat und vollkommen findet, wie wir aussehen. I. Moses 2, 27 und 31: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Und Gott sah an was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“