Der „Engel von Nagasaki“

Licht des Glaubens in der atomaren Hölle: Der Arzt Takashi Nagai war selbst Opfer, aber richtete andere auf. Von Magdalena S. Gmehling

Was vom Atombombenabwurf übrig blieb und vom US-Militär fotografiert wurde: Überlebende sind nicht zu sehen. Doch es gab sie. Manche von ihnen beneideten die Toten. Foto: dpa
Was vom Atombombenabwurf übrig blieb und vom US-Militär fotografiert wurde: Überlebende sind nicht zu sehen. Doch es gab... Foto: dpa

Jährlich gedenken die Japaner auf der ganzen Welt am 6. August des Atombombenabwurfs über Hiroshima. Vor 70 Jahren, 1945, kam es zu der Katastrophe, obwohl bereits über die Kapitulation verhandelt wurde. Die Amerikaner besaßen insgesamt drei Bomben. Eine war zu Testzwecken vorgesehen, zwei konnten militärisch eingesetzt werden, eine vierte Bombe stand kurz vor der Fertigstellung. Drei Tage nach der Tragödie von Hiroshima, am 9. August, wurde genau um 12.02 Uhr die zweite Plutonium-Bombe mit dem Namen „Fat Man“ (fetter Kerl) gezündet. Sie hatte eine Explosionskraft von 21 000 Tonnen TNT. Die Verantwortlichen des sogenannten „Manhattan Projects“ hatten vier mögliche Atombomben-Ziele benannt: das Industriezentrum Hiroshima, Kokura, den Sitz der großen Munitionsfabriken, Niigata, Hafenstadt mit Tanker-Terminal, Stahlwerken und Öl-Raffinerien, ferner Kyoto, die alte Kaiserstadt. In letzter Minute strich der amerikanische Kriegsminister, Henry Stimson, Kyoto von der Liste und ersetzte es durch Nagasaki. Ob nun wirklich, wie von dem Piloten Charles Sweeney behauptet – allein die sehr schlechte Wetterlage oder geheime Direktiven den Abwurf über Nagasaki bedingten, wird ein schwer entschlüsselbares Geheimnis bleiben. Jedenfalls trug der B-29-Bomber den bezeichnenden Namen „Bock's Car“ (Wagen des Teufels).

Wenige hundert Meter von dem Explosionszentrum entfernt befindet sich der Radiologe und Arzt Dr. Takashi Nagai. Wunderbarerweise überlebt er. In den Lebensjahren, die ihm verbleiben, wird er seinen Landsleuten zum „Engel von Nagasaki“.

Um das Wirken dieses außergewöhnlichen Menschen zu verstehen, muss man sich die Geschichte der alten Hafenstadt vergegenwärtigen. Im Jahre 1542, als die Portugiesen dort vor Anker gingen, war Nagasaki ein verschlafenes Fischerdorf. Durch die Karten dieser Seeleute geführt landete der Heilige Franz Xaver 1549 ganz in der Nähe in Kagoshima und predigte dort. Mit unglaublicher Schnelligkeit breitete sich das Christentum aus. Sehr bald kam es zur Konfrontation. Der neue Glaube, der die Individualität des Einzelnen so sehr betonte, schien dem Feudalsystem Widerpart zu bieten.

1587 verwies der Shogun Toyotomi Hideyoshi die Jesuiten des Landes, 1597 ließ er 26 Missionare in Nagasaki kreuzigen. 1612 gab das Tokugawa-Shogunat ein erneutes Verbot heraus. Tausende von Christen wurden hingerichtet, 1622 die letzten 51 in Nagasaki. Ab 1614 verbot der Shogun jegliche Religionsausübung und ab 1640 den Kontakt mit dem Ausland. Als sich Japan im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Gründen vorsichtig dem Westen öffnet und 1859 christlichen Missionaren die Rückkehr gestattet wird, entdecken diese das Unglaubliche. 30 000 japanische Untergrundchristen, genannt „Kakure Kirishitan“, hatten im Geheimen an ihrem Glauben festgehalten. 1895 begann man mit dem Bau der Kathedrale in Urakami, einem Vorort von Nagasaki. Wenige hundert Meter davon entfernt befand sich am 9. August 1945 das Explosionszentrum der Atombombe. Es war der Regierung Truman somit gelungen, mehr japanische Christen zu töten als Hideyoshi es je vermocht hatte.

Dr. Takashi Nagai wurde 1908 in Isumo bei Hiroshima geboren. Die Familie war shintoistischen Glaubens. Der junge Mann studiert seit 1928 an der medizinischen Fakultät von Nagasaki. Ideologisch ist er durch und durch Materialist. 1930 erschüttert der Tod seiner Mutter Nagais Weltanschauung. „Diese Frau, die mich auf die Welt gebracht und großgezogen hatte, diese Frau, die in ihrer Liebe zu mir nie auch nur einen Augenblick schwankend geworden war, sprach in den letzten Momenten ihres Lebens sehr klar zu mir. Ihr Blick sagte mir, dass der menschliche Geist nach dem Tode weiterlebt.“

Takashi beginnt damals die „Pensées“ des großen Physikers Pascal zu lesen und beschließt unter dem Einfluss dieser Lektüre, als Untermieter bei einer katholischen Familie, den Glauben an praktischen Beispielen zu ergründen. Herr Moriyama, ein Viehhändler, nimmt ihn auf. Er stammt aus jener alten Dynastie, die 250 Jahre das von Franz Xaver gebrachte Christentum bewahrt hatte.

Das Jahr 1932 sollte das Schicksal des jungen Mannes entscheiden. Durch eine schwere Ohrenentzündung am rechten Ohr ertaubt, kann er sich des Stethoskops nicht mehr bedienen. Er wendet sich dem Studium der in Japan wenig bekannten Radiologie zu. Natürlich ist er sich der enormen Möglichkeiten dieser Disziplin bewusst. Weihnachten 1932 erlebt er mit Midori Moriyama, der Tochter seines Vermieters, einer jungen Lehrerin, die Mitternachtsmesse in der Urakami-Kathedrale. Das lateinische Credo erklingt aus 5 000 Kehlen. Ein Samenkorn fällt in Takashi Nagais Seele.

Die Familie Moriyama betet inständig um die Bekehrung des Arztes; zunächst jedoch ohne sichtbaren Erfolg. Eines Tages erkrankt Midori lebensgefährlich an akuter Blinddarmentzündung. In einer dramatischen Aktion rettet Takashi Nagai ihr Leben. Kurze Zeit später wird er von der japanischen Armee eingezogen und kämpft in der Mandschurei gegen die Chinesen. Midori schickt ihm Pakete. In einem liegt ein kleiner Katechismus.

Noch hindern die moralischen Anforderungen des Christentums und die fest verwurzelten shintoistischen Bindungen an seine Familie den Schwankenden an dem letzten Schritt. Er sucht Hilfe bei einem japanischen Priester. Schließlich nimmt er wieder die „Pensées“ zur Hand. Da fällt sein Blick auf die Stelle: „Der Glaube bringt genug Licht für diejenigen, die glauben wollen, und genug Schatten, um diejenigen mit Blindheit zu schlagen, die es nicht wollen.“ Da fällt es wie Schuppen von seinen Augen. Im Juni 1934 empfängt er die Taufe und wählt den Namen Paul in Verehrung des heiligen Paul Miki, der 1597 in Nagasaki gekreuzigt wurde. Zwei Monate später heiratet er Midori Moriyama.

Takashi Nagai befindet sich in ständiger Lebensgefahr. Er und seine Frau wissen darum. Der Beruf des Radiologen erfordert den täglichen Umgang mit der Röntgenstrahlung, gegen die es damals wenig Schutz gibt. Inzwischen ist der tüchtige Arzt außerordentlicher Professor und vertritt die Ansicht, er habe die Pflicht, mit seinen Patienten zu leiden. 1945 erkrankt er an chronischer Leukämie. Als er Midori eröffnet, er habe nur noch drei Jahre zu leben, kniet diese vor dem Kruzifix, das ihre Familie in der Zeit der Verfolgung bewahrte, und ringt sich zur Hinnahme des Willens Gottes durch. Keiner ahnt das neue Verhängnis.

Am 9. August 1945 ordnet Nagai seine Röntgenaufnahmen, als 700 Meter von ihm entfernt die Atombombe niedergeht. Er wird zu Boden geschleudert. Glassplitter durchsieben seinen Körper, Blut fließt. Alle Gegenstände wirbeln durch die Luft. Überall versengte Gestalten. Feuer erfasst die radiologische Abteilung. Dreizehn Jahre Forschungsarbeit verkohlen. Das Krankenhaus wird eiligst evakuiert. Erst am 11. August kann er nach Hause zurück. „Nur mehr ein kleiner Haufen Asche war übrig geblieben. ... Hinter der Küche, der schwarzgekohlte Klumpen dort, das sind vom Feuer verzehrte Reste eines menschlichen Beckens und einiger Lendenwirbel. Und daneben liegt, an einem Kreuzlein haftend, noch etwas, eine Rosenkranzkette! Die Überreste der Gattin berge ich in einem Brandeimer. Noch immer sind sie warm. Ich drücke sie an die Brust und wandre damit zum Grabe. Die gesamte Nachbarschaft ist ausgestorben. Auf den Aschehügeln im nächtlichen Mondlicht bleichend sind da und dort herum noch ähnliche Gebeine zu gewahren. Wir hatten es uns so anders zurechtgelegt: Sie würde es sein, meine Frau, die in kurzer Zeit, meine Gebeine im Arm, diesen Weg schritte. ... Ja, das Schicksal ist ein Rätsel, eine dunkle Größe.“ (Notizen auf dem Sterbebett, S. 15)

Wenig und doch alles ist dem Professor Dr. Takashi Nagai geblieben. Das uralte Kruzifix vom Familienaltar, welches er in den Resten seines Hauses entdeckt und seine beiden kleinen Kinder: Makoto und Kayano. Er beschließt, als erster wieder in Urakami zu leben, in einer Hütte aus Blech und Mauerresten, durch die der geisterhafte nächtliche Wind weht. Den entmutigten Christen predigt er Vergebung.

Am 15. August 1945, als die Botschaft von der Kapitulation Japans über den Rundfunk zu hören ist, liegt Takashi Nagai im Sterben. Die „Atomkrankheit“ verschlimmerte sein Grundleiden. Er befindet sich bereits im Halbkoma. Da bringt man ihm Wasser aus der nahen Lourdesgrotte. Pater Maximilian Kolbe hatte sie in seiner japanischen Zweitgründung Niepokalonów erbaut. Der Todestag des in unseren Tagen heiliggesprochenen Minoriten im Hungerbunker von Auschwitz jährte sich am Festtag Maria Himmelfahrt eben zum vierten Male. Nagai hört eine Stimme, er soll Pater Kolbe um Hilfe bitten. Am nächsten Tag ist die akute Gefahr vorüber. Noch sechs Jahre wird das „geschenkte Leben“ währen. So lange es möglich ist, kümmert sich der Doktor voll Hingabe um seine Kranken und predigt den entmutigten Christen. Doch 1947 muss er seine Professur aus Gesundheitsgründen zurückgeben und ist nun ohne Einkünfte.

„Mein Kopf arbeitet noch“, sagt er. Auf dem Rücken liegend verfasst er mit Hilfe eines Zeichenbrettchens 15 Bände. Das berühmteste Werk, „Die Glocken von Nagasaki“, wurde in viele Sprachen übersetzt. Besucher belagern täglich sein Bett. Er schickt sie nicht fort und schreibt dann nachts: „...wenn sie so freundlich sind, hierher zu kommen, muss ich mich nicht bemühen, ein bisschen Freude in ihre Herzen zu gießen und ihnen von unserer katholischen Hoffnung zu erzählen?“

Im April 1951 erliegt Dr. Nagai seinem schweren Leiden. Für seinen Grabstein hatte er die Aufschrift bestimmt: „Armselige Knechte sind wir, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17,10). Sowohl Papst Pius XII. als auch der japanische Kaiser Hirohito ehrten öffentlich sein Andenken.