Der Balkan, das ewige Pulverfass

Merkel wittert Kriegsgefahr und neuen Nachbarschaftsstreit in Südosteuropa. Von Stephan Baier

Im Juli schritt Angela Merkel mit Serbiens Regierungschef Aleksandar Vucic in Belgrad die Ehrenformation der serbischen Armee ab. Nun warnt die deutsche Kanzlerin vor neuen militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Staaten Südosteuropas. Foto: dpa
Im Juli schritt Angela Merkel mit Serbiens Regierungschef Aleksandar Vucic in Belgrad die Ehrenformation der serbischen ... Foto: dpa

Liegt 101 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wieder der Pulverdampf nahender Gefechte in der Luft? Droht 20 Jahre nach Ende des jüngsten Balkankriegs – des großserbischen Eroberungsfeldzugs gegen Kroatien und Bosnien-Herzegowina – ein neuer Krieg? Angela Merkel scheint solches zu befürchten. Sie begründete ihr Eintreten für ein europäisches Vorgehen in der Flüchtlingspolitik in dieser Woche damit, dass auf der Balkanroute aus jedem Streit leicht Handgreiflichkeiten werden könnten – und daraus „eine Entwicklung, die niemand will“. Merkel weiter: „Ich will nicht, dass dort wieder militärische Auseinandersetzungen notwendig werden.“

Kroatiens Ministerpräsident Zoran Milanovic beeilte sich, der deutschen Kanzlerin zu versichern: „Es wird keinerlei bewaffnete Konflikte geben!“ Tatsächlich wünscht keine Regierung zwischen Ankara und Wien „militärische Auseinandersetzungen“. Doch die Nerven liegen angesichts des anhaltenden Flüchtlingsstroms blank und alte nationale Ressentiments werden – fahrlässig oder mutwillig – gerade wieder aufgetaut. Selbst zwischen Wien und Budapest fielen wegen der völlig konträren Strategien im Flüchtlingsmanagement Formulierungen, die in der EU ungebräuchlich sind. Und die Regierungen in Belgrad, Zagreb, Ljubljana und Athen richteten einander Unfreundlichkeiten aus, die jüngst EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker als Mediator auf den Plan riefen.

Im Zweifel misstraut jeder dem Nachbarland

Dass sich Regierungen in Südosteuropa wechselseitig für Chaos und Missmanagement verantwortlich machen, hat seinen direkten Anlass darin, dass sich alle mit der Menge der heranströmenden Flüchtlinge überfordert fühlen. Die Ursache für die offensichtliche Neigung, in dieser politischen Stresssituation eher gegen- als miteinander zu agieren, liegt aber in der Geschichte.

Auf ihrem Weg von der Türkei durch Südosteuropa bis nach Österreich durchqueren die Flüchtlinge eine Reihe von Staaten, die ihren jeweiligen Nachbarn traditionell misstrauen. Da sind etwa die verfeindeten NATO-Partner Griechenland und Türkei. Für sie ging der Erste Weltkrieg erst 1923 zu Ende, weil Athen angesichts der osmanischen Tragödie 1919 in Anatolien einfiel, bis Atatürk die Griechen 1922 ins Meer zurücktrieb. Die Rache der Türken an den Griechen Kleinasiens und die als „Bevölkerungstausch“ verharmlosten Vertreibungen – der Muslime aus Griechenland und der Griechen aus der Türkei – wirken bis heute traumatisch nach. Und bis heute leistet sich Athen ein exorbitantes Militärbudget, weil es seine Ägäis-Inseln von Ankara bedroht sieht. Tatsächlich verletzen türkische Jets immer wieder griechischen Luftraum, und in Athen träumen Nationalisten noch heute von einer utopischen „Befreiung“ Konstantinopels und Smyrnas (Izmir). Dass die Türkei die Flüchtlinge jetzt nicht zurückhält, mit Schlepperbooten griechische Inseln – und damit die EU – anzusteuern, weckt in Griechenland erneut anti-türkische Ressentiments.

In Mazedonien und Serbien dagegen schüttelt man den Kopf über Athen. Nicht bloß, weil hier erstmals in der Geschichte Schutzsuchende aus einem EU-Mitgliedsland fliehen, sondern auch, weil Athen ganz gezielt das Problem an einen Staat weiterreicht, dem es seinen Staatsnamen und sein geschichtliches Selbstverständnis abspricht. Seit Jahren blockiert Athen die EU-Beitrittsverhandlungen Mazedoniens – und damit die politische und ökonomische Stabilisierung des nördlichen Nachbarn. Mazedonien konnte sich zwar ohne Krieg aus dem Völkerkerker Jugoslawien lösen, doch bestritten fast alle Nachbarn seine historische Identität. 1991 behaupteten die Regierungen Serbiens, Griechenlands und Bulgariens in einer gemeinsamen Erklärung, „dass es eine makedonische Nation nicht gibt“, dass in diesem Land vielmehr „nur Serben, Bulgaren und Griechen leben“.

In Belgrad hat man nicht vergessen, dass Skopje im Kosovo-Konflikt auf Seiten der NATO stand. Größer als seine außenpolitischen sind heute gleichwohl Mazedoniens innenpolitische Probleme: zwischen der konservativen Regierung und der linken Opposition wie zwischen der makedonischen Mehrheit und Teilen der albanischen Volksgruppe. Diese rund ein Drittel der Einwohner stellende Ethnie hat Rückhalt in Albanien und im Kosovo, in zwei Ländern also, die zwar als „sichere Herkunftsländer“ gelten, aus denen aber gleichwohl viele den Weg nach Deutschland suchen.

Serbien machte in der Flüchtlingskrise vor allem den EU-Staaten Griechenland, Ungarn und Kroatien schwere Vorwürfe. In Belgrad, wo Verschwörungstheorien immer Konjunktur haben, fühlt man sich wieder als Opfer fremder Interessen. Hunderttausende Schutzsuchende auf der Durchreise einigermaßen zu versorgen, übersteigt die logistischen und finanziellen Möglichkeiten Serbiens wie Mazedoniens. Dennoch erwartet Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vucic, von der EU für den Flüchtlingstransit irgendwie belohnt und entschädigt zu werden. Seit Ungarn seine Grenzen für Flüchtlinge schloss, eskalierten mehrfach die serbisch-kroatischen Ressentiments: Wenn Zagreb bei der Aufnahme von Flüchtlingen ein wenig auf die Bremse trat, gingen in Belgrad rhetorisch die Gäule durch. Dass aus der Kriegsrhetorik tatsächlich Gewalttätigkeiten erwachsen könnten, ist derzeit nicht in Sicht, doch sitzt das Messer in Südosteuropa seit jeher lockerer als Westeuropäer es ahnen. Zuletzt wurde im August, angesichts der 20-Jahr-Feiern zum Kriegsende, hörbar, wie sehr Slobodan Milosevics Krieg gegen das 1991 für unabhängig erklärte Kroatien und der Dissens um die Deutung des Krieges noch immer zwischen Zagreb und Belgrad stehen.

Die Länder der Balkanroute blicken gebannt auf Berlin

Wechselseitige Unfähigkeitsbezichtigungen gab es auch zwischen den EU-Partnern Kroatien und Slowenien. Nach Junckers Intervention wurden die Beschimpfungen eingestellt und die praktische Zusammenarbeit verbessert. Die Flüchtlinge, die an der griechisch-mazedonischen Grenze die EU verlassen haben, betreten sie nun, überwiegend mit dem Zug vom serbischen Sid kommend, im kroatischen Slavonski Brod, wo ein großes Winterlager eingerichtet wurde. Doch Kroatien und Slowenien sehen sich nur als Transitländer, die ihre Lasten tragen wollen, solange die Flüchtlinge rasch nach Österreich und Deutschland weiterziehen. Das nur zwei Millionen Einwohner zählende Slowenien sieht sich angesichts der Quantitäten überfordert und ist nun verstimmt über Ungarn, das seine Grenzen abdichtete, sowie über Kroatien, das – wie alle Länder der Route – die Flüchtlinge rasch weiterschiebt.

Ganz Südosteuropa blickt darum gebannt auf Berlin. Unter beträchtlichen Nebengeräuschen können die Staaten der Balkanroute für eine Weile Transitländer sein. Doch einen „Rückstau“ an Flüchtlingen im eigenen Land will kein Staat zwischen der Ägäis und der österreichisch-bayerischen Grenze riskieren. Das nämlich würde den latenten Nationalismen Auftrieb geben – mit unabsehbaren innenpolitischen wie nachbarschaftlichen Konflikten.