Dem Irak drohen Spaltung und Bürgerkrieg

Erzbischof Louis Sako kritisiert: „Die USA haben alles zerstört, aber nichts aufgebaut“

Sechs Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner im Irak gibt es für die Christen im Zweistromland noch immer keine Sicherheit. Entführungen und gezielte Anschläge sind an der Tagesordnung. Mehr als die Hälfte der irakischen Christen hat das Land bereits verlassen. Nach Angaben des chaldäisch-katholischen Erzbischofs von Kirkuk, Louis Sako, wurden in der Zeit der US-Besatzung bisher 750 Christen getötet, darunter der Erzbischof von Mossul, Paulus Faraj Raho. 200 000 Christen seien emigriert. Der Westen müsse deshalb Druck auf den Irak und die anderen Regierungen im Nahen Osten ausüben, damit sie die Menschenrechte respektieren, fordert Sako, der sich derzeit zu einer von „Pro Oriente“, „Kirche in Not“ und CSI (Christliche Solidarität International) organisierten Vortragstournee in Österreich aufhält.

Der Erzbischof von Kirkuk fürchtet, dass es noch schlimmer kommen könnte: „Wir sind sehr besorgt wegen des Rückzugs der Amerikaner. Dann wird es Bürgerkrieg geben.“ Möglicherweise werde der Irak in drei Teile zerfallen: Kurdistan im Norden, ein sunnitisch dominiertes Gebiet in der Mitte und „Schiitistan“ im Süden. „Wo bleiben dann die Christen?“, fragte der Erzbischof bei seinem Vortrag in Graz besorgt. Bisher habe es keine Versöhnung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen gegeben. Die Amerikaner hätten viele Terroristen in den Irak einströmen lassen. „Die USA haben das Land zerstört, aber nichts Neues aufgebaut. Es ist unmoralisch, das Land jetzt in dieser Lage zu verlassen“, so Erzbischof Sako. „Wer schützt uns, wenn die Amerikaner gehen?“, fragt sich der Erzbischof.

Die eigene Armee des Irak sei schwach, der Einfluss der Nachbarstaaten – einschließlich Saudi-Arabiens – dagegen groß. Dies scheint sich auch in einer Radikalisierung unter den Sunniten zu zeigen: Seine eigene Geburtsstadt Mossul sei durch die Präsenz der Wahabiten – einer aus Saudi-Arabien stammenden und von dort geförderten radikalen Ausprägung des sunnitischen Islam – zum gefährlichsten Ort für die Christen im Irak geworden, berichtete Sako bei einer Pressekonferenz in Wien. „Die Fundamentalisten wollen einen islamischen Staat errichten. Sunniten wie Schiiten denken, dass die Christen Ausländer sind.“

Tatsächlich jedoch ist das Land an Euphrat und Tigris ein zutiefst biblisches Land. „Am Ende des ersten Jahrhunderts waren wir ein christliches Land“, sagte der Erzbischof. „Wir waren hier im Irak bereits vor dem Islam. Das ist unser Land. Warum werden wir nur toleriert? Toleranz heißt Erniedrigung. Wir wollen aber gleichberechtigte Staatsbürger sein“, so Sako. In der islamischen Gesellschaft würden Christen als Bürger zweiter Klasse behandelt, weil viele Muslime glauben, „dass wir Polytheisten seien oder Ungläubige“. Der Druck auf die Christen, das Land zu verlassen, sei deshalb groß. Erzbischof Sako erinnerte daran, dass auch die Türkei vor einem halben Jahrtausend ein christliches Land war, und fragte besorgt, was mit dem Orient geschehen werde, wenn es dort, etwa im Irak und in Palästina, keine Christen mehr geben wird.

Von den Christen im Westen erwartet er mehr Unterstützung: Viele im Westen seien „selbstsüchtig und schämen sich ihres Christseins“, meint Sako, der selbst einst in Rom Theologie und in Paris Islamwissenschaften sowie Geschichte des frühen Christentums studierte. Die Rolle der Christen im Orient sieht er darin, den Muslimen zu helfen, einen offenen Geist zu entwickeln und die Unterscheidung von Politik und Religion zu lernen. „Die Scharia stammt von den Beduinen des 7. Jahrhunderts. Wie kann sie für Menschen heute gelten? Das ist unmöglich“, meint Erzbischof Sako. Die Muslime müssten lernen, den Koran für die heutige Zeit auszulegen. Die große Emigration der irakischen Christen, vor allem in die benachbarten Staaten wie Syrien und Jordanien, sei auch „eine große Herausforderung für die Kirche“. Dazu kommen die Binnenflüchtlinge: Viele Christen seien in Kleinstädte im Norden des Irak geflohen. Sie bräuchten nun Arbeitsplätze, Schulen und Krankenhäuser, „um hoffen zu können“. Andernfalls würden auch sie ihr Land verlassen.