„Dem Balkan darf die europäische Perspektive nicht weggenommen werden“

Der kroatische Premierminister Ivo Sanader über den Beitritt seines Landes zur Europäischen Union

Der aus einer katholischen Arbeiterfamilie stammende Ivo Sanader ist seit 2003 Premierminister Kroatiens. Sanader studierte in Rom und Innsbruck Philologie und war Intendant am Theater seiner Heimatstadt Split. 1990 war er Mitbegründer der Kroatischen Demokratischen Union (HDZ), für die er vor seiner Ernennung zum Premierminister in verschiedenen politischen Ämtern agierte. Bei den Parlamentswahlen 2007 ging die HDZ erneut als stärkste Kraft hervor. Mit der „Tagespost“ sprach Ivo Sanader über die christliche Prägung seines Heimatlandes, den Grenzstreit mit Slowenien und das große Ziel seiner zweiten Amtszeit: Die EU-Mitgliedschaft Kroatiens. Das Gespräch führte Sebastian Kraft.

Herr Ministerpräsident Sanader, viele Parteien und politische Akteure halten sich vor den Europawahlen bedeckt, wenn es um die Integration des Balkans in die Europäische Union geht. Bremst die Erweiterungsmüdigkeit den Wunsch Kroatiens aus, möglichst schnell in den Kreis der Europäischen Union aufgenommen zu werden?

Man muss sich doch nur vergegenwärtigen, was in der Vergangenheit alles passiert ist. Wodurch wurde unsere gemeinsame europäische Geschichte denn geprägt? Durch Kriege, Blutvergießen, das Okkupieren fremder Territorien und Genozide. Wenn wir das in Zukunft vermeiden wollen, gibt es nur eine Alternative: Die europäische Integration. Kein europäisches Land darf da draußen bleiben. Natürlich müssen bestimmte Kriterien erfüllt werden, das ist klar. Aber strategisch gesehen verstehe ich die Erweiterungsmüdigkeit nicht. Wer aus der Geschichte Lehren ziehen will, müsste eigentlich erweiterungsmunter werden.

Der Europaabgeordnete Bernd Posselt forderte in seinem Vortrag bei den Paneuropa-Tagen (siehe auch Seite 8) die Europäische Gemeinschaft auf, dass „schwarze Loch Südosteuropa“ im kommenden Jahrzehnt endlich zu schließen. Kroatien wird voraussichtlich als erstes Land der EU beitreten. Kommt Ihrem Land dann eine Schlüsselrolle bei der Integration des Westbalkans zu.

Kroatien wird sehr bald das 28. Mitgliedsland der Europäischen Union sein. Unsere Aufgabe ist dann klar definiert: Wir werden die Lokomotive für unsere Nachbarn in Südosteuropa sein, die ihre Zukunft in Europa sehen. Es wäre fatal, wenn den Balkanländern die europäische Perspektive weggenommen würde.

Mit Ihren Nachbarn haben Sie allerdings auch vor nicht einmal 15 Jahren noch einen erbitterten Krieg geführt. Gerade mit Serbien gibt es aus dieser Zeit noch viele offene Wunden, obwohl das Land wie Kroatien christlich geprägt ist.

Ja, das stimmt. Der Krieg spielt für die Zukunft unserer Länder aber keine Rolle mehr. Meine Regierung tritt dafür ein, dass wir noch alle offenen Fragen zwischen Kroatien und Serbien lösen. Der politische Wille dazu ist nicht nur in Zagreb, sondern auch in Belgrad spürbar. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit Serbien gute nachbarschaftliche Beziehungen aufbauen können. An dieser Stelle verweise ich immer sehr gerne auf Deutschland und Frankreich – zwei Erzfeinde, die heute die Achse der europäischen Integration sind.

Im Norden gibt es noch ein anderes bilaterales Problem: Slowenien blockiert durch den Grenzstreit die Mitgliedschaft Kroatiens in der Europäischen Union. Fühlen Sie sich von Slowenien erpresst?

(lacht) Ich will das jetzt nicht so nennen, aber es ist nahe dran. Kroatien und Slowenien sind aber immer Freunde gewesen, auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt. Zeigen Sie mir doch bitte zwei Nachbarländer, bei denen es keine bilateralen Probleme gibt.

Die Europäische Union will Kroatien aber erst aufnehmen, wenn das Problem behoben ist. Wünschen Sie sich mehr Unterstützung für die kroatischen Interessen?

Ich glaube, die EU hat auf das Problem sehr gut reagiert. Die Europäische Kommission nimmt eine sehr aktive Rolle ein. Es gibt eine gute Initiative des Erweiterungskommissars Olli Rehn, um den Konflikt zu beheben. Ich bin mir sicher, dass wir durch Verhandlungen eine Lösung finden werden. Trotzdem möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass die Aufnahme Kroatiens in die EU nicht davon abhängen darf, wie diese Frage gelöst wird. Das muss man abkoppeln. Slowenien ist doch 2004 der EU und der NATO mit der gleichen offenen Frage beigetreten. Der Konflikt ist in erster Linie eine bilaterale Angelegenheit. Wenn Slowenien mit dieser offenen Frage der EU beitreten konnte – dann kann es auch Kroatien.

Wann tritt Kroatien der Europäischen Union bei?

Wir wollen die Beitrittsverhandlungen in diesem Jahr abschließen und dann Ende 2010 oder Anfang 2011 der Europäischen Union beitreten.

Die christlichen Wurzeln Europas drohen in vielen Staaten verlorenzugehen. Was kann ein Land wie Kroatien zum christlichen Erbe des Kontinentes beitragen?

Meine Regierung ist eine Mitte-Rechts Regierung. Unser Koalitionspartner, die kroatische Bauernpartei, vertritt die christlichen Werte genauso wie meine Partei. Europa darf sich seiner christlich-jüdischen Wurzeln nicht schämen. Diese Wurzeln muss man immer wieder in den Alltag hineintragen und dort leben – auch in der politischen Arbeit.

Kroatien gilt als sehr katholisches Land. Durchlebt hier die Kirche auch eine Krise, wie es in vielen westeuropäischen Ländern der Fall ist?

Nein, ich denke nicht. Natürlich gibt es auch bei uns verschiedene Weltanschauungen, aber das Christentum nimmt in unserem Staat eine zentrale Rolle ein.