Debatte über Ehelehre nach Bischofswort

Augsburger Bischof Zdarsa warnt vor Schnellschüssen – Churer Oberhirte: „Familiaris consortio“ bleibt gültig. Von Regina Einig

Herbstvollversammlung Deutsche Bischofskonferenz
Haben ein Kompromissdokument verabschiedet: die deutschen Bischöfe. Foto: dpa
Herbstvollversammlung Deutsche Bischofskonferenz
Haben ein Kompromissdokument verabschiedet: die deutschen Bischöfe. Foto: dpa

Würzburg (DT/KNA) Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Worts der deutschen Bischöfe „Die Freude der Liebe, die in den Familien gelegt wird, ist auch die Freude der Kirche“, in dem die individuelle Gewissensentscheidung als Zulassungskriterium für den Sakramentenempfang wiederverheirateter Geschiedener formuliert wird, gibt es eine Debatte über die kirchliche Ehelehre.

Während von den katholischen Verbänden in Deutschland viel Lob für das Bischofswort kommt – der Bundesverband der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands begrüßt auf seiner Homepage „einen offiziell möglichen Weg für den Empfang der Sakramente für Geschieden-Wiederverheiratete“ – äußern Beobachter unter anderem auf internationalen Blogs wie Lifesitenews oder Infocatólica die Befürchtung, im Ergebnis werde die Unauflöslichkeit der Ehe preisgegeben – bei gleichzeitigem Bekenntnis zur Unauflöslichkeit. Mehrere Kommentatoren verweisen in diesem Zusammenhang auf das fast zeitgleich mit dem Hirtenwort der deutschen Bischöfe erschienene Interview des Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, (siehe DT 2. Februar) und sehen sich durch dessen Ausführungen in der Überzeugung bestärkt, dass nach geltender katholischer Lehre kein wiederverheirateter Geschiedener unter Verweis auf einen individuellen Gewissensentscheid zur Kommunion gehen darf.

Mit Blick auf eine in Einzelfällen mögliche Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion warnt der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa vor übereilten Entscheidungen. „Ich befürchte, dass es Schnellschüsse gibt“, sagte er am Freitag in Augsburg dem Sender katholisch1.tv. Es sei eine „Engführung“, wenn in den Medien davon die Rede sei, die deutschen Bischöfe öffneten die Kommunion für diese Personen. Die Bischöfe hätten den Papst nicht zu interpretieren, so Zdarsa. Er verstehe das Wort der Bischöfe als Aufforderung zu einer „persönlich noch mehr zugewandten Ehepastoral“, fügte Zdarsa hinzu. Die Kirche müsse sich noch intensiver um Menschen kümmern, die sich in Konflikten befänden, sie müsse ihnen zuhören und sie beraten. Der Bischof warnte zugleich vor einer Überforderung der Priester. „Wir schieben unseren Mitbrüdern da eine immense Verantwortung zu, die nicht alle in gleichem Maße tragen und ertragen können.“ Zdarsa äußerte zudem Zweifel daran, ob es überhaupt so viele in zweiter Zivilehe lebende Katholiken gebe, die jetzt einen Pfarrer um eine entsprechende Erlaubnis bäten. Der Bischof rief dazu auf, die Gewissensbildung des einzelnen Gläubigen stärker in den Mittelpunkt kirchlichen Handelns zu rücken. Mit dem verstorbenen Berliner Kardinal Alfred Bengsch sei er überzeugt, dass das „sogenannte mündige Gewissen immer noch eine Ausnahmeerscheinung bei zugleich vorbildlichen und gebildeten Christen ist“. Entscheidend sei letztlich „die Anerkennung einer Normierung des menschlichen Lebens durch Gott“.

„Achtung vor dem Eheband ausschlaggebend“

Anders als die deutschen Bischöfe positionierte sich am Donnerstag der Churer Bischof Vitus Huonder. Er unterstreicht in seinem an die Diözesanpriester gerichteten Schreiben die Bedeutung objektiver Beurteilungskriterien bei der Seelsorge an wiederverheirateten Geschiedenen. Der Empfang der heiligen Kommunion der zivil wiederverheirateten Geschiedenen dürfe nicht dem subjektiven Entscheid überlassen werden. „Man muss sich auf objektive Gegebenheiten stützen können – auf die Vorgaben der Kirche für den Empfang der heiligen Kommunion“ unterstreicht Bischof Huonder. Im Fall der zivil wiederverheirateten Geschiedenen sei die Achtung vor dem bestehenden Eheband ausschlaggebend. In seinem Brief tritt der Bischof dem verbreiteten Eindruck entgegen, „Amoris laetitia“ stelle einen Gegensatz zum Apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“ Johannes Pauls II. (1981) dar beziehungsweise löse dieses ab. Der Churer Oberhirte bezieht sich auf Punkt 84, in dem die Zulassung zu den Sakramenten für wiederverheiratete Geschiedene an die Bereitschaft zum geschwisterlichen Zusammenleben der Partner geknüpft wird. Wörtlich schreibt der Churer Oberhirte: „Wird bei einem Gespräch (bei einer Beichte) die Absolution eines zivil wiederverheirateten Geschiedenen erbeten, muss feststehen, dass diese Person bereit ist, die Vorgaben von Familiaris consortio 84 anzunehmen. (...) Diese Regelung gilt nach wie vor schon deshalb, weil das neue Apostolische Schreiben Amoris laetitia ausdrücklich keine ,neue gesetzliche Regelung kanonischer Art‘ vorsieht.“ Der Pönitent werde den festen Willen bezeugen müssen, in Achtung vor dem Eheband der ersten Ehe leben zu wollen.

Demgegenüber unterstrich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am Mittwoch gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur, die Tragweite der „reifen Gewissensentscheidung“. Eine „Zulassung“ zur Beichte oder zur Kommunion könne es nicht geben, erklärte Schick, der Kirchenrechtler ist. Vielmehr sollten und könnten die Kirche, Gläubige und Priester „die Gewissensentscheidung der Katholiken, die in irregulären Situationen leben, annehmen“. Der Verstoß gegen ein Gebot wie das der Unauflöslichkeit der Ehe könne im Einzelfall nicht oder nicht mehr schwere Sünde sein, erläuterte der Erzbischof. Dies könne die jeweilige Person nur im Gewissen selbst entscheiden. Schick räumte Bedenken in Bezug auf die Frage ein, ob ein gebildetes Gewissen heute vorausgesetzt werden könne. „Daran hapert es heute schon oft bei vielen.“ Ein gebildetes Gewissen müsse etwa die Fragen beantworten: „Sind die Ehegatten und die Kinder der ersten Ehe(n) versorgt und zufrieden? Ist die Schuld gesühnt? Ist kirchliches Leben und echte Sehnsucht nach den Sakramenten gegeben?“ Wichtig sei den Bischöfen wie dem Papst, dass die Betroffenen von Mitchristen nicht verurteilt werden dürften, fügte der Erzbischof hinzu.

Bedenken wegen der langfristigen Praxistauglichkeit des Hirtenworts der deutschen Bischöfe äußern die Eheleute Norbert und Renate Martin aus der Internationalen Schönstattbewegung (siehe Kommentar auf Seite 4), auch wenn sie die Ankündigung begrüßen, die Ehevorbereitung zu intensivieren. Das Ehepaar aus Vallendar gehörte mehr als dreißig Jahre lang dem im Dikasterium für Laien, Familie und Leben aufgegangenen Päpstlichen Rat für die Familie an: „Als Ehepaar, das seit Jahrzehnten auf den Gebieten der Ehevorbereitung, der Ehebegleitung und der Stärkung der Familie mitgearbeitet hat, kann man den Bischöfen zum ersten Teil ihrer Ausführungen nur gratulieren. Aber man fragt sich skeptisch, woher die notwendigerweise große Anzahl von Multiplikatoren kommen soll nach dem Ausbluten des Glaubens (man vergegenwärtige sich nur die statistischen Daten) und dem weitgehenden Ausfalls der Katechese. In der Frage der Sakramentenzulassung der wiederverheirateten Geschiedenen haben sich die Bischöfe für die subjektive Entscheidung des Einzelnen (autonome Moral) entschieden, was allen bisherigen kirchlichen Dokumenten widerspricht. Wir sind überzeugt: Die Zukunft wird zeigen, dass diese Position nicht zu halten ist.“

Das am Mittwoch verabschiedete Hirtenwort der deutschen Bischöfe stellt einen Kompromiss dar zwischen unterschiedlichen Auffassungen. Nicht alle Mitglieder der Konferenz bestanden auf ein gemeinsames Hirtenwort zu Amoris laetitia, gleichwohl musste sich der Vorsitzende, Kardinal Reinhard Marx, während der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe im September in Fulda kritischen Nachfragen von Journalisten stellen, die sich nach dem Erscheinungstermin eines gemeinsamen Hirtenworts erkundigten. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch offen, wann die deutschen Bischöfe ein solches Hirtenwort vorlegen würden. Der Vorschlag, zweigleisig zu fahren und einem ausführlichen Bischofswort eine Kurzform an die Seite zu stellen, das in den Kirchen verlesen werden könne, war verworfen worden.

Unterschiedliche Positionen zur Rolle des Gewissens

Mitte November befasste sich die bischöfliche Kommission für Ehe und Familie in einer Sitzung in Köln dann mit einem weiteren Entwurf. Zu diesem Zeitpunkt lag bereits der mit einigem Medienwirbel bekannt gewordene Interpretationsvorschlag der Bischöfe der Seelsorgeregion Buenos Aires zu Amoris laetitia vor, der in Kirchenkreisen zuweilen als exemplarische Umsetzung des päpstlichen Willens angesehen wird. Der Entwurf, mit dem sich die Kommission befasste, trug ihm ebenfalls Rechnung. Zwar herrschte Einigkeit in der Frage, dass Brautpaare intensiver auf die Ehe vorbereitet werden sollten, doch an der Auslegung von Kapitel acht von Amoris laetitia, in dem es um die Frage des Sakramentenempfangs bei Geschiedenen geht, zeichneten sich unterschiedliche Auffassungen ab. Schon im Vorfeld der Weltbischofssynode über Ehe und Familie hatten Teile der deutschen Bischofskonferenz versucht, dem Schreiben der Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz (1993) nachträglich Geltung zu verschaffen. Der Vorschlag der Bischöfe, dass wiederverheiratete Geschiedenen unter Begleitung eines Seelsorgers eine persönlich verantwortete Gewissensentscheidung finden, die von der Kirche und der Gemeinde zu respektieren ist, wurde 1994 von der Glaubenskongregation verworfen.

Welche Rolle das Gewissen und die persönliche Entscheidung in der Frage des Sakramentenempfangs spielen kann, war ein intensiver Diskussionspunkt in der Kommission für Ehe und Familie. Es folgten verschiedene Änderungsvorschläge, von denen die deutschen Bischöfe Kenntnis erhielten. Im Dezember 2016 hatte der Ständige Rat der deutschen Bischöfe Gelegenheit zum Austausch über die endgültige Fassung, die im Januar verabschiedet wurde. Im Unterschied zu dem Entwurf nennt die definitive Fassung im Zusammenhang mit den Ausführungen zur Ehevorbereitung expressis verbis die Entwicklung eines „Ehekatechumenats“ als Zielsetzung und spricht von der Familie als „Hauskirche“. Entfallen ist auch der Verweis auf die im Entwurf enthaltenen Ausführungen der Bischöfe der Seelsorgeregion Buenos Aires. Neu aufgenommen wurde eine Passage, in der sich die Bischöfe die Aufgabe zu eigen machen, die Gewissensbildung der Gläubigen zu vertiefen und den Seelsorgern Kriterien dafür an die Hand zu geben.

Übersetzungen des Textes in vier Sprachen sind geplant, um dem Dokument über den deutschsprachigen Raum hinaus Aufmerksamkeit zu verschaffen. Inwieweit sich einzelne Diözesanbischöfe die Möglichkeit vorbehalten, durch ein diözesanes Hirtenwort nachzujustieren, ist derzeit offen. (siehe Leitartikel Seite 2, Interview Seite 5 und Dokumentation Seiten 14/15)