Das wäre früher ganz anders gewesen. Ehrlich.

Briefporto, oder: An manchen Tagen wird der Mensch sentimental

Von Johannes Seibel

An manchen Tagen wird der Mensch gern sentimental. Da steht er dann am Fenster, schaut hinaus und lässt den Blick schweifen, wärmt sich an seiner dampfenden Tasse Tee und seufzt sein melancholisches „Früher ...“.

Früher war alles gemütlicher. Da gab's drei Fernsehprogramme. Die sendeten frühestens um vier Uhr nachmittags. Da gab's Flipper und Wickie und die starken Männer und Schirm, Charme und Melone und den rauchenden Internationalen Frühschoppen mit fünf Journalisten aus vier Ländern und Werner Höfer. Da gab's auf dem Telefon auch noch eine Wählscheibe. Oma konnte selbst den Arzt rufen. Für unterwegs gab's eine Telefonzelle. Weshalb man und frau und kind auch nur dann telefonierten, wenn's wirklich wichtig war – und sich alle tatsächlich was zu sagen hatten. Die Zeit, die einem die Handyquatscherei und das Twittern stiehlt, ließ sich in ein Leberwurstbrot und ein Buch auf dem Sofa investieren. Ehrlich.

Früher, da wurden noch mit der Hand und einem Füllfederhalter Briefe geschrieben, lange Briefe. Wenn's schnell gehen sollte, tat's auch der Kuli, der Kugelschreiber. Was waren solche Briefe doch für Lebensretter, gerade in Zeiten des Liebeskummers. Wie konnte man und frau sich erklären, mit welcher Inbrunst Leidenschaft und Leiden, bittere Anklagen und Selbstanklagen virtuos inszenieren – da wurde nicht einfach per SMS in drei Worten mit dem Partner Schluss gemacht. Das war eine literarische Angelegenheit. Mindestens.

Und heute? Heute will die Post nach dreizehn Jahren das Porto für Briefe erhöhen, dem sterbenden Genre wohl endgültig den Garaus machen. Und was passiert? Nichts. Das digital verdumpfte Volk merkt's nicht mal. Kein Protest, keine Leserbriefe, keiner will dem Postminister ans Leder. Aber den gibt's ja auch nicht mehr. Das wäre früher alles anders gewesen, ganz anders. Ehrlich.