Teheran

Das irdische Paradies der Schiiten

Der von den USA getötete General Kassem Soleimani war für viele Iraner der Zurückgewinner der kulturellen Grenzen des Iran. Ein Blick in die Geschichte des Südirak erklärt, warum.

Konflikt Iran-USA
Im Iran kamen in dieser Woche Millionen Menschen zu Trauerzeremonien für Generalmajor Kassem Soleimani, der bei einem US-Raketenangriff am 3. Januar getötet wurde. Foto: Uncredited (Office of the Iranian Supreme Le)

Der Südirak und vor allem die Stadt Kerbela ist in Erinnerung der Iraner ein verlorenes Land. Kerbela liegt am Euphrat, wo Altpersien in der Phase seines Untergangs im Jahre 638 mit der Eroberungspolitik der Araber und der Ausdehnung des Islam konfrontiert wurde. Dabei war die Schlacht von Kadesia einer der Meilensteine im Rahmen der Expansion der Araber. Der Sieg der Muslime über die Perser ermöglichte die Besetzung Mesopotamiens durch die Araber und war eine Voraussetzung für ihren Sieg in der entscheidenden Schlacht bei Nehawend, der einige Jahre später das Schicksal des persischen Sasanidenreiches endgültig besiegelte. Der Euphrat erweckt seither bei den Iranern unbewusst immer das Gefühl des Verlusts, weil die kulturelle Existenz Persiens zunächst einmal an diesem Ort durch die Araber gefährdet worden war.

Spaltung des Islam in zwei Hauptströmungen

Nach der Ausbreitung des Islam spaltete sich die neue Religion nachträglich in zwei Hauptströmungen und zwar Sunnismus und Schiismus. Die Spaltung begann mit der Diskussion über die legitime Nachfolge des Propheten Mohammed nach dessen Tod im Jahr 632. Die späteren Sunniten als Mehrheitsfraktion in der muslimischen Gemeinschaft waren der Ansicht, Mohammed habe keinen Nachfolger benannt. Die späteren Schiiten hingegen forderten, der neue Kalif, der eigentlich bei Schiiten Imam genannt wurde, müsse ein Nachkomme Mohammeds sein. Ihrer Ansicht nach hatte der Prophet das ebenso gesehen und seinen Schwiegersohn Ali als seinen Nachfolger benannt. In der Schlacht von Kerbela im Jahre 680 schlug dieser konfessionelle Konflikt in einen blutigen Krieg um. Denn in dieser Schlacht, die sich bei Kerbela im Südirak ereignete, wurde der Prophetenenkel – und aus schiitischer Sicht legitime Nachfolger Mohammads – Imam Hussein getötet. Mit dieser Schlacht war die schiitische Hoffnung, ihren dritten Imam anstelle von Yazid I. als Oberhaupt der islamischen Gemeinde einzusetzen, gescheitert. Yazids Vater hatte aus Sicht der Schiiten als korrupter und tyrannischer Gouverneur von Damaskus das Kalifat unrechtmäßig für sich beansprucht, indem er den rechtmäßigen 4. Kalifen und den ersten Imam der Schiiten Ali bekämpfte und seinen Sohn Yazid als Nachfolger eingesetzt.

Kampf zwischen Gut und Böse

In der islamischen Geschichte steht für die Schiiten die Schlacht von Kerbela symbolisch für den Kampf zwischen Gut und Böse und Unterdrückte gegen Unterdrücker. Diese Schlacht wurde später bei den Schiiten, deren überwiegende Teil Iraner waren, weiterverarbeitet, wobei das Ergebnis sich als einen der tragischsten Vorfälle in der Erinnerung der Iraner und Schiiten herauskristallisierte. Die Schlacht von Kerbela steigerte sich somit zu einem schiitisch-iranischen Mythos und das Gefühl des Verlusts wurde am Euphrat im Kontext der islamischen Geschichte wieder für die Iraner wachgerufen.

Im Iran kamen in dieser Woche Millionen Menschen zu Trauerzeremonien für Generalmajor Kassem Soleimani, der bei einem US-Raketenangriff am 3. Januar getötet wurde. Warum ist jedoch Soleimani für Iraner ein Held? Er war der Architekt der Achse des Widerstands gegen die westliche Politik und maßgeblich beteiligt an der Verhinderung von westlichen Regime-Change-Absichten in Syrien und anderen Ländern der Region. Vor allem seine Präsenz und Schlüsselrolle im Irak, wo er einen Kollaps des irakischen Staates und die Bildung des selbst ernannten Islamischen Staates an der Grenze zum Iran verhindert hatte, rief die Erinnerungen des verlorenen Landes bei den Iranern wieder wach. Immer wenn Irans Einfluss im Irak auf dem Spiel stand, war Soleimani persönlich vor Ort.

Tötung Soleimanis als neues nationales Narrativ

Generalmajor Soleimani war für die Iraner der Zurückgewinner der zivilisatorischen und kulturellen Grenzen des Irans und gleichzeitig der Schützer der heiligen schiitischen Pilgerstätten im Irak gegen die sunnitischen Fanatiker (IS). Die Tötung Soleimanis hat sich zu einem neuen nationalen Narrativ im Iran und in der schiitischen Community im Nahen Osten hochstilisiert, der in den nächsten Jahren die Außenpolitik des Irans prägen wird. Nach der Tötung Soleimanis wurde ein Gemälde im Iran rasch bekannt, in dem der im Irak gefallene Generalmajor Soleimani von Imam Hossein im irdischen Paradies und gleichzeitigem Trauerland der Iraner, nämlich Kerbela, wo Imam Hussein von Truppen des Kalifats enthauptet wurde und wo die Perser dem Eroberungszug der Araber erlagen, empfangen und umarmt wird. Der Südirak ist abermals das verlorene Land des Irans, um welches Generalmajor Soleimani gekämpft hat.

Der Autor, geboren im Iran, studierte Politikwissenschaft in seiner Heimat, wo er sein Bachelor- und Masterstudium abschloss. Er promovierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Hintergrund:
Mit Blick auf die drohende Eskalation im Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Iran nach der Tötung von General Kassem Soleimani haben die katholischen Bischöfe der USA zu Frieden und Dialog aufgerufen. „Angesichts der eskalierenden Spannungen mit Iran müssen wir dringend dafür beten, dass unsere Anführer in der Welt Dialog anstreben und Frieden suchen“, schrieb der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, der Erzbischof von Los Angeles Jose Horacio Gomez, am Mittwoch auf Twitter.

Zuvor hatte der Papst-Botschafter in Teheran, Erzbischof Leo Boccardi, darüber informiert, dass Franziskus die Entwicklungen mit großer Sorge verfolge. Er bete und lasse sich aktuell informieren. Am Sonntag hatte Papst Franziskus beim traditionellen Angelusgebet gesagt: „In vielen Teilen der Welt liegen Spannungen in der Luft. Krieg bringt nur Tod und Zerstörung. Der Papst rief „alle Parteien auf, Dialog und Selbstbeherrschung zu wahren“. Beobachter bewerten die vorsichtige Äußerung als einen Hinweis, dass der Heilige Stuhl im Nahen und Mittleren Osten eine Vermittlerrolle anbieten könnte.
Auch in der europäischen Politik wird zum Frieden gemahnt: Alle seien dazu aufgerufen, Gespräche wieder aufleben zu lassen. „Und davon kann es nicht genug geben“, erklärte die Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen.
(DT/dpa/KNA)

 

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