Das greise Gesicht der Armut

Nicht nur Kinder leiden Not – Entwicklungsländer müssen für immer mehr Alte sorgen

Kinderaugen sorgen für Mitleid und offene Herzen. Darauf setzen Hilfsorganisationen, um die Spendenfreudigkeit zu steigern. Aber Not und Elend ballen sich nicht bloß bei Kindern: Weltweit müssen hundert Millionen ältere Menschen täglich von weniger als einem Dollar leben. Mit der wachsenden Weltbevölkerung steigt auch der Anteil von Menschen über sechzig Jahren: 1950 lag ihr Anteil nach Angaben der Vereinten Nationen bei acht, 2007 bei elf Prozent. In vierzig Jahren wird ihr Anteil an der Weltbevölkerung auf 22 Prozent prognostiziert. Zwei Milliarden älterer Menschen wird es dann auf der Erde geben. Vier Fünftel davon werden in heute unterentwickelten Ländern leben. Natürlich ist es ein Fortschritt, dass Menschen immer älter werden – solange die Lebensqualität stimmt. Schwierig wird es, wenn die steigende Alterung einer Bevölkerung eine Gesellschaft unvorbereitet trifft und ihr nicht genug Zeit bliebt, Sorge zu treffen, diese wachsende Gruppe älterer Menschen zu versorgen und zu pflegen, damit ein Altern in Würde möglich ist.

Schon jetzt sind die Unterschiede zwischen der Altersvorsorge in den Industriestaaten und den unterwickelten Ländern drastisch: Zwar leben schon heute zwei Drittel der älteren Menschen dieser Welt in den Ländern des Südens. Doch gerade in den armen Ländern fehlen gut ausgebaute Gesundheits-, Sozial- und Rentensysteme: In den Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beziehen 84 Prozent der Menschen über sechzig eine Rente, in Lateinamerika dagegen nicht einmal zwanzig, in Südostasien nicht zehn, in Afrika südlich der Sahara nicht einmal fünf Prozent dieser Altersgruppe. Hinzu kommt, dass sich die traditionellen Familiennetze auflösen, die bisher für die Versorgung der älteren Generation gesorgt haben.

In vielen Teilen der Welt sorgt der Rückgang der Geburtenrate für die prognostizierte Beschleunigung der Alterung: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung hat ein Geburtenniveau unterhalb von zwei überlebenden Kindern pro Frau: Dieses sogenannte Bestandserhaltungsniveau ist nötig, damit die Kindergeneration die Elterngeneration zahlenmäßig ersetzt. Den schnellsten Geburtenrückgang der Menschheitsgeschichte hat in den letzten zwanzig Jahren übrigens der Iran erlebt: von sieben Kindern pro Frau im Jahr 1985 auf nur 1,8 Kinder im Jahr 2006. Regional verläuft die demografische Entwicklung sehr unterschiedlich. In Asien wird die Zahl der über fünfundsechzigjährigen im Jahr 2025 rund 480 Millionen (10 Prozent der Weltbevölkerung) betragen – gegenüber rund 215 Millionen im Jahr 2000 (5, 8 Prozent).

Neben Südkorea, Taiwan und Thailand wächst der Anteil der Älteren auch in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt. Heute sind acht Prozent seiner 1, 3 Milliarden Menschen großen Bevölkerung älter als 65 Jahre. Bis 2025 erwarten die Vereinten Nationen einen Anstieg auf vierzehn Prozent. Hintergrund ist die in den siebziger Jahren eingeführte Ein-Kind-Politik: Diese jedem Menschenrecht grob entgegenstehende Politik hat die Kinderzahl je Frau von 4, 9 auf 1, 6 im vergangenen Jahr gesenkt und lässt die Bevölkerung Chinas immer schneller altern.

China ist auf die Alterung nicht vorbereitet

Doch die Regierung ist nicht darauf vorbereitet, die im Jahr 2025 prognostizierten rund 290 Millionen Älteren zu versorgen: Die Ein-Kind-Generation wird finanziell kaum in der Lage sein, die geburtenstarken Jahrgänge der fünfziger und sechziger Jahre zu unterstützen. Somit bedroht das Tempo der Alterung den sozialen Frieden in China.

In den Industriestaaten liegt das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung meist höher als in den weniger entwickelten Ländern: Die Bevölkerung schrumpft und altert. Wo es sich die Länder leisten können, stopfen sie die Lücken, indem sie Arbeitskräfte abwerben. Doch die Zuwanderungspolitik bremst die entstehenden Schwierigkeiten höchstens zeitweilig, statt sie zu lösen. In den Herkunftsländern behindert der Verlust an Fachkräften die Entwicklung, auch wenn die Abgewanderten ihren Angehörigen in der Heimat Geld überweisen. Vor allem junge Menschen verlassen ihre Heimat, um anderswo ihr Glück zu suchen. Zurück bleiben die Alten und die Kinder.

So dramatisch die Lage ist, in der Entwicklungszusammenarbeit scheint das Thema alte Menschen immer noch einen blinden Fleck zu bilden. Diese Auffassung vertritt die Nichtregierungsorganisation Help Age, die sich für alte Menschen einsetzt. Das Angebot an Projekten für diese Gruppe sei in der deutschen Entwicklungsarbeit mager; es sei schwierig, Geldgeber für entsprechende Projekte zu finden, heißt es dort. Dabei hat sich auch Deutschland verpflichtet, ältere Menschen weltweit zu fördern und ein Altern in Sicherheit und Würde zu ermöglichen. So steht es im zweiten Weltaltenplan, den 159 Staaten 2002 verabschiedet haben. Rechtlich bindend sind die Verpflichtungen dieses Plans allerdings nicht.

Entwicklungspolitisch ist Hilfe für alte Menschen allemal sinnvoll. Dass alte Menschen gerade in Afrika wichtige gesellschaftliche Stützen sind, zeigt sich schon dort, wo sich Großeltern um ihre Enkel kümmern, deren Eltern weit entfernt arbeiten oder Opfer der Immunschwächekrankheit Aids wurden. Help Age startete etwa 2003 in Tansania mit Partnern ein Projekt, bei dem Menschen ab 65 Jahren eine monatliche Grundrente von umgerechnet knapp vier Euro erhielten – und rund zwei Euro zusätzlich für jedes Kind, das sie versorgten. Eine Studie zu diesem Projekt ergab, dass das Geld für Seife oder Kochsalz ausgegeben wurde oder den Schulbesuch der Enkel sicherte. Extreme Armut wurde so verhindert. Auch die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) stuft Sozialtransfers als wichtige Hilfe für Ältere ein. In Sambia hat sie sich an der Durchführung eines Projekts zur Grundsicherung für „überlebensgefährdete“ Haushalte beteiligt, das besonders alten Menschen zugute kam. Nach Informationen der GTZ hat die sambische Regierung das Projekt in ein nationales Programm umgewandelt. Dass die armen Staaten von der demographischen Lage der Industrieländer noch einige Jahrzehnte entfernt sind, ändert nichts daran, dass auch bei ihnen der Anteil der älteren Generation an der Bevölkerung wächst. Auch die unterentwickelten Länder müssen sich darauf vorbereiten, einer steigenden Zahl älterer Menschen ein Altern in Würde zu ermöglichen.