Das „gemeinsame Haus“ und der Süden

Nicht nur die Länder des Nordens müssen die Egoismen, die Papst Franziskus anprangert, bekämpfen – Die Bedeutung von Laudato si' für Afrika. Von Michael Gregory

Papst Franziskus' Lehrschreiben Laudato si' fordert keineswegs nur von den reichen Industrieländer ein Umdenken. Auch die Länder Afrikas stellt die Enzyklika vor gewaltige Herausforderungen. Foto: dpa
Papst Franziskus' Lehrschreiben Laudato si' fordert keineswegs nur von den reichen Industrieländer ein Umdenken. Auch di... Foto: dpa

Es war ein Paukenschlag. Mit Laudato si' hat der Papst den satten, reichlich Ressourcen verbrauchenden Ländern des Nordens kräftig ins Gewissen geredet. Es gebe, so Franziskus, eine „ökologische Schuld“, besonders zwischen dem Norden und dem Süden. Die entwickelten Länder müssten zur Lösung dieser Schuld beitragen, indem sie den Konsum nicht erneuerbarer Energien deutlich reduzieren sowie Mittel in die am meisten bedürftigen Länder bringen, um politische Entwicklungskonzepte und -programme zu unterstützen. Der Papst mahnt ganz im Sinne seines Namenspatrons, des heiligen Franz von Assisi, zu mehr Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung ebenso wie gegenüber den Schwachen – als eine „froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie“.

Klare Worte. Doch wer meint, die Enzyklika sei ein Freibrief für die südlichen Länder des „gemeinsamen Hauses“, irrt. Egoismen, die Franziskus anprangert, sind auch hier weit verbreitet. Besonders prekär scheint die Lage in Afrika. Was bedeutet Laudato si' für den Kontinent, aus dem immer mehr Menschen Richtung Europa aufbrechen, um Armut und Chancenlosigkeit zu entkommen und dabei Leib und Leben aufs Spiel setzen?

Tatsächlich ist die Lebenswirklichkeit in vielen Teilen Afrikas bedrückend. Es herrschen Krieg, Armut und ausbeuterische Wirtschaftsformen auf Kosten der natürlichen Umwelt. Und es ist kaum zu bestreiten, dass viele schädliche globale Trends, unter denen die Länder des Südens in besonderer Weise leiden – Stichwort Klimawandel –, vom Norden ausgelöst worden sind. Doch fest steht auch: Es gibt überdies Ursachen, die hausgemacht sind.

Beispiel Nigeria: Das mit rund 170 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Land Afrikas hat mit ausufernder Korruption und einer krassen Ungleichverteilung von Einkommen über Jahrzehnte wohl am meisten sich selbst geschadet. So fließen die Einnahmen aus dem lukrativen Erdölgeschäft in die Taschen einiger weniger einheimischer Eliten, die vor Ort, im Nigerdelta, oder von der Hauptstadt Abuja aus operieren. Die Masse der Bevölkerung profitiert nach wie vor kaum vom Geldsegen, den das Öl ins Land spült. Noch weniger als bei den Menschen im Nigerdelta kommt andernorts an, etwa im besonders benachteiligten Norden Nigerias (wobei die Machtverhältnisse hier nicht anders sind: Einige wenige Eliten, Clans und Cliquen haben das Sagen).

Es ist richtig, dass die Einnahmen aus dem Ölgeschäft im Land bleiben, doch eine Verteilung, die sich am Allgemeinwohl orientiert und nicht nur einige wenige reich macht, muss ebenfalls vor Ort geklärt werden. Dass andernfalls auch die Umwelt schwer leidet – man denke an die großflächigen Verschmutzungen des ökologisch kostbaren Nigerdeltas durch illegal angezapfte oder marode Pipelines –, wird angesichts der gewaltigen sozialen Ungleichgewichte fast zur Randnotiz.

Fest steht: Wo die Verantwortlichen in Staat und Regierung ihre Hausaufgaben nicht erledigen und es deshalb zur dauerhaften Ausgrenzung breiter Bevölkerungsschichten kommt, haben Fundamentalisten und Scharfmacher leichtes Spiel. Es ist kein Zufall, dass die Terrororganisation Boko Haram im Norden Nigerias beheimatet ist und es ihr gelingt, immer wieder neue Kräfte zu rekrutieren. Der Name bedeutet übersetzt „Westliche Bildung ist verboten“. Zwar hat der neue Staatspräsident Nigerias, Muhammad Buhari, den Kampf gegen die Gotteskrieger intensiviert, aber von einem Sieg über die Extremisten kann keine Rede sein. Sie verüben weiterhin blutige Anschläge auf Dörfer, Kirchen und Schulen. Die Gruppe wird außerdem verdächtigt, Verbindungen zum nordafrikanischen Arm des Al-Kaida-Netzwerks und der islamistischen Shebab-Miliz in Somalia zu unterhalten.

Zentrales Ziel von Boko Haram ist es, das Gesetz der Scharia für alle einzuführen. Was im Wege steht, wird zur Zielscheibe der Gewalt. Besonders Christen werden mit dem Westen in Verbindung gebracht, mit Werten wie Freiheit und der Förderung von Bildung. Jugendliche, die sonst kaum Perspektiven haben, werden für die Terroristen zur leichten Beute. Mit ein paar billigen Versprechungen schafft Boko Haram es, kontinuierlich neue Kämpfer anzulocken.

Ein schlichter und deshalb umso erschütternder Mechanismus, der auch in anderen Gegenden Afrikas funktioniert. So ist die Rekrutierung von Kindersoldaten auch in Zentral- und Ostafrika weit verbreitet – allen internationalen Appellen und Kampagnen zum Trotz. Man denke an den Bürgerkrieg in Somalia, der jetzt auch den Norden Kenias erfasst hat, an die um Bodenschätze und ethnischen Einfluss geführten Kämpfe im Osten der Demokratischen Republik Kongo, entlang der Grenze zu Ruanda und Burundi, an die Spannungen in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan und im Norden Ugandas. Kinder mit schwerer Bewaffnung trifft man fast überall, angeheuert und finanziert von lokalen Warlords und machthungrigen Clanchefs. Auch hier gilt: Eine von den nationalen Regierungen initiierte, am Allgemeinwohl orientierte Armutsbekämpfung würde gleich dreifache Wirkung entfalten: Sie würde den Menschen Möglichkeiten an die Hand geben, sich selbst zu helfen, dem Extremismus so den Boden entziehen und zugleich verhindern, dass sich die fähigsten Kräfte aufmachen, um als Flüchtlinge in Europa ihr Glück zu suchen.

Zu oft ist es auch Denken in nationalen Schranken, das eine nachhaltige Entwicklung im Geist von Laudato si' blockiert. So wiegen eigene, nationale Interessen oft schwerer als gemeinsame Ziele. Das kennt man zwar auch aus Europa, doch die Zahl grenzübergreifender Konflikte in Afrika ist enorm. Gutes Beispiel: das Verhalten Südafrikas im Umgang mit dem Heer aus Wirtschaftsflüchtlingen aus dem nördlichen Nachbarland Simbabwe. Die meisten der rund drei Millionen Zuwanderer leben als illegale Migranten in den großen südafrikanischen Zentren. Sie gelten als besonders fleißig, gut ausgebildet und flexibel – was sie bei Arbeitgebern beliebt macht, viele Einheimische aber besorgt. Sie befürchten, Simbabwer nehmen ihnen die Arbeitsplätze weg. Wachsender Fremdenhass bis hin zu offener Gewalt sind die Folgen. Doch die südafrikanische Regierung unter Präsident Jakob Zuma, zugleich Chef des ANC, unternimmt kaum etwas gegen die wachsenden Spannungen. Afrikanische Solidarität wird dagegen gern auf großer Bühne gemimt. Beim AU-Gipfel 2015 in Johannesburg etwa, als die Regierung Zuma Diktator Al-Bashir aus dem Sudan laufen ließ, einen Mann, der vom internationalen Strafgerichtshof beschuldigt wird, gravierende Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben.

Papst Franziskus mahnt in Laudato si', Verantwortung zu übernehmen – für die Wahrung der Schöpfung ebenso wie bei der Lösung drängender sozialer Fragen. Das muss sich der Norden hinter die Ohren schreiben, doch ohne ein Umdenken in den zahlreichen Despotien des Südens ist eine wirklich nachhaltige Entwicklung des „gemeinsamen Hauses“ nicht vorstellbar. Franz von Assisi als Vorbild für Al-Bashir, Zuma und Co. – schwer vorstellbar, doch es wäre ein Segen für Afrika!