Das christliche Menschenbild und der soziale Fortschritt

Kanzlerin spricht beim Festakt zum Jubiläum in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ – Merkel: Kirche wird durch Missbrauchsdebatte nicht unglaubwürdig

Bis zuletzt war es ungewiss, doch sie kam: Die Kanzlerin. Und mit ihr kamen 500 geladene Gäste zur 50-Jahr-Feier der katholischen Akademie im Bistum Essen „Die Wolfsburg“ nach Mülheim/Ruhr. Nach der Ungewissheit der letzten Tage, in denen die Medien über Merkels Odyssee quer durch Europa berichteten, herrschte am Dienstag Erleichterung, dass die CDU-Chefin wie geplant ihren Festvortrag über die Bedeutung von Zusammenhalt und Solidarität für den sozialen Fortschritt halten konnte.

Bei ihrer Ankunft wurde Angela Merkel von Akademiedirektor Michael Schlagheck empfangen. Vor dem dicht gedrängten Auditorium, darunter unter anderem die Oberbürgermeisterin von Mülheim, Dagmar Mühlenfeld, und der Geschäftsführer der Bischöflichen Aktion Adveniat, Prälat Bernd Klaschka, nahm der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, zugleich neuer Vorsitzender der Adveniat-Kommission, in seiner kurzen Einführung eine kirchliche und gesellschaftliche „Verortung“ der katholischen Akademie vor.

Die „Wolfsburg“, gegründet 1960, also nur zwei Jahre nach Gründung des Ruhrbistums und zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Vatikanums, diente von Anfang an dem Anspruch des Bistums Essen, „Ortskirche“ in einer spezifischen Weise zu sein, eine Ortskirche, deren Hauptkennzeichen „die besondere Nähe zu den Menschen dieser Region war und ist“, betonte der Bischof. „Es ist vor allem das Zweite Vatikanische Konzil, das für das katholische Verständnis von Gesellschaft das Dialogmodell ins Spiel gebracht hat. Es geht aber nicht allein um innerkirchlichen Dialog, es geht um ökumenischen Dialog als Gespräch der Konfessionen, um den interreligiösen und interkulturellen Dialog und schließlich um Dialog mit allen Menschen guten Willens über die Frage, wie wir im 21. Jahrhundert als Menschen, als Bürger gut zusammenleben wollen und auch müssen“. sagte Overbeck.

Die „Wolfsburg“ versteht sich seit jeher als Dialogforum, von daher fügte sich das Thema des Vortrags der Kanzlerin beim Festakt in der „Wolfsburg“ – nämlich die Verhältnisbestimmung von Solidarität und Verantwortung für das Gemeinwohl und den sozialen Fortschritt – in den Gesamtkontext der katholischen Akademie. Einleitend spürte die Bundeskanzlerin zunächst dem Begriff des „sozialen Fortschritts“ nach. „Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir von sozialem Fortschritt sprechen? Im gängigen Sprachgebrauch bedeutet Fortschritt zunächst einmal ganz allgemein, dass wir der Überzeugung sind, dass etwas besser wird. Auf gesellschaftlich-politischer Ebene meint sozialer Fortschritt die möglichst umfassende Teilhabe aller gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen am Prozess gesellschaftlicher Entwicklung.“ Zu dieser Art von Fortschritt, hob Bundeskanzlerin Merkel hervor, sei der Mensch nicht nur seiner sozialen Natur nach – also unter sozialwissenschaftlichem Vorzeichen – befähigt. „Sondern aus unserem, aus dem christlichen Glauben heraus ist der Mensch zu gesellschaftlicher Teilhabe und zur Wahrnehmung seiner gesellschaftlichen Verantwortung entschieden berufen.“

Welches Menschenbild als verbindlich anerkannt werde, davon hänge wesentlich ab, wie in einer Gesellschaft auch Werte wie Solidarität und Zusammenhalt definiert würden, welchen Zusammenhalt sie hätten. Das christlich geprägte Menschenbild sei im deutschen Grundgesetz verankert in dem entscheidenden Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz, so die Kanzlerin, hätte nicht formuliert werden können ohne die prägende Kraft des christlichen Glaubens, getragen von der Überzeugung, „dass der Mensch zur Freiheit befähigt und berufen ist, nicht nur zur Freiheit von etwas, also zur Freiheit von Zwängen, sondern auch zur Freiheit zu etwas, zur Freiheit in Verantwortung.“ Angesichts der heutigen Unsicherheiten, vielfachen Gefährdungen auch, sei der Begriff der Freiheit heute in der gesellschaftlichen Debatte teilweise umstritten. Mehr Kontrolle ganz allgemein werde gefordert, um Sicherheit zu schaffen. Merkel betonte aber, Freiheit sei eine wesentliche Grundlage für ein gesellschaftliches Zusammenleben in Gerechtigkeit und Solidarität. Dazu sei es auch in einer säkularisierten Gesellschaft wesentlich, sich immer wieder die christlichen Wurzeln des freiheitlich geprägten Menschenbildes zu vergegenwärtigen. „Auch in einem Gemeinwesen, in dem die Trennung von Staat und Kirche Konsens ist, tut es uns allen gut, an die wesentlichen geistigen Grundlagen zu erinnern, die wir als Staat nun einmal nicht schaffen können“, sagte Frau Merkel.

Bei der Frage nach dem sozialen Fortschritt wies die Bundeskanzlerin darauf hin, dass hier vor allem zwei Fragen miteinander verbunden seien: zum einen die Frage, wie für den einzelnen Menschen in der Gesellschaft Möglichkeiten zur Teilhabe, aber auch zur persönlichen Entwicklung geschaffen werden könnten; zum anderen aber auch die Frage: „Wie kann ich den Einzelnen zu mehr Verantwortung für das Ganze, aber aus freiheitlicher Entscheidung heraus, bewegen?“ In diesem Zusammenhang bezog sich die Kanzlerin auf das in der christlichen Sozialethik verankerte Prinzip der Subsidiarität. Dieses biete eine gute Grundlage, um das Verhältnis von kleineren und größeren Einheiten innerhalb einer Gesellschaft zueinander zu bestimmen, dass nämlich die größeren Einheiten dann Verantwortung übernehmen, wenn die kleineren Einheiten dazu nicht mehr in der Lage ist.

Bei der Podiumsdiskussion zum 50-jährigen Bestehen der Katholischen Akademie im Bistum Essen „Die Wolfsburg“ äußerte sich die Bundeskanzlerin auch zur Situation der katholischen Kirche im Zuge der Missbrauchsdebatte. Sie habe keine Sorge, dass die Kirche durch die gegenwärtige Diskussion über die Missbrauchsfälle als gesellschaftliche Institution unglaubwürdig wird. Die Kirche sei zu wirkungsvoll und in ihrer Geschichte zu mächtig, als dass man davor Angst zu haben brauche, sagte die Kanzlerin. Der Kirche müsse jedoch bewusst werden, dass ein Weg der Wahrheit und Klarheit die einzige Möglichkeit sei, mit den Missbrauchsfällen umzugehen. Darin werde die Politik die Kirche etwa durch den Runden Tisch für Missbrauchsfälle begleiten.