Das christliche Menschenbild soll Fundament bleiben

Die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltet in Potsdam eine Diskussion zum CDU-Markenkern. Von Verena Renneberg

Angela Merkel gibt den Ton an: Die Basis ist damit nicht immer glücklich. Foto: dpa
Angela Merkel gibt den Ton an: Die Basis ist damit nicht immer glücklich. Foto: dpa

Wenn nicht nur die Medien, sondern sogar die eigenen Mitglieder einer Partei über deren Ausrichtung und Markenkern diskutieren, dann wird es ernst. Und wenn in parteiinternen Kreisen und ihr nahestehenden Einrichtungen Initiativen ergriffen und gegründet werden, dann erst recht. Solche Initiativen sind Stimmungsbarometer. In der CDU beispielsweise zeigt derzeit die „Aktion Linkstrend stoppen“ rege Aktivität. Sie sieht sich als Antwort auf die „Berliner Erklärung“, mit der die CDU-Parteispitze vor fast genau zwei Jahren aus Sicht der Initiative die „Öffnung nach Links“ vorangetrieben hat. Und zwar „unumkehrbar“, wie die „Stopper“ in einem Manifest ausführen. Neben prominenten CDU-Mitgliedern haben sich auch Parteiunabhängige der Aktion angeschlossen; derzeit zählt sie etwas mehr als 7 600 Unterstützer. Markenzeichen der Aktivisten sind Poloshirts in signaloranger Farbe mit einem Logo, das einem Verkehrsschild ähnelt und aufzeigen soll: Links abbiegen verboten.

Auch am Dienstagabend leuchtete im Potsdamer Veranstaltungszentrum „Le Manege“ das ein oder andere orange Shirt durch den Veranstaltungssaal. Mehr als hundert interessierte Zuschauer waren gekommen; viel mehr hätte der Saal kaum fassen können. „Wohin strebt die CDU? Der Markenkern der Christdemokratie heute“, lautete das Thema der Veranstaltung, zu der die brandenburgische Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) geladen hatte.

„Dem einen ist die CDU zu liberal, dem anderen zu sozial, anderen wiederum zu konservativ“, führte Stephan Raabe, KAS-Landesbeauftragter für Brandenburg, eingangs aus. „Was ist die Seele der Partei?“, fragte der 49-Jährige. Die Abendveranstaltung weckt große Erwartungen, bei Zuschauern, Parteimitgliedern und Presse: Zu den Diskutanten zählt Saskia Ludwig, Vorsitzende der CDU Brandenburg. Die hatte erst kürzlich ihre Meinung in einem Zeitungsbericht kundgetan. Das Medienecho war enorm, weil sie sich in ihrem Artikel auch mit der eigenen Partei anlegte.

Genau wie Ludwig zählt auch Jörg Schönbohm zum „Berliner Kreis“, in dem sich Widerstand gegen den Kurs der Kanzlerin formiert. Auch Schönbohm wird an diesem Abend auf dem Podium erwartet, am Tag der Bundestags-Abstimmung zu neuen Griechenland-Hilfen. Genügend Diskussionspotenzial also in Brandenburg, wo die CDU Oppositionspartei ist, wo – wie in der Landeshauptstadt Potsdam – die Narbe des Eisernen Vorhangs noch immer zu spüren ist.

Es ist kurz nach 18 Uhr, an der Bar wird es ruhig, die Kronleuchter scheinen hell. Bernhard Vogel eröffnet mit einem Grundsatzreferat. Vogel ist ein Promi der alten CDU: einer der wenigen Politiker, die Ministerpräsidenten zweier unterschiedlicher Bundesländer waren. Vogel freut sich über die Rückkehr des „C“ in die Diskussion um die CDU: Das Christliche müsse Grundlage politischen Handelns sein. Allgemeine Zustimmung. Jörg Schönbohm, ehemals brandenburgischer Innenminister und gelernter Generalleutnant, legte die Verteidigungslinie für den konservativen Parteiflügel: „Wir als Konservative wollen, dass das erhalten bleibt, was sich bewährt hat.“ Rückbesinnung auf Bewährtes müsse nicht im Gegensatz zum Neuen stehen: Diesem Gemeinplatz wollte sich keiner der Diskutanten verschließen.

Saskia Ludwig bemühte sich, die Perspektive zu erweitern: Eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit sei die Globalisierung. Woher kommt dabei das Fundament für gesellschaftlichen Zusammenhalt? Die Antwort lieferte Ludwig selbst: „Im christlichen Menschenbild steht das Individuum im Mittelpunkt.“

Bernhard Vogel stimmt Ludwig zu: „Das christliche Menschenbild muss das Fundament bleiben.“ Vogel sieht politische Orientierung im Spannungsfeld „zwischen christlich-demokratischen Wurzeln und pragmatischem Handeln“. Die CDU habe aus der „Zerfleischung Europas die stärksten Konsequenzen“ gezogen. Das Grundgesetz sei geprägt von der Christlichen Soziallehre, „vor allem die Präambel und die ersten 19 Artikel: das Anrufen Gottes und Artikel 1.1: Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Er sei „bewusst keiner Partei beigetreten“, hält Bernhard Vogels Namensvetter Martin Vogel dagegen. Vogel ist der Beauftragte der Evangelischen Kirche bei den Ländern Berlin und Brandenburg und das einzige Nicht-Parteimitglied der Diskussionsrunde. Als Geistlicher wolle er allen Mitgliedern seiner Gemeinde gleichermaßen als Vertrauensperson gelten können. „Eine Präferenz der evangelischen Kirche für die CDU gibt es nicht.“ Betretenes Schweigen. Doch dann rettet Vogel doch noch die Stimmung: Ostdeutsche Protestanten seien „in der Regel stolz auf ihre Bundeskanzlerin“. Später widerspricht ihm ein älterer Mann aus dem Publikum: „Ich selbst bin kein Mitglied, aber viele meiner Freunde sind in der CDU und alle sagen, dass sie die CDU nicht mehr wählen werden. Der Grund dafür ist Bundeskanzlerin Merkel.“ So kommt die Diskussion dann doch noch von abstrakten Grundsatzfragen auf konkrete Personen. Denn wer, wenn nicht die Kanzlerin, prägt nach außen das Gesicht der CDU? Während Merkel nur Stunden zuvor, im nahegelegenen Berliner Bundestag bei der Abstimmung über das zweite Griechenland-Paket, die Kanzlermehrheit verfehlt hat, wird Bernhard Vogel laut und wütend: „Angela Merkel ist eine der angesehensten Politikerinnen in Deutschland, Europa und der Welt!“ Die CDU sei führende Partei in Deutschland. Sie habe weiterhin die besten Umfragewerte aller Parteien. Solche Fakten erlaubten keinen Widerspruch. Eine Argumentation, die die Diskussion unter den prachtvollen Kronleuchtern wenig voranbringt. Schließlich hat Kirchenmann Martin Vogel noch ein wenig Kritik zu bieten: Aus Sicht der Menschen in Brandenburg sei die soziale Kompetenz nicht unbedingt bei der CDU verankert. Wieder betretenes Schweigen.

Dieter Dombrowski, CDU-Generalsekretär in Brandenburg, kommt als Letzter zu Wort. Sein Résumé: „Die CDU ist ein deutscher Markenartikel, der nicht verramscht werden darf. Ich bin einer der wenigen Katholiken in Brandenburg, aber das ist halt so. Unsere Parteitage beginnen immer mit ,Lobet den Herrn‘ und enden mit dem Lied der Deutschen. Das ist unser Spannungsfeld.“ So viel Einigkeit trotzt dann final doch noch ein Mann im Publikum. Es ist Georg Klaffus, ehemaliger Berliner CDU-Politiker. Er selbst war einmal mit einem „radikalen Rundbrief“, wie es der SPIEGEL nannte, ins Kreuzfeuer der Kritik auch aus den eigenen Reihen geraten. Das war 1997. „Lassen Sie mal die Rettungsschirmblase platzen, dann bekommen wir hier bürgerkriegsähnliche Zustände“, schleudert Klaffus dem Podium entgegen. Doch zu dieser Prognose will sich niemand äußern.