München

Das Zentralorgan von FJS

Ein Nachruf auf den Bayernkurier der CSU.

Wilfried Scharnagl
Wilfried Scharnagl (1938-2018) prägte den Bayernkurier wie sonst nur Franz Josef Strauß. Foto: dpa

Der Bayernkurier, seit 1950 Zeitung der CSU, ist zum letzten Mal erschienen. Die Kommunikation der Partei soll künftig über andere Kanäle laufen. Wilfried Scharnagl, der als Chefredakteur von 1977 bis 2001 so stark mit dem Bayernkurier verbunden war, wie sonst wohl nur Franz Josef Strauß, hat das Ende nicht mehr miterleben müssen. Vor fast genau einem Jahr ist er verstorben. Zu Scharnagls Zeiten war der Bayernkurier immer mehr als ein Parteiorgan: Die Zeitung richtete sich nicht nur an Mitglieder, sondern war im freien Verkauf erhältlich. Und zwar nicht nur an den Kiosken in Bayern, sondern in ganz Deutschland. Der Bayernkurier war denn auch in seinen Glanzzeiten ein Zeichen für den deutschland-, ja sogar weltpolitischen Anspruch der CSU.

Globalpolitiker, der auch Peking, Moskau, Washington im Blick hatte

Denn Franz Josef Strauß verstand sich ja eben auch als Globalpolitiker, der Peking, Moskau, Washington und natürlich Bonn und Ost-Berlin genauso im Blick hat wie München, Altötting oder Tuntenhausen. Und wer wissen wollte, wie Strauß die politische Lage beurteilte, der musste eben seine Leitartikel im Bayernkurier lesen. Hier konnte Strauß als das brillieren, was für sein staatsmännisches Selbstverständnis nicht ganz unerheblich war: als konservativer Denker und Stratege. In Scharnagl, von dem FJS sagte, dieser schreibe das, was er denke, fand er seinen kongenialen publizistischen Partner, Berater und manchmal wohl auch Ghostwriter. Der Bayernkurier wurde in dieser Zeit von konservativen Intellektuellen gemacht und er wurde auch von diesen gelesen.

Eines wollte man nicht pflegen: "Gärtnerkonservativismus"

Aber was zeichnete diese politische Richtung aus? Sie verstand sich als realpolitisch, die Gegner auf der Linken, aber auch die als Herz-Jesu-Marxisten verlachten Kritiker aus der CDU galten als weltfremde Moralisten und Ideologen, gleichzeitig war man fasziniert von dem technischen Innovationspotenzial eines modernen Industriestaates wie der Bundesrepublik – schließlich scheute man sich auch nicht vor der Selbstbezeichnung „rechts“. Eines jedenfalls wollte man nicht sein: „Gärtnerkonservativismus“ – so hatte Armin Mohler, der spätere Vordenker der „Neuen Rechten“, die Gruppe der aus seiner Sicht machtpolitisch impotenten Konservativen bezeichnet, die sich nur aufs reine Bewahren beschränken wollten.

Genau jener Mohler, das war noch vor der Ära Scharnagl, hatte Ende der 60er Jahre kurz Einfluss auf die publizistische Richtung des Bayernkuriers. Und zwar über seinen Schüler Marcel Hepp, den er FJS als persönlichen Referenten empfohlen hatte. Unter dem Blattmacher Hepp, der schon als Student die Gruppe „Katholische Front“, später in „Konservative Front“ umbenannt, gegründet hatte, die rechts von der Union angesiedelt war, wurden damals vor allem außenpolitische Akzente gesetzt.

Strauß als ein deutscher General de Gaulle

Mohler und Hepp wollten Strauß zu einer Art deutschem General de Gaulle machen – Präsidialregiment inklusive. Strauß selbst aber fing für diese Idee nie richtig Feuer. Als Hepp 1970 jung starb, war die Episode vorbei. Strauß wollte vielleicht kein „Gärtner-Konservativer“ sein, aber als Rechter im Mohlerschen Sinne verstand er sich auch nicht. Sein publizistisches Alter Ego fand er dann erst in Wilfried Scharnagl, der im Vergleich zu Hepp und Mohler fast schon ein Liberaler war.

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