Das Naturrecht in Zeiten des ethischen Pluralismus

Zu der Tagung „Naturrecht und/oder Pluralismus“ der Joseph-Höffner-Gesellschaft in Königswinter. Von Stefan Hartmann

In seinem berühmten Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas im Januar 2004 kam Joseph Kardinal Ratzinger auf das Naturrechtsdenken als mögliche vernünftige Vermittlungsinstanz zum säkularen Rechtsverständnis einer pluralistischen Gesellschaft zu sprechen, bemerkt aber sogleich, dass dieses Instrument„leider stumpf geworden“ sei: „Die Idee des Naturrechts setzte einen Begriff von Natur voraus, in dem Natur und Vernunft ineinander greifen, die Natur selbst vernünftig ist. Diese Sicht von Natur ist mit dem Sieg der Evolutionstheorie zu Bruche gegangen.“ Dennoch trug der damalige Präfekt der Glaubenskongregation kurz vor seiner Wahl zum Papst in einem Brief einigen theologischen Fakultäten den Wunsch vor, „in der gegenwärtigen Stunde der Geschichte einen gemeinsamen Nenner ethischer Prinzipien zu finden, die von allen angenommen werden, in der Natur des Menschen und der Gesellschaft verankert sind und wesentliche Kriterien bieten, um in Grundfragen bezüglich der Rechte und Pflichten des Menschen Gesetze erlassen zu können“. Das Anliegen ist also nicht rein theoretisch, sondern hat einen eminent praktischen Bezug. In seiner bedeutenden Rede vor dem Deutschen Bundestag im September 2011 verteidigte Papst Benedikt XVI. mit Bezug auf Wolfgang Waldstein und den Widerstand gegen das Nazi-Regime das Naturrechtsdenken ausdrücklich gegen den wertneutralen Rechtspositivismus.

Auf Initiative der Joseph-Höffner-Gesellschaft, die bei der Gelegenheit auch den Joseph-Höffner-Preis an den katholischen Sozialethiker Wolfgang Ockenfels verlieh (siehe dazu den Artikel von Stefan Rehder, DT vom 24. Mai), trafen sich im Arbeitnehmer Zentrum Königswinter (AZK) mehrere Wissenschaftler und Referenten zu einer Fachtagung über das Verständnis und die Vermittelbarkeit des Naturrechts in einer Zeit des zunehmenden ethischen Pluralismus. Organisation und Moderation lag in den Händen der jungen Professoren Elmar Nass (Wilhelm Löhe-Hochschule, Fürth) und Christian Müller (Institut für Ökonomische Bildung, Universität Münster).

Den Auftakt machte der St. Pöltener Ethiker und Moraltheologe Josef Spindelböck, Mitglied der Wiener Johannes-Messner-Gesellschaft, mit aus der Sicht des christlichen Glaubens grundsätzlichen Bemerkungen zum Zusammenhang von Naturrecht, Heiliger Schrift und göttlicher Offenbarung. Thomas von Aquins Gesetzesverständnis und Messners Naturrechtslehre sind ihm Richtschnur. Gegen die Willkür der Herrschenden, auch wenn sie eine demokratische Mehrheit besitzen, sind positive Gesetze am Naturrecht und am Gewissen (syneidesis) auszurichten. Die „existenziellen Zwecke“ des Menschseins verwirklichen sich nur mit der Tugend der Klugheit und im Befolgen des Liebesgebotes. Der Vorsitzende der Joseph-Höffner-Gesellschaft, der Bonner Sozialethiker Lothar Roos, verbindet das Naturrecht mit Artikel 1 des Grundgesetzes von der unveräußerlichen Würde des Menschen. Es sei leichter zu sagen, was gegen das Naturrecht verstößt, als was ihm entspricht. Hinter ihm steht aber die ethische Weisheit der Menschheit (von C. S. Lewis das „Tao“ genannt) und der Plan Gottes mit dem ihm ebenbildlichen Menschen. Der promovierte evangelisch-lutherische Pfarrer Jürgen Henkel (Selb) beleuchtet das Naturrecht aus der Sicht von Reformation und Orthodoxie. Er beklagt das Abdriften der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von der Schriftgemäßheit in der Familien- und Lebensethik, insbesondere durch die liturgisch-rechtliche Anerkennung sogenannter „Homo-Ehen“ (sogar im Pfarrhaus). Lutherische Kirchen in anderen Ländern und Kontinenten schließen sich diesem Liberalismus meist nicht an. Oft wird kontroverstheologisch die Gesetzeskritik Luthers entgegen der für die evangelische Kirche maßgebliche Konkordienformel von 1577 übertrieben dargestellt. Auch in der Orthodoxie wird von einem „ewigen Gesetz Gottes“ und vom Herz als Organ des Gewissens nach Röm 2, 12–16 gesprochen.

Nach den Grundfragen befasste sich ein zweiter Block der Veranstaltung mit der Wahrnehmung und vernünftigen Vermittlung von Naturrechtsgedanken außerhalb christlich-theologischer Systematik. Der Vallendarer Islam- und Religionswissenschaftler Günter Riße, Schüler von Hans Waldenfels, betont zunächst die Uneinheitlichkeit des Islam, der in den verschiedenen Ländern und Völkern jeweils sehr unterschiedliche Ausprägungen gefunden hat. Während das Christentum eine Menschwerdung/Inkarnation Gottes zum Zentrum hat, besteht der Islam auf einer Buchwerdung/Inlibration. Hauptproblem ist der Scharia-Vorbehalt, der den allgemeinen Natur- und Menschenrechten entgegensteht. Staat und Religion fallen im Islam zusammen. Die muslimischen Heirats- und Eherechte diskriminieren Frauen bis heute. Eine bloß liberale Theologie des Islam greift zu kurz, um eine Versöhnung von Tradition und Moderne zu bewirken.

Die Anschlussfähigkeit des Naturrechtsdenkens ist Thema des Münsteraner Wirtschaftswissenschaftlers Christian Müller. Er wählt den von Alasdair MacIntyre übernommenen Begriff des „Narrativ“, um an naturrechtliche Implikationen des Alltaglebens zu stoßen. Danach ist der Mensch ein soziales Wesen und ein Geschichtenerzähler, der in einem Narrativ verpflichtend mit seiner Umwelt und seinen Mitmenschen verbunden ist. Der Kommunitarist Michael Sendel hat Ähnliches in seinem bekannten Buch „Was man nicht für Geld kaufen kann“ umschrieben. Mitorganisator Elmar Nass (Fürth) fokussiert seine Überlegungen zum Naturrecht in der Sozialphilosophie auf den Inder Amartya Sen und die Amerikanerin Martha Nussbaum, die er einem neu-aristotelischem Essentialismus zuordnet. Giuseppe Franco (Eichstätt), Träger des Max-Weber-Preises der deutschen Wirtschaft, referierte zum Thema „Naturrecht und Erkenntnistheorie“ mit besonderer Rücksicht auf den kritischen Rationalismus Karl Poppers. Danach muss sich auch das Naturrecht, wie schon Arthur F. Utz in einem Thomas-Kommentar bemerkte, als veränderbar, flexibel und falsifizierbar erweisen.

Den Schlussteil der Tagung bildeten praktische Überlegungen zur Anwendung des Naturrechts. Nils Goldschmidt von der Universität Siegen, Mitglied der Görres-Gesellschaft und Vorsitzender der „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“, sieht in der am Naturrecht ausgerichteten Ordnungsethik der sozialen Marktwirtschaft, wie sie etwa von Walter Eucken und Alfred Müller-Armack entworfen wurde, die Grundlage einer sozial gerechten Gesellschaft und verlässlichen Rechtstaatlich-keit. Martin Kamp, ehemals Hauptgeschäftsführer der CDA (Christlich-Demokratische Arbeitnehmer) und seit kurzem bei der IG-Metall in Berlin, befasste sich nicht nur mit Umverteilung, sondern betonte das Ganzheitliche einer am Christlichen und am Naturrecht orientierten Sozialpolitik. Die Prinzipien des Gemeinwohls, der Solidarität und der Subsidiarität seien dabei handlungsführend. Nicht Alimentation, sondern Hilfe zur Selbstsorge sei der rechte Umgang mit den sozial Schwächeren. Ein sogenanntes „bedingungsloses Grundeinkommen“ negiere die Eigenverantwortlichkeit. Der Trierer Kirchenrechtler Christoph Ohly konnte abschließend in lockerer Form klare Essentials aufweisen: Eherecht, Lebensrecht und Religionsfreiheit als naturrechtliche Vorgaben haben im katholischen Kirchenrecht, das sich auch am Offenbarungsrecht zu orientieren hat, ihren zu regelnden Ort.

Zwischen den Themenblöcken gab es intensive Diskussionen zwischen Referenten und Auditorium. Eine moderne und nicht dem „mainstream“ folgende Standortbestimmung des Naturrechtsdenkens und seiner heutigen Kommunizierbarkeit ist der von Karsten Matthis (CSP) und Philipp M. Laufenberg (BKU) professionell organisierten interdisziplinären Fachtagung sehr gut gelungen. Konsens der Teilnehmer war, dass ohne eine individuelle Tugendethik auch die soziale Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft auf Dauer nicht gelingen kann.