Das „Monster“ frisst die Moral

Wo man hinschaut, ob Siemens, ob WestLB, ob Telekom oder VW – überall das gleiche, erschreckende Bild: Angesehene Manager geraten mehr oder weniger massiv mit dem Gesetz in Konflikt. Und sie beschädigen damit, darauf hat jüngst selbst der Bundespräsident mit Recht hingewiesen, die Vorbildfunktion der Manager, der Elite. Aber sie beschädigen auch das Bild vom Standort Deutschland, von einer sozialen Marktwirtschaft, in der nicht nur die Gesetze des Kapitals und des Profits herrschen sollten, sondern in der noch Anstand und Redlichkeit ihren Platz haben. Doch im Gegenzug – von der breiten Öffentlichkeit nicht bemerkt – macht sich im Alltag dieser Konzerne mehr und mehr eine neue Zunft von Managern breit. Sie schmückt sich, wie könnte es anders sein, mit einem englischen Namen „compliance officer“. Was tun sie?

Zu Hunderten haben sie sich in den Großkonzernen eingenistet. Ihre Aufgabe: Sie sorgen dafür, dass sich die Manager – aber auch alle Teile des Unternehmens – gesetzestreu verhalten. Daher stellen sie Regeln über Regeln auf, schaffen neue, dickbändige Richtlinien und geben Kontrollanweisungen aus. Kurz: Sie beherrschen mit rechtlichen Anweisungen den Alltag des Konzerns. Die Rechtsabteilungen – eigentlich für die Einhaltung von Recht und Gesetz zuständig – erfahren einen nachhaltigen Bedeutungsverlust. Gleiches gilt für die Revisionsabteilung, das „Controlling“. Der „compliance“ gehört die Gegenwart: Keine Entscheidung von einiger Tragweite kann und darf noch getroffen werden, ohne dass der „compliance officer“ sie zuvor als gesetzesgemäß abgesegnet hat. Erst dann darf gehandelt werden.

Von einem kleinen mittelständischen Unternehmer erwartet freilich jeder – auch die Gerichte und damit die Rechtsordnung – , dass er sich von sich aus gesetzestreu verhält. Bei Großkonzernen aber hat der Wachhund der „compliance“ seine Herrschaft angetreten. Institutionelle Prävention gegenüber Gesetzesverstößen ist angesagt. Das ist verkehrte Welt. Denn natürlich erwartet die Rechtsordnung, nicht minder die Ethik, dass der Handelnde sein Rechtsbewusstsein – sein Gewissen – so bildet, dass er von sich aus in der Lage ist, Recht von Unrecht zu unterscheiden und auch dann den Weg des Rechts bereitwillig geht, wenn es dem Profit des Unternehmens weniger nützt als der Verstoß, etwa gegen Anti-Korruptionsgesetze oder gegen geltendes Steuer- und Wettbewerbsrecht. Doch vom Manager kann und darf man diese simple Kenntnis offenbar nicht mehr erwarten. Sie brauchen die Leitlinien und den Aufpasser. Die menschliche Verführbarkeit, die Neigung zum Bösen oder auch nur zum opportunistischen „Mitmachen“, weil es ja alle so machen – ohne „nützliche Abgaben“ läuft eben nichts – all das sind erkennbar die Ursachen für die Einrichtung von „compliance“-Systemen in allen Großunternehmen. Doch menschliche Fehlhaltungen hat es immer gegeben; sie sind Teil der sündhaften Neigungen des Menschen. Dagegen angesichts der vielen Skandale in der Wirtschaft die Forderungen nach einer – neuen – Ethik für Manager ins Feld zu führen und immer wieder die Behauptung aufzustellen, dass auch in einer globalen Wirtschaft sich ethisches, verantwortungsvolles Handeln letztlich „lohnt“, greifen zu kurz.

Denn die sich in der präventiven „compliance“ äußernde Verrechtlichung aller Entscheidungen eines Unternehmens erstickt die Chance einer freiwilligen Ethik von vornherein. Es gilt das Gesetz der eigenen Absicherung. Darin äußert sich ein allgemeiner Trend, der überall im Staat zu sehen ist. Kein Mensch ist mehr in der Lage, die immer weiter grassierende Normenflut – von Deutschland wie von Europa – auch nur annähernd zu bewältigen. Keiner kennt sich mehr aus. Der Experte hat das Sagen und die Kompetenz. Eine oft beklagte Bürokratie ist die Schwester dieser Entwicklung. Beides erstickt die bürgerliche Freiheit. Genau da setzt die „compliance“ an: Es gibt eben nur noch die Verpflichtung, die Gesetze – national wie international – zu beachten; eine Freiheit oberhalb dieser Normen ist kaum noch zu sehen. Der Mittelstand wohl noch ausgenommen, das paternalistisch geführte Unternehmen zumal.

Doch bei den Großkonzernen wirken hier die Hebelgesetze des Neo-Kapitalismus. Unerbittlich. Eisern: Es geht nur noch um den Profit, um den kurzfristigen Erfolg. Quartalszahlen sind abzuliefern, solche, die die Analysten und die Börse erfreuen, bloß keine Gewinnwarnung, bloß kein Unterschreiten der gegebenen Versprechen betreffend Umsatz oder Ertrag. Die Öffentlichkeit wacht mit Argusaugen, die Analysten an der Börse spielen Schiedsrichter, der Aufsichtsrat wacht mit Argwohn, die Eigner erwarten Rendite. „Humankapital“ ist dem „wirklichen“ Kapital gnadenlos unterlegen und ausgeliefert: Rationalisierungsmaßnahmen, gar Entlassungen lassen die Börse frohlocken. Und die Erfolgsmeldung von heute ist – fatal genug – das „benchmarking“ für das morgige Ergebnis, das zu übertreffen ist. Immer mehr. Das mag man Gier nennen, aber es ist mittlerweile das unerbittliche Gesetz des Marktes, das der Bundespräsident im Blick auf die internationale Finanzmarktkrise kürzlich als „Monster“ bezeichnet hat. So gesehen ist es hilfreich zu wissen, dass sich die Großkonzerne jetzt der „compliance“ verschrieben haben, weil dann künftige Erträge nicht den Makel des gesetzlichen Unrechts tragen. Die Frage nach dem moralischen Unrecht exzessiver Gewinne wird aber nicht mehr gestellt.