Saarbrücken

Das Kandidaten-Karussell dreht sich wieder

Der JU-Deutschlandtag wurde zum Schaulaufen für potenzielle Kanzlerkandidaten. Friedrich Merz wurde enthusiatisch gefeiert. Aber es gibt auch noch andere Favoriten im Rennen.

Deutschlandtag der Jungen Union
Braut sich etwas hinter ihrem Rücken zusammen? Gerade glücklich sieht AKK nicht aus. Foto: dpa

Wenn die Junge Union zu ihrem Deutschlandtag einlädt, dann ist das nicht irgendein Zusammentreffen einer politischen Jugendorganisation. Auch jetzt in Saarbrücken präsentierte sich der Parteinachwuchs als ernst zu nehmender Machtfaktor. Als größte politische Jugendorganisation - allein im letzten Jahr traten 5 000 Neumitglieder ein - verfügt die JU über eine große Personalstärke. Und die weiß sie zu ihrem Vorteil einzusetzen: Kein Wahlkampf in Stadt und Land, wo der jeweilige Kandidat der Union nicht tatkräftig von JUlern unterstützt würde. Oder anders gesagt: Ohne diese Aktiven würde vielerorts wohl überhaupt kein Wahlkampf stattfinden. Leidet die Union doch mit Blick auf ihre Gesamtmitgliederzahl schon seit Jahren unter einem hohen Altersdurchschnitt.

Der Parteinachwuchs kultiviert auch einen bestimmten Lebensstil

Wer also Ambitionen auf ein Mandat hat, muss sich mit der JU gut stellen. Es kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu: der programmatische Ehrgeiz. Seit der Amtszeit von Philipp Mißfelder versteht sich die Parteijugend als Motor gegen eine weitere Sozialdemokratisierung der Union: Liberal in der Wirtschaftspolitik, konservativ in der Gesellschafts- und Sicherheitspolik. Das verschaffte und verschafft ihr in der Ära Merkel eine besondere Aufmerksamkeit. Denn zu Muttis Lieblingen gehörte sie damit noch nie. Und schließlich gibt es noch einen dritten Faktor: Politik soll Spaß machen. Die Jungunionisten beraten nicht nur über Anträge, ihre Mitgliedschaft hat für sie auch Lifestyle-Gründe. Tweed-Sakko, Einstecktuch - der Parteinachwuchs kultiviert auch einen bestimmten Lebensstil. Dazu gehört auch das gemeinsame Feiern. Besonders legendär sind eben die Parties, die bei den Deutschlandtagen gestartet werden.

Die Merkel-kritische Grundhaltung erklärt, warum gerade die Junge Union zum Schaulaufen für deren mögliche Nachfolger einlädt, die Feier-Freude der Delegierten, wieso die Atmosphäre dabei teilweise einer Mischung aus Schützenfest und Karneval geglichen hat. Friedrich Merz sprach anerkennend davon, solche Parteiveranstaltungen, die Parteitagen amerikanischer Spielart glichen, würde in Deutschland tatsächlich nur die Junge Union hinbekommen. Auch Tilman Kuban, den JU–Vorsitzenden, nannte er nach dessen Rede eine „Rampensau“. Schließlich hatte der es geschafft, dass die Delegierten lauthals den Partyschlager „Malle ist nur einmal im Jahr“ anstimmten, als er dafür plädierte, dass jeder ein Recht auf einen jährlich Mallorca-Flug habe. Aber Merz sollte es sowieso leicht gefallen sein, hier Lob zu verteilen. Schließlich stand er im Zentrum der großen Polit-Show.

Wenn der Name Merz fiel, brandete Applaus auf

Merz war der Star. Schon wenn nur sein Name genannt wurde, brandete Applaus auf. Und dann löste er auch das ein, was man von ihm erwartete: Eine rhetorisch ausgefeilte, ordnungspolitisch klare und mit kleinen charmanten Spitzen gegen Merkel und AKK gespickte Rede, die den Saal geradezu zum Toben brachte. Fünf Minuten Standing Ovations. „So ein Tag so wunderschön wie heute“, stimmten die Delegierten an, während Merz mit Kuban ein Bier öffnete. Vor allem Merz' Schlusssatz musste bei den Zuhörern Hoffnung wachrufen: „Wenn Sie wollen, dass ich dabei bin, bin ich dabei.“ Nur was mag Merz genau damit gemeint haben? Trotz seiner knappen Niederlage vor gut einem Jahr beim Rennen um den CDU-Vorsitz tourte er weiter als Hoffnungsträger der Konservativen und Wirtschaftsliberalen durch die Lande. Eine klare Aussage dazu, wie er sich aber genau seine politische Zukunft vorstellen würde, die blieb bisher aus.

Wer Friedrich Merz, den eigentlich ja etwas spröden und gesetzten Sauerländer, an diesem Abend erlebte, der könnte glauben, vielleicht hat er jetzt einen Entschluss gefasst. In gewisser Weise macht der Triumph nun in Saarbrücken seine rhetorische Niederlage gegen AKK im letzten Jahr in Hamburg wieder wett. Mit der hatte er wohl nicht gerechnet. Ist nun neuer Kampfgeist erwacht? Dass er durchaus weiß, auf welche Flügel er in der Partei zählen kann, zeigt, dass er sich auch am Stand der Werte-Union zum Gruppenfoto zusammen mit Philipp Amthor aufstellte.

JU: Kanzlerkandit soll per Urwahl bestimmt werden

Die Junge Union lieferte ihm aber noch eine andere Vorlage: Mit rund 60 Prozent stimmte sie dafür, dass der nächste Kanzlerkandidat der Union per Urwahl durch die Mitglieder gewählt werden soll. Wie sich das praktisch umsetzen lässt – CDU und CSU sind ja eigenständige Parteien – wurde, wie einige Kritiker in der Diskussion bemerkten, nicht geklärt. Letztlich ist dieses Votum aber auch nicht der Ausdruck neuer basisdemokratischer Sehnsüchte á la SPD und Grünen, es geht allein darum, dass Annegret Kramp-Karrenbauer nicht automatisch die Kandidatur für sich reklamieren kann.

Eigentlich wäre ihr Auftritt im Saarbrücker Congress Center, „ihrem verlängerten Wohnzimmer“ wie sie selbst sagte, einem Heimspiel gleichgekommen. Aber nach Merz' Auftritt am Freitag konnten da doch große Zweifel entstehen. Dass sie erst am Sonntagmorgen ihren Auftritt hatte, zahlte sich aber letztlich für sie aus. Der Merz-Rausch war schon verklungen, dafür hatte der der Delegierten nach der großen Samstagabend-Party eingesetzt. Mit allzu forschen Angriffen musste sie also seitens der langsam schwächelnden jungen Leute nicht rechnen. Im Gegenteil – ganz Mutti-like – drückte sie sogar noch ihre Hochachtung dafür aus, dass diese trotz des „harten Feierns“ brav morgens erschienen seien. Freilich solche Anmerkungen wirken bei AKK authentisch.

AKK ist keine staatstragende Rednerin

So ist sie eben. Nett, freundlich, aber eben auch etwas harmlos. Man sollte allerdings nicht vergessen: Ein später bedeutender Kanzler aus der Pfalz wurde auch viele Jahre wegen seiner angeblichen Provinzialität und Harmlosigkeit verspottet, doch dann wuppte Helmut Kohl die Deutsche Einheit. Jedenfalls verstellt sich Kramp-Karrenbauer nicht. Sie ist eben keine staatstragende Rednerin wie Merz, also versucht sie es auch gar nicht. Sie stellt sich nicht hinter ein Pult, sondern nutzt mit Mikro die ganze Bühne – schaut dabei allerdings immer wieder auf ihren Spickzettel. Auch die Fragen lässt sie freundlich über sich ergehen – ganz anders übrigens als Merkel, die zumindest für bissige Sprüche gut war, wenn auch es eine Bissigkeit sozusagen auf den zweiten Blick ist. AKK ist für die Mehrheit der JU kein Feindbild, aber sie wird eben auch nicht geliebt wie Merz.

Vielleicht kann von diesem Konflikt ein lachender Dritter profitieren: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der ebenfalls ein Grußwort hielt. Klar, der sei ein Liberaler, konnte man von Delegierten hören. Aber er wisse auch, was er dem konservativen Flügel zugestehen müsse. Sein Innenminister Herbert Reul leiste gute Arbeit im Kampf gegen kriminelle libanesische Clans. Als Chef der einzigen Schwarz-Gelben Landesregierung stünde er für eine vernüftige Wirtschaftspolitik. Er sei der geeignete Mann, zwischen den Lagern innerhalb der Union Brücken zu bauen. Und in der Tat, einerseits wurzelt Laschet tief im katholischen Milieu seiner Heimatstadt Aachen. Seine Frau hat er im Kirchenchor kennengelernt. Gleichzeitig weiß er aber auch, wie die Merkel-Anhänger ticken. Gehört er doch selbst dazu. Für einen Wahlsieg kann die Union vermutlich auf keinen Flügel verzichten. Laschet hält sich zurück. Aber beim Kandidaten-Schaulaufen in Saarbrücken hat er mitgemacht. Und es gab Applaus.