Das Friedensfest

Was kann passieren, wenn eine Lehrerin der 68er Bewegung syrischen Flüchtlingen Deutsch unterrichtet? Eine Weihnachtserzählung Von Burkhardt Gorissen

„Ein allgegenwärtiger Friede durchströmte jeden Blick, jeden Atemzug. (...) Weihnachten.“ Viele Flüchtlinge in Deutschland sehnen sich danach, diesen Frieden erleben zu dürfen. Nicht nur während der Festtage. Foto: dpa
„Ein allgegenwärtiger Friede durchströmte jeden Blick, jeden Atemzug. (...) Weihnachten.“ Viele Flüchtlinge in Deutschla... Foto: dpa

Jetzt klingelte Mehdi zweimal. Voller Ungeduld tippte er mit seinen Füßen auf. Dabei wusste er, dass die Tür nicht so schnell aufgehen würde. Er sah auf sein Schulheft in der Hand und lächelte. Ein glückliches Lächeln, und er wollte es gern mit anderen teilen. Vor allem mit Frau Wilsleben. „Hallo?“ Er klingelte noch einmal. „Moment!“, rief sie. „Eine alte Frau ist kein D-Zug.“ Als ob es noch D-Züge gäbe. Also nahm sie ein Handtuch und trocknete sich auf dem Weg zur Tür flüchtig die Finger ab. Da stand Mehdi. Sein Schulheft in der Hand und lächelte. Ein befreites Lächeln. „Ah…“, sagte er. Mehr brachte er tatsächlich nicht heraus, als hätte ihm das Glück die Sprache verschlagen. Während er sein Schulheft aufschlug, brachte er nochmal ein kurzatmiges „Ah“ hervor.

Frau Wilsleben verstand gleich und sagte ebenfalls: „Ah“ – ein lang gedehntes „Ah“. Sie warf das Küchenhandtuch lässig über ihre Schulter, als wäre es ein Schal und rümpfte ihre spitze Nase. „Du hast die Deutscharbeit zurückbekommen. Dann lass mal sehen.“ „Nur zwei Fehler! Ich habe eine zwei bekommen“, stieß Mehdi mit seiner kieksenden Stimme hervor, die einbrach, wie bei jedem, der im Stimmbruch ist. Während er ihr sein Schulheft überreichte, wurde sein Lächeln noch breiter. „Hier, siehst du, eine zwei.“

Frau Wilsleben rieb über ihre spitze Nase, als wollte sie sagen, „Eine eins wäre besser gewesen“, aber das sagte sie nicht, denn sie wusste, mit einer zwei hätte man vor ein paar Wochen nicht rechnen können. „Na, dann waren unsere Nachhilfestunden doch nicht vergeblich.“ Sie blickte gouvernantenhaft streng, weil sie dachte, das gehört sich so für eine ehemalige Lehrerin. Dann lächelte auch sie. Ein vorsichtiges Lächeln, aber nicht vorsichtig genug, um es Mehdi nicht merken zu lassen.

„Siehst du“, sagte sie, „und Shoshan und Fatima und die anderen bekommen demnächst auch gute Noten in Deutsch.“ Sie sagte es trotzig, als müsse sie sich etwas beweisen. Inzwischen unterrichtete sie zwölf Kinder. Jeden Tag. Sie lernten eifrig und schnell. Viel schneller und eifriger, als Frau Wilsleben es von ihren früheren Schülern kannte. Neugier ist eine gute Triebfeder. Vielleicht strengten sie sich auch nur so an, um ihre verlorene Heimat zu vergessen. Und diesen verdammten Krieg, vor dem sie geflohen waren: Die schwarzen Wolken über den zu Schutt bombardierten Häusern, die Schreie der brennenden Opfer, die so wehtaten, als wäre es der eigene Schmerz. Unendliche Angst hatte darin mitgeklungen. Und gleichzeitig die keuchenden Stimmen, die sich gegenseitig anstachelten, um den Fluchtweg nicht aus den Augen zu verlieren. Der Krieg heißt Krieg, wer nicht davonläuft, den bringt er ums Leben. Die Angst hatte sich wie ein Geschwür in die Seele gefressen. Wer nicht schnell genug war, blieb liegen wie ein weggeworfenes Stück Müll. Krieg. Menschenmüll. Krieg.

Frau Wilsleben gab Mehdi das Heft zurück. Die 2 darin, von einer flüchtigen Lehrerhand in roter Schrift dahingeschrieben, sah aus wie ein kleiner Tropfen Blut. „Siehst du, Deutsch ist gar nicht so schwer…“. Das glaubte sie selbst nicht. Deutsch war eine schwierige Sprache zum Lernen. Alles andersherum, was männlich ist, wird weiblich und umgekehrt, die Sonne eine Frau, der Mond ein Mann. Doch wem musste sie das erklären? „Ab jetzt wirst du immer eine gute Note bekommen“, sagte sie. Mehdi zuckte die Schultern. „Danke“, sagte er.

Angefangen hatte das Alles ganz anders. Nachdem sie pensioniert worden war, wollte sie eigentlich zu ihrem Sohn nach Stuttgart ziehen. Das Zimmer war schon eingerichtet, doch dann kamen die Zweifel. Studienrätin für Deutsch und Geschichte war sie gewesen, oder, wie ihre Schüler es ausdrückten, eine alte Buchstabentussi. Ihre Wohnung war voll von Büchern, die, exakt alphabetisch geordnet, eine Welt ausspannten, die von Platon bis Ernst Bloch reichte, und an deren Nordpol Heinrich Böll stand und an deren Südpol Simone de Beauvoir. Zwischen den ganzen Buchstaben lebte sie, sie waren ihr Lebensinhalt, und jetzt sollte sie in einem kleinen Zimmer wohnen, in das vielleicht einhundert Bücher passten, ein Bett und ein Lehnstuhl und das Kaffeeservice, Maria-Weiß, das sie so liebte, wegen der Rosen am zwölfeckigen Rand. Am Ende waren es diese Dinge und nicht die Auseinandersetzungen mit ihrem Sohn und der Schwiegertochter, die sie ohnehin nicht mochte. So dachte sie jedenfalls. Also blieb sie in dem Viertel, hier wo sie aufgewachsen war. Das alte Viertel, in dem eine Menge alter Häuser unregelmäßig aufgereiht standen, wie vertrocknetes Brot unter einem Glassturz. Häuser, die jetzt hastig renoviert wurden für die Flüchtlinge, die sonst nirgends eine Heimstatt hatten. Es gab Proteste. Anwohner, die ihre Häuser bedroht sahen und ihren Wohlstand. Der ganze bleierne Spießerspott, Ängste, die unerklärlich blieben, und sie dazwischen, eine ziemlich kleine Frau mit kastanienrotem Haar, in das sich weiße Strähnen wie Gedankenstriche eingefärbt hatten, jene Zeichen, die sie selbst am liebsten verwendete, früher auf Flugblättern, später als Spiegelstriche in Klausuren – oder als Trennungszeichen, dass von der Ideologie die Selbsterkenntnis subtrahiert. „Bürger lasst das glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein“ – Damals war es anders gemeint gewesen, 1968, als sie in Berlin studierte. Weltoffenheit, Freiheit. Gleichheit.

Aus ihrer Zeit als Lehrerin wusste sie, dass man alles von verschiedenen Standpunkten betrachten muss, um zu einem Urteil zu kommen. Wie viele Einschulungsjahrgänge hatte sie betreut, wie viele Neue, die ihren Platz in ihrer neuen Schule suchten, einer für sie fremden Umgebung? Sie wusste, dass Ordnung sich einstellt, wo Chaos zu herrschen scheint.

Mehdis Vater hatte bei ihr geklingelt. Das lag jetzt schon ein paar Wochen zurück. Sein trauriges Gesicht, von einer Farbe wie dunkelgeregneter Sand, zeigte noch die Spuren der Erschöpfung, die die Flucht darin eingekerbt hatte. Er hatte den Körper eines Arbeiters: kräftig, asketisch. Sein schwarzes Haar wurde langsam grau, die lange Flucht hatte Ausrufungszeichen gesetzt. Von irgendjemandem hatte er erfahren, dass Frau Wilsleben Lehrerin gewesen war. Von wem, wusste er nicht oder wollte es nicht sagen. Spielte auch keine Rolle. „Kindern muss learn better Deutsch. We want to live here. Leben. Verstehen?“ Mehdis Vater blinzelte durch seine verrutschte Brille.

Deutschland ist ein schwieriges Vaterland, dachte Frau Wilsleben, und sie dachte dabei an ihren Vater, den sie nie kennengelernt hatte, weil er im Krieg gefallen war. Mehdis Vater konnte keine Gedanken lesen und hätte es auch nicht gewollt. Er war selbst dem Tod von der Schippe gesprungen, ein syrischer Christ, auf der Flucht mit seinen muslimischen Brüdern durch die Hölle auf Erden gegangen. Frau Wilsleben rieb über ihre spitze Nase. „Ihre Kinder werden Deutsch in der Schule lernen“, sagte sie gouvernantenhaft streng, weil sie dachte, für eine alte Lehrerin gehört es sich so. Sie schwiegen eine Weile. „Nicht Hilfe?“ Mehdis Vater war gegangen. Sein Gesicht behielt sie, ein trauriges Gesicht, von einer Farbe wie dunkelgeregneter Sand.

Doch dann lief das doch. Am anderen Tag hatte sie Mehdis Vater angerufen und einen leerstehenden Raum in der alten Weberei organisiert, die ihrem Cousin gehörte. Zwölf Kinder waren es inzwischen, denen sie Unterricht gab, und nach Weihnachten würden es wahrscheinlich 18 sein. „Weißt du, Weihnachten musst du aber mit uns feiern. Meine Eltern sind böse, wenn du nicht kommst. Und ich auch“, sagte Mehdi.

Frau Wilsleben rieb über ihre spitze Nase. „Na, hör mal, mit Weihnachten hab ich schon seit Jahrzehnten nichts mehr am Hut. Nein, nein, feiert mal schön alleine. Ich werde hier sitzen und das tun, was ich am liebsten tue, lesen.“ Als Mehdi ging, glaubte sie in seinem Gesicht das traurige Gesicht seines Vaters vor Augen zu haben. Sie stellte sich ans Fenster, um Mehdi nachzusehen. Der Abend drang in die Straße, deren regennasser Asphalt unter dem flimmernden Licht der Straßenlaternen aufdunstete. Der Dezemberhimmel lag schwer auf den Häuserdächern und es roch nach Abgasen. Es war noch warm draußen, ein Dezember, wie ein Mai. Ihr Kopf lehnte gegen die Gardinen des Fensters. Wenige Menschen gingen vorbei. Der Mann aus dem Eckhaus kam auf seinem Heimweg vorüber, seine Schritte hallten auf dem Asphalt, als ginge er durch eine hohle Gasse. Mehdi war längst schon in der Dunkelheit verschwunden.

In der Küche setzte sie einen Glühwein an. Der süßlich-herbe Geruch der Gewürze stach in ihrer Nase. Als das Telefon klingelte, meldete sie sich mit einem Niesen. Es war nicht wie erwartet ihr Sohn aus Stuttgart, der anrief, sondern Mehdis Vater. Ein paar Tage vergingen. Mehdis Vater hatte nicht losgelassen und Mehdi auch nicht. Vierzig Leute drängten sich in den Kellerraum der alten Weberei. Der syrisch-orthodoxe Priester zelebrierte den Gottesdienst mit großer Feierlichkeit. Und nun erging es Frau Wilsleben so, wie dem schwäbischen Handwerksburschen in Johann Peter Hebels „Kannitverstan“, den es nach Holland verschlagen hatte, wo er, von Zufall und Neugier geleitet, an der Begräbnisfeier eines reichen Mannes teilnahm und von der Predigt kein Wort verstand, doch so ergriffen war, das er seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Was Frau Wilsleben spürte, war nichts weniger als der Anhauch des Ewigen.

Sie sah nichts, nur den Schein der Kerzen in dem weihrauchverhangenen Raum. Das war es also. Die Welt verlor für diesen Moment ihren Schmerz. Eine Ahnung kam auf, was sich an jenen fernen Ufern abspielte, die Jenseits alles Irdischen liegen. Der Gesang des Patriarchen wurde stärker und legte sich wie ein friedvoller Glockenklang über den kirchgewordenen Kellerraum. Ein allgegenwärtiger Friede durchströmte jeden Blick, jeden Atemzug. Alles war eins, und Frau Wilsleben rieb über ihre spitze Nase und lächelte mild. Weihnachten. „Id al-Milad al-Magid“, sagte Mehdis Vater in seiner kehligen Sprache. Mehdi sagte, „Das ist syrisch und heißt Weihnachten.“ „Id al-Milad al-Magid“, radebrechte Frau Wilsleben. Dann schüttelten sie die Hände und brachen Brot. Frauen und Mädchen, Jungen und Männer, Väter und Mütter. Schwestern und Brüder sie alle. Und kurz nach Mitternacht, als der neue Tag schon begonnen hatte, kamen die anderen aus dem Wohnheim, die muslimischen Schwestern und Brüder. Es war, als ging ein Engel durch den Raum. „Salam“, sagte Mehdis Vater. „Salam, das heißt Frieden“, sagte Mehdi. Frau Wilsleben nickte. „Salam“ Und war es nicht der Tag, das Verbindende zwischen den Spuren zu suchen?

Der Autor ist Schriftsteller („Teufels Brüder“, „Der Viehhändler von Dülken“) und schreibt regelmäßig für das Feuilleton dieser Zeitung.