Das Ende der Selbstbedienung

König Kunde wird wieder der Hof gemacht

Von Bernhard Huber

Auch wenn es sich wie ein Märchen anhört: Es gab einmal eine Zeit, da man als Kunde noch nicht auf die quasi staatsbürgerliche Pflicht reduziert war, als verschwenderischer Konsument seinen Beitrag zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts zu leisten. Zu jener Zeit war der Kunde mehr, da wurde er zum ungekrönten König, sobald er einen Laden betrat, indem das Personal nichts anderes tat als ihn in devotem, gelegentlich die Grenze zur Katzbuckelei streifendem Eifer – bitte sehr, bitte gleich – persönlich zu bedienen. Die Einführung des Prinzips der Selbstbedienung in Supermärkten, Banken oder Tankstellen setzte dem ein Ende, ein für allemal, wie es schien. Doch wenn die Zeichen der Zeit nicht trügen, ist nun auch dieses Ende an das seine gelangt.

Die Kapitalismus-Krise lässt den „ehrbaren Kaufmann“ auferstehen. Banken entdecken den Privatkunden wieder und umwerben ihn mit ausnehmender Zärtlichkeit, als hätte es in der Vergangenheit keine Filialschließung nach der anderen gegeben und als könnte man wie früher mal eben so 100 Euro von der Bank holen, die einem Schein für Schein auf den Tresen gezählt und nicht durch den Schlitz eines Automaten entgegengereckt werden. Auch an den Tankstellen tut sich Bemerkenswertes. Wie der Prinz sein Dornröschen hat eine bekannte Benzinmarke den Tankwart ins Leben zurückgeküsst. Gewiss wird es einer Phase der Umgewöhnung bedürfen und der eine oder andere Selfmademan wird über seinen Schatten springen müssen, ehe er wieder „Bitte volltanken und schauen Sie auch nach dem Öl“ sagen und dabei gemütlich im Wagen sitzen bleiben kann. Wenn sich aber das Ende der Selbstbedienung zum Trend entwickelt, wird König Kunde bald überall wieder der Hof gemacht und der rote Teppich ausgerollt – gegen einen gewissen Aufpreis versteht sich.