„Da ist alles korrekt“

Im Bistum Aachen können Bürger der Region auch in katholischen Beratungsstellen einen Zuschuss für Sterilisationen und langfristig wirkende Verhütungsmittel beantragen. Von Stefan Rehder

Katholische Beratungsstellen im Bistum Aachen wirken bei der Vergabe von Mitteln aus dem Verhütungsmittelfonds mit. Sie unterstützen damit Verhütungsmittel, die die katholische Morallehre ablehnt. Foto: dpa
Katholische Beratungsstellen im Bistum Aachen wirken bei der Vergabe von Mitteln aus dem Verhütungsmittelfonds mit. Sie ... Foto: dpa

Unter dem Titel „Kostenzuschuss bei Verhütungsmitteln“ hat die Städteregion Aachen kürzlich ein mehrsprachiges Faltblatt herausgegeben, das derzeit unter anderem in katholischen Schulen und Kindergärten des Bistum verteilt wird. In dem Faltblatt werden Männer und Frauen in deutscher, englischer, französischer, arabischer und türkischer Sprache über die Existenz eines sogenannten „Verhütungsmittelfonds“ in Kenntnis gesetzt. Der „Verhütungsmittelfonds“, erfährt der Leser, sei eine „zusätzliche, freiwillige Leistung der Stadt und Städteregion Aachen“, die in „Kooperation mit den Gleichstellungsbeauftragten der Städteregion Aachen“ auf der Taufe gehoben wurde. „Frauen und Männern mit geringem Einkommen“ biete der Verhütungsmittelfonds „die Möglichkeit“, sich „ärztlich verordnete, langfristige Verhütungsmittel wie Spirale und Hormonimplantat“ bezuschussen zu lassen. Gleiches gelte auch für „Sterilisationen für Frauen und Männer“ sowie „in Ausnahmen“ für die „Antibabypille, Hormonpflaster, Hormonring und Dreimonatsspritze“.

Wie Recherchen dieser Zeitung ergaben, umfasst der Verhütungsmittelfonds ein Volumen von insgesamt 30 000 Euro für das Jahr 2012. Laut der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Herzogenrath, Birgit Kuballa, wurden dabei jeweils 15 000 Euro für Antragsteller aus dem Gebiet der Stadt Aachen sowie 15 000 Euro für Antragsteller, die in einer der in der Städteregion Aachen gelegenen Kommunen wohnen, bereitgestellt. „Wir hoffen, dass wir damit über das Jahr kommen“, so Kuballa gegenüber der Tagespost.

Auf der Umschlagrückseite listet das Faltblatt die Kontaktdaten von Beratungsstellungen auf; darunter nicht nur die von „pro familia“, der Arbeiterwohlfahrt, des von katholischen Laien gegründeten Vereins „donum vitae“ und der evangelischen Kirche „Eva“, sondern auch die Schwangerenberatungsstellen „Rat und Hilfe“ des „Caritasverbandes für das Bistum Aachen“, des „Caritasverbandes für die Region Eifel“ sowie des „Sozialdienstes katholischer Frauen“ (SkF). Bei jeder dieser Stellen könnten, wie es im Innenteil des Faltblatts ausdrücklich heißt, förderungsberechtigte Frauen und Männer bei Vorlage entsprechender Unterlagen „einen Zuschuss beantragen“. Potenzielle Antragsteller werden gebeten, mit den genannten Stellen einen „Beratungstermin“ zu vereinbaren und dazu die „Leistungsbescheide oder Einkommensnachweise der letzten drei Monate“, „Ausweis“ oder „Pass“ sowie einen „Kostenvoranschlag für Spirale, Hormonimplantat oder Sterilisation, oder ein Rezept für Antibabypille, Hormonpflaster, Hormonring oder Dreimonatsspritze“ mitzubringen. Wie es in dem Faltblatt weiter heißt, erhielten die Antragsteller „nach Prüfung durch die Beratungsstelle“ eine „Bescheinigung für eine anteilige Kostenübernahme“. Diese seien von den Antragstellern „dem Arzt/der Ärztin oder in der Apotheke“ vorzulegen, die dann „direkt mit der Beratungsstelle“ abrechneten.

Wie ein Anruf des Autors bei der zum Bistum Aachen gehörenden Schwangerenberatungsstelle „Rat und Hilfe“ des SkF in Stolberg ergab, wäre die katholische Beratungsstelle offenbar tatsächlich bereit gewesen, die Bezuschussung eines Antrags auf eine Sterilisation zu prüfen. „Wir machen einfach einen kleinen Termin, bei dem wir uns zunächst ein Bild von Ihren Einkommensverhältnisse machen. Bringen Sie dazu bitte die im Flyer aufgeführten Unterlagen mit. Wenn sich herausstellt, dass Sie förderungsberechtigt sind, ist der Rest kein Problem“, erklärte die SkF-Beraterin dem Anrufer. Als dieser erwiderte, er wollte zunächst lediglich wissen, ob er die Angaben im Faltblatt auch tatsächlich richtig verstanden habe, sagte die Beraterin: „Da ist alles korrekt“ und schlug vor: „Lassen Sie es doch noch mal sacken. Und wenn Sie sich entschieden haben, melden Sie sich einfach wieder.“

Der „Caritas-Verband für das Bistum Aachen“, den die Tagespost daraufhin um eine Stellungnahme zu der befremdlichen Kooperation bat, erklärte: „Die katholischen Träger der Beratungsstellen wirken bei diesem Verfahren mit, weil sie auch auf diese Weise Frauen und Männer mit geringem Einkommen mit ihrem gesamten Präventions- und Beratungsangebot erreichen können.“ Es komme nicht zur „Verteilung von Verhütungsmitteln“, vielmehr werde die „gesamte psychosexuelle Situation“ aufgearbeitet. „Danach können die betroffenen Frauen und Männer in Wahrnehmung ihrer Verantwortung entscheiden.“ Ferner heißt es in der schriftlichen Stellungnahme: „Die Caritas-Beratungsstellen ermöglichen mit ihrer Beratung und Vermittlung im Kontext des kommunalen Verhütungsmittel-Fonds, dass Menschen mit geringem Einkommen und in schwierigen sozialen Lebenslagen materiell in die Lage versetzt werden, eine Gewissensentscheidung zu treffen.“ Die kirchliche Morallehre akzeptiere zwar „zur Wahrnehmung einer ,verantwortlichen Elternschaft‘ nur natürliche Methoden“, zugleich überlasse sie jedoch „die Entscheidung über den Einsatz der gewählten Methode aber dem Gewissen der Betroffenen“.

Eine Sicht, die mehr als fragwürdig anmutet. Denn, wie der Katechismus der Katholischen Kirche ausführt, „verstoßen direkt gewollte Amputationen, Verstümmelungen oder Sterilisationen“ gegen „das sittliche Gesetz“; es sei denn, dass „streng therapeutische Gründe“ dafür sprächen (KKK 2297). An anderer Stelle heißt es ausdrücklich: „Die Empfängnisregelung stellt einen der Aspekte verantwortlicher Elternschaft dar. Auch wenn die Absicht der beiden Gatten gut ist, sind sie doch nicht berechtigt, sich sichtlich unzulässiger Mittel zu bedienen z. B. direkte Sterilisation oder Verhütungsmittel.“ (KKK 2399)

Wie die Stabstelle Kultur, empirische Forschung und Gleichstellung der Städteregion Aachen mitteilte, hätten die Gleichstellungsbeauftragten der Städteregion Aachen das Faltblatt zu dem „neu eingerichteten Verhütungsmittelfonds“ „gemeinsam mit den Beratungsstellen für Familienplanung und Schwangerschaftskonfliktberatung herauszugeben“. Der Grund: „Mit den Umstellungen der staatlichen Sozialleistungen auf ALG II/Hartz IV“ sei die Übernahme von Kosten für Verhütungsmittel entfallen. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass eine Gesellschaft nicht die Kosten für Verhütung für Menschen, die über ein geringes Einkommen verfügen beziehungsweise auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen sind, trägt, aber Abtreibungen voll finanziert werden“, erklärt die „donum viate“-Beraterin Martina Hartmann.

Wie mehrere Gleichstellungsbeauftragte übereinstimmend versicherten, wurde das Faltblatt in zahlreichen Ämtern der Städteregion, sowie in Arztpraxen, Apotheken, Familienplanungszentren und Kirchengemeinden verteilt. Auf die Frage, ob es nicht schwierig gewesen sei, die katholischen Beratungsstellen für eine Kooperation zu gewinnen, sagte eine der Gleichstellungsbeauftragten, die mit dieser Aussage jedoch nicht namentlich zitiert werden wollte: „Überhaupt nicht. Wissen Sie, das eine ist die kirchliche Lehre, und etwas ganz anderes die Praxis an der Basis.“ Das Bistum Aachen wollte sich zu dem Vorgang nicht eigens äußern. Eine entsprechende Anfrage der „Tagespost“ beschied der Pressesprecher des Bistums, Franz Kretschmann, mit den Worten: „Gehen Sie davon aus, dass die Stellungnahme der Caritas auch die Haltung des Bistums widerspiegelt.“