Berlin/Kibera

Corona in Afrika: Das Schlimmste kommt noch

Die Vorstellung, Afrika könne ohne Probleme dem Virus trotzen, entpuppt sich als Illusion.

Kenia: Automatische Desinfektionsinstallation für Menschen
Am Hafen von Mombasa in Kenia gehen die Menschen durch eine automatische Desinfektionsinstallation. So soll sichergestellt werden, dass alle Passagiere, die am Hafen ankommen oder abfahren, desinfiziert werden. Foto: Uncredited (AP)

Afrika sollte aufwachen“ und sich auf das Schlimmste vorbereiten, warnt der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der äthiopische Biologe und Immunologe Tedros Adhanom Ghebreyesus. Während die meisten Infektionsfälle durch das Coronavirus in den USA und Europa auftreten, war die Hoffnung  groß, dass eine großflächige Epidemie den afrikanischen Kontinent nicht erreicht. Oder dass Afrikas Erfahrung in der Seuchenbekämpfung, das tropische Klima und die junge Bevölkerung die Ausbreitung eindämmen könnten. Doch das blieb nur eine Illusion. Die Infektionszahlen steigen deutlich an. Für Afrika könnte das Schlimmste erst noch kommen. Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité, warnt davor, dass die Pandemie in Afrika Bilder hervorbringen könnte, die „wir nur aus Kinofilmen“ kennen. „Da wird es Szenen geben, die wir uns so heute nicht vorstellen können.“

Noch weiß man nicht, welches Szenario eintritt. Die Befürchtungen sind groß, denn wenn schon europäische Länder kaum noch zurechtkommen, was bedeutet das dann für Afrika? So warnt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller vor dramatischen Folgen. Angesichts der dort steigenden Zahl an Infektionen verwies er darauf, dass die Gesundheitssysteme der Länder nicht auf eine Versorgung von Corona-Kranken ausgerichtet seien. Er forderte die Europäische Union und andere Staaten auf, massive Hilfe zu leisten. „Wir müssen uns der Verantwortung stellen, die Schwächsten und Ärmsten auch unter einen Schutzschirm zu stellen und Solidarität zu leisten“, sagte er.  Matshidiso Moeti, WHO-Regionaldirektorin für Afrika, spricht bei der Ausbreitung des Virus von einem „extrem schnellen Prozess“: „Covid-19 hat das Potenzial, nicht nur tausende Tote zu verursachen, sondern auch eine ökonomische und soziale Verwüstung auszulösen“, warnte sie mit Hinweis auf eine in vielen Ländern des Kontinents nur schwach ausgeprägte medizinische Infrastruktur.

Hygiene-Maßnahmen sind nicht überall einzuhalten

Die meisten afrikanischen Regierungen haben nicht die nötigen Mittel, um ausreichende Präventionsmaßnahmen wie Mundschutz, Handschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung zu stellen. Selbst Südafrikas Gesundheitssystem ist nicht in der Lage, viele Infizierte aufzunehmen und zu behandeln. Dabei ist es das beste Gesundheitssystem auf dem Kontinent. Und Abstand halten, Hände regelmäßig waschen und zuhause bleiben, diese Schutzmaßnahmen greifen in einigen Ländern gar nicht. Nicht alle haben Zugang zu sauberem Wasser, oder sie leben schlichtweg viel zu beengt, um Distanz zu wahren.

Allein im kenianischen Kibera, einem der größten städtischen Slums der Welt in Nairobi, leben etwa bis zu 700.000 Menschen, in kleinen Hütten, die sie sich mit vielen Familienmitgliedern teilen. Gefährliche Enge auch in den riesigen Flüchtlingslagern wie Dadaab in Kenia.

Auch ohne Corona sind die Lebensbedingungen hier schon entsetzlich, haben die Menschen nicht nur Angst vor dem Coronavirus, noch mehr fragen sie sich, wie sie jetzt überleben sollen. Ein staatliches Sozialsystem gibt es nicht. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR gelten rund 18 Millionen Menschen in Afrika als Flüchtlinge oder Binnenvertriebene. Experten warnen, dass sich ein Ausbruch innerhalb eines Flüchtlingslagers schnell zum Flächenbrand ausweiten könnte – mit verheerenden Folgen auch für den Rest der Bevölkerung. Droht die Gefahr, dass Afrika das Opfer einer „gigantischen Entsolidarisierung“ wird , wie die internationale katholische Friedensbewegung pax christi befürchtet? „Die Corona-Pandemie führt dazu, dass wir in den Ländern des reichen Nordens mehr denn je mit uns selbst beschäftigt sind. Dabei rollt die Welle der Infektionen gnadenlos auf die Subsahara-Länder zu“, heißt es in einer Erklärung.

Die Stunde der humanitären Hilfe

Ähnlich äußert sich das Ökumenische Netz Zentralafrika (ÖNZ): „Globale Solidarität bedeutet, dass wir uns nicht nur mit den Folgen der Corona-Krise vor der eigenen Haustür beschäftigen. Wir müssen uns auch den Menschen in Krisenregionen wie in der Demokratischen Republik Kongo, Burundi und Ruanda zuwenden. Dies ist die Stunde der humanitären Hilfe. Es kommt auf sofortiges Handeln der deutschen und europäischen Politik an“, erklärte ÖNZ-Koordinatorin Gesine Ames. „Sollte sich das Virus in fragilen Ländern weiter ausbreiten, drohen dort weitaus verheerendere Folgen als bei uns. Die benötigten Ressourcen, der Ausbreitung entgegenzuwirken und notwendige Maßnahmen zu ergreifen, sind ohnehin viel knapper als bei uns.“
Als wäre die Lage nicht schon dramatisch genug, nutzen in einigen Staaten Afrikas Regierungen und Sicherheitskräfte die Corona-Krise aus, um sich mehr Macht zu verschaffen, willkürlich die Menschen zu schikanieren oder Gewalt gegen sie auszuüben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .