Christsein auf dem Spielfeld der Politik

Soirée der Initiative Pontifex und des Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg. Von Reinhild Rössler

Ein Kreuzzeichen der Spieler vor dem Spiel, das Bild der Gottesmutter als Tattoo, der dankende Blick in den Himmel nach dem Tor; die „Götter“ des Fußballrasens machen das Stadion immer wieder zu einer Bühne der Religion. Der Glaube der Spieler wird durch diese kleinen Gesten zu einem Statement in der Gesellschaft. Schwieriger als auf der Ebene des Sports scheint das öffentliche Christsein in der Politik. Schon das Kreuzzeichen, das auf dem Rasen in Südamerika selbstverständlich seinen Platz findet, führt in der Politik immer wieder zu Diskussionen.

Warum und wie als Christ in der Politik und der Gesellschaft wirken – das war das Thema der diesjährigen Soirée des traditionsreichen Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg und der Initiative Pontifex. Professor Ockenfels eröffnete für die Gastgeber die Veranstaltung zum Thema „Christliches Engagement in Gesellschaft und Politik – eine Standortbestimmung“ mit einer provokanten Leitfrage: Was können Christen in der Politik für die Verankerung christlicher Werte in einer Gesellschaft tun, in der die Kirchen ihre Prägekraft weitgehend eingebüßt haben? Er warnte die „C“-Parteien davor, aus der zunehmenden Säkularisierung eine eigene Definitionshoheit über das Christliche abzuleiten. Zu dieser und weiteren Fragen referierten und diskutierten der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende und CDU-Fraktionsvorsitzende in NRW Armin Laschet, der langjährige CSU-Europaabgeordnete und europapolitische Sprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Martin Kastler und der KNA-Journalist und Buchautor Volker Resing. Die Moderation hatte Nathanael Liminski, Chefredakteur des Magazins der Jungen Union Deutschlands.

Armin Laschet ermunterte mit einem Verweis auf die Verwurzelung der Bundesrepublik und der Unionsparteien in christlichen Wertvorstellungen dazu, den öffentlichen Wert gerade katholischen Engagements in der Politik zu heben. „Während bei Protestanten ein hohes politisches Amt eine positiv gesehene Selbstverständlichkeit ist, gilt dies bei Katholiken als weniger erstrebenswert und ist schnell dem Vorwurf der Instrumentalisierung des Glaubens ausgesetzt“, so der katholische Politiker. Bezogen auf die kritische Frage nach dem „C“ in der CDU, die im Laufe der Veranstaltung immer wieder anklang, betonte der Chef der NRW-CDU, die Partei könne mit Blick auf Vermittlung von Werten die Kirchen nicht ersetzen und müsse sich in einer säkularen Umgebung behaupten. Die Bergpredigt sei kein politisches Programm und im Übrigen auch sehr unterschiedlich auszulegen. Der Begriff des „Christlichen“ sei für viele Menschen in Deutschland keinesfalls deckungsgleich mit katholischen oder mit konservativen Anliegen. Die CDU sei nach dem Krieg bewusst nicht als konservative Partei, sondern als christdemokratische Union gegründet worden. Das sei revolutionär gewesen und habe den Grundstein für die Erfolgsgeschichte gelegt. Daher sei dieses Erbe aber heute auch besonders zu schützen und weiterzuentwickeln.

Signal-Themen: Abtreibung, PID und Homo-„Ehe“

Volker Resing stellte in seinen Ausführungen fest, dass im Verhältnis von Kirche und Politik, eine in den frühen Jahren der Bundesrepublik selbstverständliche Beziehung, etwas „zerbrochen“ sei. Der Modernisierungsprozess der CDU hinterlasse viele Milieus ratlos und verschärfe die Frage, was bei Signal-Themen wie Schwangerschaftskonfliktberatung, embryonaler Stammzellforschung, PID oder Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften die christliche Position sei. Der Journalist verwies auf die Notwendigkeit, diese oft beschworenen christlichen Werte plausibel und deutlich darzustellen. Er warnte vor Fatalismus, der aus der Politik ein für Christen verlorenes Feld mache.

Diesen Appell nahm Martin Kastler, bis zum Mai Mitglied des Europäischen Parlaments, dankbar auf. Seinen Ausführungen legte er eine nüchterne Bestandsaufnahme zugrunde: „Die Christen werden weniger in Deutschland und in der EU. Und es gibt einen Prozess der Differenzierung zum Begriff des Christlichen und des Divergierens innerhalb der Kirche“, so Kastler. Dennoch und gerade deshalb müsse man als Christ heute politisch für die christlichen Anliegen eintreten, betonte der Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde. Das gelte für Themen wie Christenverfolgung, aber ebenso auch in anderen Bereichen, die nicht auf den ersten Blick mit einem Engagement als Christ verbunden würden: Die Lebensmittelsicherheit, eine gerechte Arbeits- und Sozialpolitik oder auch der Sonntagsschutz. Auch hier seien Christen gefragt und auch hier sei es wichtig, Allianzen über das christliche Spektrum hinaus zu bilden. Dies gelte umso mehr vor dem Hintergrund, dass es das Bestreben verschiedener Interessensgruppen sei, die Trennung von Kirche und Staat in Deutschland und in Europa weiter voranzutreiben.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum machte deutlich: Für Christen und ihr gesellschaftliches Engagement gibt es ein weites Feld von Ansätzen, Ideen, Institutionen und politischen Parteien. Allen Fragen und Antworten war gemein: Aufgeben ist keine Option für Christen. Allerdings brauche es einen langen Atem und auch eine gewisse Toleranz gegenüber Anfeindungen etwa durch Medien. In deren Tendenz zur Skandalisierung und Diffamierung liegt den Fragen zahlreicher junger Teilnehmer zufolge einer der wesentlichen Gründe für die bei vielen jungen Christen festzustellende Hemmung, sich politisch zu engagieren. „Ich verstehe, wenn ein junger Mensch sich auf Familie und Beruf konzentriert, statt sich durch die Arena ziehen zu lassen, nur, weil er oder sie eine klare politische Position zum Lebensschutz hat“, stellte ein Mitglied der Initiative Pontifex fest. KNA-Journalist Resing verwahrte sich auf Nachfrage, spezifische Anforderungen an den christlichen Journalisten zu formulieren, und warnte vor einer zu starken Eigenfokussierung engagierter Christen: „Das Christentum selbst sollte in aller Regel nicht Gegenstand der eigenen Politik sein, sondern Motivation und Grundlage.“

Mareike Bues, Sprecherin der Initiative Pontifex, nutzte ihr Schlusswort für einen Verweis auf den Anspruch des Netzwerkes, Brückenbauer zu sein. Das Beispiel von Papst Johannes Paul II. habe gezeigt, wie erfolgreich und nachhaltig Christen die Welt prägen könnten. Diesem Vorbild sei zu folgen – jeder mit seinen Mitteln, jeder an seinem Platz. Eben wie im Fußball. Der kam mit einem gemeinsamen Public Viewing des WM-Finalspiels an diesem Abend auch nicht zu kurz.