Christenverfolgung weltweit im Blick

Das christliche Hilfswerk legt seinen Weltverfolgungsindex vor – Experten streiten über die Definition von Verfolgung. Von Stefan Rochow

Weltverfolgungsindex 2018
Das Hilfswerk veröffentlicht auch eine Rangliste der Länder, in denen Christen verfolgt werden. Foto: Open Doors

Das christliche Hilfswerk Open Doors hat am vergangenen Mittwoch seinen alljährlichen Weltverfolgungsindex veröffentlicht. Die Menschenrechtsorganisation weist in ihrer aktuellen Erhebung darauf hin, dass 200 Millionen Christen weltweit einem „hohen Maß an Verfolgung ausgesetzt sind“. Die Repressalien reichen von einer gezielten staatlichen Unterdrückung, Überwachung und Verhaftungen über gewaltsame Übergriffe durch religiös-fanatische Gruppierungen bis hin zu Mord durch die eigene Familie, weil sich ein Familienmitglied taufen lässt. Der Index gibt Auskunft darüber, wie es um die Religionsfreiheit in über 50 Ländern bestellt ist.

Nordokorea steht an der Spitze der Verfolgerstaaten

Das kommunistische Nordkorea führt auch in diesem Jahr die Unterdrückerliste an. Nach Angaben von Open Doors sitzen dort bis zu 70 000 Christen wegen ihres Glaubens in Straflagern mit Zwangsarbeit. Auch im Iran werden christliche Konvertiten wegen ihres Glaubens ins Gefängnis eingesperrt. Durch extrem hohe Kautionsforderungen, denen sie sich gegenübersehen, verlieren sie ihre wirtschaftliche Existenz. In Eritrea wurden im vergangenen Jahr 200 Christen verhaftet und viele von ihnen einfach in Schiffscontainer gesperrt. In Tadschikistan musste ein evangelischer Pastor unter anderem deshalb drei Jahre ins Gefängnis, weil er christliche Lieder sang. Es sind vor allem islamische Länder, die Christen das Leben schwer machen. Islamisten treiben dort die Radikalisierung der Bevölkerung voran. Besonders der Konflikt zwischen der sunnitischen Schutzmacht Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran befeuert die gefährlichen Entwicklungen im Nahen Osten.

Auch nationalistisch durchdrungene Ideologien wie der Kommunismus in Vietnam, Laos und Nordkorea machen den Christen in diesen Ländern das Leben schwer. In Nordkorea leben nach Angaben von Open Doors 300 000 Menschen ihren Glauben versteckt, aber doch sehr aktiv im Untergrund.

In Asien ist es vor allem der nationalistisch geprägte Hinduismus und Buddhismus, der für eine Zuspitzung in dieser Region verantwortlich ist. So hat sich beispielsweise in Indien die Lage für Christen im Berichtszeitraum dramatisch verschlechtert. Indiens Staatspräsident Modi unterstützt hier eine Hinduisierung seines Landes und die sogenannte Hindutva-Ideologie, nach der jeder Inder ein Hindu sein muss. Die in diesem Zusammenhang in Indien einflussreiche Gruppe Dharm Jagran Samiti (DJS) hatte schon im Jahr 2014 verkündet, Indien werde bis zum Jahr 2021 frei sein von Christen und Muslimen.

Unumstritten ist der Bericht nicht. In der Vergangenheit wurde immer wieder Kritik an Methodik und Vorgehensweise von Open Doors laut. So wurde von Amnesty International beanstandet, dass das Christentum als die weltweit am stärksten verfolgte Religion dargestellt wird. Das würde die Realität nicht abbilden. Gegenüber unserer Redaktion wollte Amnesty International zu seiner Kritik nichts sagen. „Uns ist der jüngste Weltverfolgungsindex noch nicht bekannt und daher wollen wir uns dazu nicht äußern“, heißt es aus der Pressestelle der Menschenrechtsorganisation. Auch möchte man nichts zu eigenen Erhebungen und Erkenntnissen sagen, auf die die Organisation in der Vergangenheit immer wieder hingewiesen hatte.

Die unterschiedliche Bewertung dürfte vor allem eine Definitionsfrage sein. Open Doors lehnt sich bei dem Begriff „Verfolgung“ an die UN-Definition an. Das UN-Flüchtlingshilfswerk verweist darauf, dass „eine Bedrohung des Lebens oder der Freiheit aufgrund von Ethnie, Religion, Nationalität [...] in jedem Fall als Verfolgung zu werten ist“.

Für Professor Thomas Schirrmacher, den Präsidenten des Internationalen Rates der „International Society for Human Rights“, ist jede Diskriminierung von Christen nicht gleich Verfolgung. „Mehr als 220 Millionen Christen leben in Ländern, in denen ihnen grundlegende Rechte vorenthalten werden und schlimme Formen der Diskriminierung zum Alltag gehören“, sagte Schirrmacher im Dezember in einem Interview mit unserer Zeitung. Was hier allerdings konkret beim einzelnen Christen an Druck ankommt, das kann sich unterschiedlich äußern. Daher ist eine konkrete Angabe von Zahlen für den Menschenrechts-Experten immer sehr schwierig.

Auch die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) tut sich mit konkreten Zahlen über Christenverfolgung schwer. Erst im Dezember hat man zusammen mit der Evangelischen Kirche den ökumenischen Bericht „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“ vorgelegt. „Dieser Bericht ist eine qualitative Untersuchung, in der keine Opferzahlen präsentiert werden“, betonten die beiden Kirchen bei der Vorstellung. „Kein anderes Menschenrecht tangiert die Würde des Menschen so sehr wie die Religionsfreiheit. Die Religion berührt das Innerste des Menschen, sein Gewissen, seine Seele und seine transzendentalen und auch horizontalen Beziehungen. Vor allem auch deshalb ist die Religionsfreiheit ein besonders zu schützendes Gut“, sagte Bambergs Erzbischof Ludwig Schick, der auch Vorsitzender der Kommission Weltkirche der DBK ist.

Mit dem Bericht möchten beide Kirchen nach Eigenaussagen auf die Situation bedrängter Christen aufmerksam machen und die Betroffenen unterstützen. Daneben halten die Kirchen regelmäßig die Öffentlichkeit informiert, setzen sich durch direkte Interventionen bei Botschaftern und Regierungen für die notleidenden Glaubensgeschwister ein, unterstützen die unter Druck stehenden Kirchen materiell und suchen das Gespräch mit politisch Verantwortlichen in Deutschland und Europa.

Hier ist eine stärkere Intervention dringend nötig. Markus Rode, Vorstandsvorsitzender von Open Doors Deutschland, kritisiert, dass sich die Politik der Lage der Christen in den Unterdrückerländern oft nicht bewusst sei. Insbesondere dass christliche Flüchtlinge aus Iran, Pakistan oder Afghanistan – zumeist muslimischer Herkunft – abgeschoben werden, obwohl ihnen in ihren Herkunftsländern wegen Abfall vom Islam der Tod drohe, ist für Rode eine unverständliche Vorgehensweise. Er wählt eine deutliche Sprache: „Es ist schwer auszusprechen, aber damit bewegt sich ein Land wie Deutschland im Ergebnis in derselben Liga wie China, das geflohene Nordkoreaner direkt zurück in die Hände ihrer Henker liefert.“

Rückblick

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