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Christenverfolgung und Corona: Trübe Aussichten

Terror, Verfolgung, Staatsversagen: In vielen Staaten der Welt litten Christen schon vor Corona. Die Seuche verschärft ihre Lage weiter. Die Kirche hilft, wo sie kann. Eine Auswahl aktueller Brennpunkte.

Coronavirus - Ecuador
Ecuador, Quito: Eine Frau mit Mundschutzmaske geht durch den Markt und versucht, bei Großhändlern einzukaufen. Ecuador hat angesichts der Coronakrise ihre Grenzen geschlossen und den Notstand erklärt. Foto: Juan Diego Montenegro (dpa)

Ecuador: Finstere Aussichten

Ecuador war das erste Land Lateinamerikas, in dem sich die Bilder aus Norditalien wiederholten. In der Küstenstadt Guayaquil kollabierten Ende März Krankenhäuser und Beerdigungsinstitute. Verzweifelte Menschen legten die Leichen ihrer verstorbenen Angehörigen auf Parkbänken ab, weil niemand auf ihre Hilfeanrufe reagierte. Bestattungsinstitute stellten ihre Dienste ein aus Angst vor einer Infektion, weil nicht genügend Schutzanzüge und Masken vorhanden waren.

Noch am 1. April sprach die Regierung im 416 Kilometer entfernten Quito von 2758 Infizierten und 98 Toten im ganzen Land. In Guayaquil ging die Zahl der Toten da schon in die Tausende. 6700 Todesfälle wurden es schließlich in den ersten zwei Aprilwochen   normalerweise sind es im gleichen Zeitraum Tausend. Eingeschleppt wurde die Pandemie vermutlich von Reisenden, die zuvor in Europa gewesen waren. Bis die Behörden reagierten, hatten sich schon Tausende infiziert   insbesondere in den hygienisch prekären Armenvierteln.

Eine überbordende Bürokratie und die politische Rivalität zwischen der rechten Bürgermeisterin Cynthia Viteri und dem linken Staatschef Lenin Moreno lähmte die offizielle Reaktion. Moreno sprach zunächst von Panikmache. Erst als die internationale Presse Alarm schlug, lenkte er ein und schickte Rettungsbrigaden los. Auch die Katholische Kirche versorgte Bedürftige und stellte in Guayaquil ein Hospital für die Behandlung von Nicht-Covid-19-Kranken zur Verfügung, um Betten in den staatlichen Hospitälern frei zu machen. Inzwischen normalisierte sich die Situation. Nun konzentriert sich die Regierung auf die Hauptstadt, um eine Wiederholung zu vermeiden. Dort sieht es bislang so aus, als sei die Mitte März verhängte, strikte Quarantäne erfolgreich.

"Die Lage ist schwierig, und die Zukunft sieht auch nicht rosig aus", sagte Jos  Barranco Ram rez, Direktor des Nationalen Katholischen Radios. Ecuadors Hauptproblem dürften die wirtschaftlichen Folgen der Sanitätskrise sein. Schon vorher war der Staatshaushalt tief in den roten Zahlen. Vorigen Herbst legte Moreno deshalb ein Sparpaket auf, das eine Benzinpreiserhöhung vorsah. Über die heftigen Proteste, an deren Spitze die Indigenen standen, wäre er fast gestürzt. Nun kommt noch der Verfall der Erdölpreise hinzu, eines der wichtigsten Exportprodukte neben Bananen und Schnittblumen. Der Regierung ist es kürzlich gelungen, mit den privaten Gläubigern die anstehenden Zinszahlungen für die Schuldenbonds zu stunden. Der politische Druck wächst aber, ein komplettes Schuldenmoratorium zu erklären.
Sandra Weiss ist Korrespondentin von Adveniat

Venezuela: Die doppelte Katastrophe

Das Coronavirus trifft in Venezuela auf einen Staat, der im Würgegriff der Regierungs-Mafia zum Skelett abgemagert ist. Von einer "doppelten Tragödie" spricht deshalb der oppositionelle Politiker Julio Borges. 256 Menschen sind offiziell infiziert, neun gestorben. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen. Wer dies jedoch äußert, dem droht eine Festnahme wegen Volksverhetzung.

Schon lange vor der Pandemie herrschte sanitärer Notstand. Das für die Volksgesundheit bestimmte Geld verschwand in dunklen Kanälen im staatlich kontrollierten Im- und Exportgeschäft. Hospitäler bekamen weder genügend Medikamente noch Gerätschaften. Ärzte flohen in Scharen ins Ausland. Mütter- und Kindersterblichkeit kletterten in die Höhe, Malaria und Gelbfieber breiteten sich ungebremst aus, knapp zwölf Prozent der Venezolaner sind laut Welternährungsorganisation unterernährt. Die seit dem Vorjahr von den USA verhängten finanziellen Sanktionen erschweren den legalen Handel noch mehr.
Die Kirche baute in den vergangenen Jahren dank ihrer guten internationalen Kontakte ein Netz von Volksküchen und parallelen Apotheken auf, die vor allem Rentnern und Müttern mit Kindern eine rettende Hand in der Krise waren. "Die Solidarität hat jetzt noch zugenommen", sagt Janeth M rquez. Die Direktorin der venezolanischen Caritas musste aber einiges neu gestalten: Essen und Medikamente werden nun durch Freiwillige ausgeliefert. Doch der derzeitige Benzinmangel erschwert auch dies. Der Nahverkehr ist ausgedünnt. In vielen Städten gibt es tagelang keinen Strom oder fließend Wasser. Notwendige Hygiene für die Covid-19-Prävention wird so zur Makulatur.

Machthaber Nicol s Maduro hofft, mit einer strikten, vom Militär durchgesetzten Ausgangssperre die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern und die aufflammenden Proteste niederzuschlagen. Doch einer Erhebung der Opposition zufolge haben 85 Prozent der Venezolaner keinerlei finanzielle Rücklagen. Sie sind auf das wenige angewiesen, was sie im Straßenverkauf tagtäglich einnehmen. Entsprechend wächst der Unmut, aber auch die Not in der Bevölkerung. Russland und China haben Hilfsgüter geschickt, doch auch sie scheinen angesichts der eigenen wirtschaftlichen Probleme durch die Pandemie nicht mehr gewillt, die Machthaber mit Krediten länger auszuhalten. Die USA haben nun ein Kopfgeld auf Maduro ausgelobt und in der Karibik eine Seeblockade verhängt   offiziell, um den Drogenhandel zu unterbinden. Eigentlich aber geht es um einen Regime-Change in Caracas.
Von Sandra Weiss

Burkina Faso: Hunger macht sich breit

Die Christen in Burkina Faso waren schon vor Covid-19 in einer unsagbar schwierigen Situation. Im Norden und Westen des Landes leiden sie seit 2015 unter der Geisel der Dschihadisten. Viele Christen, aber auch moderate Muslime mussten fliehen. Sie leben in Pfarrsälen auf kleinstem Raum oder haben in privaten Haushalten Zuflucht gefunden. Diese intern Vertriebenen wurden bereits in den letzten Monaten mit Nahrungsmitteln aus Hilfsprogrammen versorgt.

Burkina Faso ist das Land in Westafrika, das am meisten von Covid-19 betroffen ist. Der erste Fall wurde am 9. März registriert. In der Statistik vom 15. April scheinen 542 Infizierte, 226 Genesene, 32 Todesfälle und 284 Personen in Behandlung auf. Die Regierung hat eine Reihe an Maßnahmen ähnlich wie in Europa beschlossen: Es gibt eine Ausgangssperre, ein Versammlungsverbot und die Schließung mancher Märkte. Alle Dörfer, die vom Virus betroffen sind, stehen unter Quarantäne.

Die Messfeiern sind in Burkina Faso ausgesetzt. Die sonntäglichen Zusammenkünfte boten der christlichen Minderheit eine Gelegenheit, sich nicht nur zum Gebet, sondern auch zur gegenseitigen Ermutigung zusammenzufinden. Nun beten die Menschen in den Familien. Viele Priester äußern ihre Sorge, dass die Menschen durch eine Quarantäne zwar nicht an Covid-19, dafür aber an Hunger sterben werden. Die Christen zählen zur armen Bevölkerungsschicht im Land. Die Menschen können nicht auf Vorräte und Erspartes zurückgreifen, langsam macht sich Hunger und in Folge Verzweiflung breit. Die Angst vor Plünderungen ist da. Durch das Abschotten von Provinzen ist auch der Transport von Hilfslieferungen erschwert.

Die Pandemie lässt aber auch hoffen: In der Diözese Dori im Westen des Landes erfahren Muslime und Christen eine aufflammende Solidarität. Tatsächlich haben sich Gruppen junger Muslime und Christen gebildet, um Sensibilisierungskampagnen im Radio und in verschiedenen Gebieten gemeinsam durchzuführen. Die Situation in Burkina Faso bleibt auch abseits von Covid-19 herausfordernd: Der Kampf gegen den Terrorismus wird vernachlässigt. Die Extremisten fühlen sich in diesen Wochen besonders stark. Im Norden des Landes waren manche geflohene Christen vor Covid-19 wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt. Die Situation schien sich beruhigt zu haben. Es gab zahlreiche Übergriffe und Entführungen und eine neue Fluchtwelle. Seit dem Ausbruch von Covid-19 in China im November 2019 sind in Burkina Faso 850 Personen durch Unruhen ums Leben gekommen. Gerade im Norden und Westen des Landes fühlen sich Christen gänzlich im Stich gelassen.
Monika Ségur-Cabanac ist Projektmanagerin von Missio Österreich

Nigeria: Soziale Unruhen befürchtet

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Hier rechnen Experten mit einer hohen Zahl an Infektionen und Toten. Die Lage insbesondere in den großen Städten wie Lagos und Abuja sowie im Bundesstaat Ogun ist prekär. Die Regierung hat eine Ausgangssperre und weitere Maßnahmen gegen Corona verhängt, die strikt überwacht werden. In Stadtvierteln und Dörfern werden Grundnahrungsmittel, Wasser und Elektrizität knapp. Insbesondere Gelegenheitsarbeiter mit wenig Verdienst ohne soziale Absicherung können ihre Familien nicht ernähren. Hinzu kommen Korruption und fehlendes Vertrauen in die öffentliche Verwaltung, Polizei und Militär. Aus Lagos und Umgebung wurde am Osterwochenende von Plünderungen berichtet. Beobachter befürchten weitere soziale Unruhen.

In Kirchen, Moscheen und anderen Gotteshäusern dürfen sich die Gläubigen nicht mehr versammeln. Unter diesen Bedingungen setzt die Kirche ihre Arbeit fort. Der Erzbischof von Abuja, Ignatius Kaigama, hat beispielsweise ein Zentrum für Soforthilfen für die Bedürftigsten und eine Telefonhotline für Seelsorge-Gespräche eingerichtet. Neben der materiellen Hilfe ist dies für die Gläubigen sehr wichtig.  

Im muslimisch geprägten Norden des Landes sind die Menschen durchschnittlich ärmer als im christlich geprägten Süden. Gleichzeitig erleben die Menschen dort seit Jahren Gewalt, Flucht und die Bedrohung durch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram. Das Corona-Virus zermürbt sie zusätzlich. Die Kirche in den nördlichen und nordöstlichen Diözesen Nigerias pflegt sehr stark den interreligiösen Dialog und betreut Binnenflüchtlinge, die im eigenen Land vor Terror und Gewalt fliehen mussten. Angesichts der Angst vor dem Virus, die sich fast noch schneller ausbreitet als das Virus selbst, und sich in Gewalt zu entladen droht, ist die Kirche ein wichtiger Faktor für die Sicherung des gesellschaftlichen Friedens. Dafür aber ist der persönliche Kontakt im Alltag sehr wichtig. Corona erschwert dies.

Ihre gesellschaftliche Verantwortung nimmt die Kirche in Corona-Zeiten sehr ernst. Sie betreibt flächendeckende Hygiene-Aufklärung und stellt eigene Infrastruktur für Corona-Maßnahmen zur Verfügung. Bischof Stephen Dami Mamza aus dem nordöstlichen Bistum Yola zum Beispiel hat dem Bundesstaat Adamawa ein Pastoralzentrum mit 100 Zimmern angeboten, damit dort ein medizinisches Zentrum für Corona-Patienten eingerichtet werden kann. Für die Priester und Ordensleute aber kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Ihren Alltag bestreiten sie in der Regel mit der Kollekte der Gläubigen aus den Sonntagsgottesdiensten. Durch die Schließung der Kirchen entfallen jetzt diese Einnahmen. Manche fürchten sogar Hunger. Die Kirche in Nigeria braucht die Solidarität der Weltkirche.
Johannes Seibel leitet die Öffentlichkeitsarbeit von missio Aachen

Libanon: Corona verschärft Krise

Staatsbankrott, Wirtschaftskrise   und jetzt auch noch Corona. Die Pandemie trifft den Libanon besonders hart. Zwar sind dort bislang vergleichsweise wenig Corona-Fälle gemeldet, doch dürfte die Dunkelziffer weit höher liegen. Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Hinzu kommt die nach wie vor hohe Zahl an Flüchtlingen aus Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens. Die Massenproteste gegen Korruption und politische Führung, die im Oktober 2019 ausbrachen, waren ein Ventil für die wachsende Unzufriedenheit. Nun sind die Proteste durch Corona zum Erliegen gekommen   es gelten strenge Ausgangs- und Versammlungsverbote. Doch unter der Oberfläche gärt es weiter, zumal das Land bankrott ist. Die Regierung verhandelt seit März über eine Umschuldung. Die wird für die Einwohner des Libanon sehr schmerzhaft sein. Schon heute ist die Infrastruktur marode, nahezu täglich gibt es Stromausfälle. Die Regale in den Supermärkten sind häufig leer, die Preise stark gestiegen. Schon vor der Pandemie lebte fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Der Arbeitsmarkt ist in freiem Fall, soziale Absicherung gibt es so gut wie keine.

Umso mehr sind sie angewiesen auf Wohltätigkeitseinrichtungen, die oft von den christlichen Kirchen getragen werden. So auch die Tafel "Johannes der Barmherzige" in Zahl  nahe der syrischen Grenze. Fast 1000 Personen werden dort normalerweise jeden Tag mit einer warmen Mahlzeit versorgt. KIRCHE IN NOT unterstützt diese Einrichtung seit langem. Die Corona-Beschränkungen zwangen zur Schließung der Essenausgabe. Doch die freiwilligen Mitarbeiter fanden einen Weg, für die notleidenden Menschen dennoch da zu sein: Sie bringen nun das Essen zu 400 besonders hilfsbedürftigen Personen.
Tobias Lehner ist Pressereferent von KIRCHE IN NOT Deutschland


Syrien: Pandemie trifft verwüstetes Land

In Syrien trifft die Pandemie auf ein vom langjährigen Krieg verwüstetes und ausgeblutetes Land, wo das Gesundheitssystem am Boden liegt. In den noch von Rebellen gehaltenen Gebieten an der Grenze zur Türkei werden Krankenhäuser und Behelfskliniken vielfach gezielt von der syrischen und der russischen Luftwaffe bombardiert. Auch gibt es an vielen Orten große Menschenmassen in Notquartieren oder Flüchtlingslagern, wo die Menschen auf engstem Raum unter desolaten hygienischen Zuständen zusammenleben und es oft nicht einmal genügend Wasser zum Waschen gibt   ideale Voraussetzungen also für die Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen aller Art.

Aber auch in den von der Regierung kontrollierten Regionen des Landes, wo sich der Großteil der noch im Land lebenden Christen befindet (deren Zahl sich seit Kriegsausbruch bereits halbiert hat), sind die Menschen im Zusammenhang mit der Pandemie mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert, wie die schon seit langem im Land lebende polnische Franziskanerin Sr. Brygida Maniurka aus Aleppo berichtet. Sie schildert, dass die Menschen die Krankheit zunächst nicht sehr ernst genommen hätten, was sich aber geändert habe, als durch die zunehmend rigoros durchgesetzten Zwangsmaßnahmen das öffentliche Leben völlig zum Stillstand gekommen sei und jeder die Auswirkungen am eigenen Leib zu spüren bekam. Alle Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Gottesdienste finden nicht mehr oder nur online statt und es gelten Ausgangsbeschränkungen, die zum Teil noch schärfer sind als jene in Europa. So gilt in der Stadt etwa eine strikte nächtliche Ausgangssperre von 18.00 Uhr abends bis 6 Uhr in der Früh. Die Einkaufszeiten in den Lebensmittelgeschäften wurden auf täglich wenige Stunden reduziert. Der Verkehr zwischen den einzelnen Städten wurde komplett eingestellt.

Für die Menschen wird die Ausgangssperre mittlerweile zur Qual, ist es doch im Freien inzwischen schön und warm, während die meisten Menschen in kleinen, engen und vielfach vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Wohnungen leben müssen   oft sogar wegen der großen Zahl der Inlandsvertriebenen mehr als eine Familie pro Wohnung.  

Offiziell zugegeben werden bislang nur sehr wenige COVID-19-Erkrankungen, doch ist tatsächlich von viel mehr Fällen auszugehen. So berichtet Sr. Brygida etwa von den Eltern eines schwer asthmatischen Kindes, die eine Odyssee durch alle Krankenhäuser Aleppos gemacht hätten, um ein Beatmungsgerät für ihr Kind zu finden, aber vergeblich   alle Geräte seien schon besetzt gewesen. Und so sterben die Menschen in Syrien eben offiziell an Lungenentzündungen und nicht an CO-VID-19        
Stefan Maier ist Projektkoordinator des Hilfswerks Initiative Christlicher Orient (ICO)

Irak: 500 Beatmungsgeräte für 40 Millionen Menschen

Die kombinierten Auswirkungen der schlechten Wirtschaftslage, einer äußerst unzureichenden Gesundheitsinfrastruktur, einer verspäteten Reaktion sowie einer schlechten Informationspolitik der Regierung und falschen Reaktionen der Bevölkerung setzen das Land einem enormen Risiko durch einen massiven COVID-19-Ausbruch aus, der in naher Zukunft noch viele Menschenleben kosten könnte.

Wir erleben derzeit, dass auch in wohlhabenden westlichen Staaten gut ausgestattete Gesundheitssysteme durch die Pandemie arg strapaziert und in manchen Ländern sogar an den Rand des Zusammenbruchs gebracht werden. Man kann sich also vorstellen, welchen Herausforderungen sich der ungleich schlechter auf eine solche Krise vorbereitete Irak gegenübersieht. Der Gesundheitssektor leidet unter jahrzehntelangen Unterinvestitionen, Kriegsschäden, schlechtem Management, Korruption und der Auswanderung von Ärzten. Infolgedessen herrscht im Irak ein enormer Mangel an qualifizierten Gesundheitsfachkräften, Krankenhausbetten und zuverlässigen Medikamenten. Auch gibt es bei einer Bevölkerung von über 40 Millionen Menschen nur 500 Beatmungsgeräte.

Die landesweite Ausgangssperre wurde seit ihrer Anordnung am 17. März nur lückenhaft und unzureichend durchgesetzt. Vielfach zeigten die Behörden der autonomen Region Kurdistan im Norden des Landes, wo auch der Großteil der noch im Land verbleibenden Christen lebt, ein besseres Urteilsvermögen als ihre Kollegen auf nationaler Ebene. Man schloss sofort die Grenzen zum Iran und setzte die Ausgangssperre viel gründlicher durch als in anderen Regionen des Landes. Schon am 10. März begannen die lokalen kurdischen Behörden, die Bürger aufzufordern, zu ihrem eigenen Schutz zu Hause zu bleiben, was von den Menschen sehr ernst genommen werde, wie etwa der chaldäische Priester Samir Yousif aus der Pfarre Enishke in Kurdistan berichtet. Die Gottesdienste feiere er in der leeren Kirche vor laufender Kamera, sodass die Gläubigen online mitfeiern könnten. Ein großes Problem vieler Pfarren in der Region seien die zahlreichen älteren Menschen ohne Familienangehörige im Land, da die Jungen vielfach schon in den Westen emigriert seien. Pfarrer Samir und seine Kollegen in den anderen Pfarren versuchen diese betagten Menschen jetzt nach besten Kräften mit Lebensmittelpaketen zu unterstützen, um ihnen das Leben in dieser schwierigen Zeit zu erleichtern.

Finanzielle Unterstützung von Menschen, die aufgrund der Pandemie entlassen wurden, gibt es im Irak nicht. Im Gegensatz zu Regierungsangestellten, die sich auf feste Gehaltsschecks verlassen können, sind Tagelöhner besonders stark betroffen, da sie ausschließlich von dem leben müssen, was sie täglich verdienen. In einem Land, in dem die Regierung zugibt, dass mindestens 22,5 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben, kann eine anhaltende Störung der Wirtschaftstätigkeit für Millionen Menschen in der gesamten Gesellschaft katastrophal werden.
Von Stefan Maier

Indien: Ausgangssperre treibt Menschen ins Elend

Es ist der größte "Lockdown" weltweit: Seit Mitte März befinden sich die 1,3 Milliarden Inder in strenger Quarantäne. Diese wurde nun bis 3. Mai verlängert. Die Strategie scheint erfolgreich, denn das riesige Land weist vergleichsweise niedrige (offizielle) Infektionsraten auf. Für weite Teile der Bevölkerung bedeutet die Ausgangssperre jedoch vor allem Elend und Armut. Besonders betroffen sind die hunderttausenden Wanderarbeiter. Sie stammen meistens aus dem Norden Indiens und suchen im etwas wohlhabenderen Süden ihr Auskommen. Von heute auf morgen waren sie ohne Arbeit.

Als die Nachricht von der kompletten Schließung aller Betriebe kam, brachen viele Wanderarbeiter in Panik auf in ihre Heimat   den Ausgangssperren zum Trotz und solange es noch ging. Nun aber sitzen viele fest. Aus Existenzangst und Wut formierten sich, trotz Einschreitens der Polizei, in den Großstädten Massenproteste. Nun sollen nach Plänen der Regierung wichtige Industriezweige wieder öffnen.

Auch für die religiös ohnehin angespannte Situation in Teilen Indiens wirkt Corona wie ein Brandbeschleuniger: Fanatische Hindus verdächtigen religiöse Minderheiten, für die Verbreitung des Virus verantwortlich zu sein. In erster Linie werden Muslime bezichtigt. Christen sind besonders in den nordindischen Bundesstaaten ohnehin steigender Gewalt ausgesetzt. Sie stehen am Ende der sozialen Kette, zumal viele von ihnen auch den niedrigsten Gesellschaftsschichten angehören.

So greifen die Christen auch jetzt zur Selbsthilfe: Pfarrgemeinden, Diözesen und Geistliche Gemeinschaften organisieren und verteilen Lebensmittel. KIRCHE IN NOT unterstützt unter anderem die sogenannten "Kleinen christlichen Gemeinschaften", von denen es in Indien etwa 85000 gibt. Sie finden neue Wege, das geistliche Leben zu pflegen   eine große Rolle spielt dabei das Medienapostolat. Und sie organisieren die Versorgung mit Hilfsgütern, "unabhängig von der Religionszugehörigkeit", wie die Verantwortlichen betonen.
Von Tobias Lehner

Philippinen: Soziale Spaltung vertieft sich

Die Philippinen sind das katholischste Land in Asien. Präsident Rodrigo Duterte ist Katholik. Seit Jahren regiert er mit unverhältnismäßiger Gewalt und polizeistaatlichen Methoden. Ordensleute, Priester, engagierte Laien oder Bischöfe, die mit seiner Politik nicht einverstanden sind, werden eingeschüchtert. Das setzt sich in der Corona-Krise fort. Duterte hat eine Ausgangs- und Kontaktsperre verhängt. Sie wird brutal durchgesetzt. Die Polizisten und Soldaten haben einen Art Freibrief, notfalls jeden zu erschießen, der sich nicht an die Regeln hält.

Das hat vor allem für die Armen sowie die Männer und Frauen im informellen Dienstleistungssektor dramatische Folgen. Fahrer, Haushaltshilfen, Kleinhändler oder Aushilfen leben von ihren Tageseinnahmen. Rücklagen haben sie keine. Für sie gibt es keine soziale Absicherung. Wenn sie aber nicht mehr aus dem Haus können, verdienen sie kein Geld. Und ohne Geld müssen ihre Familien hungern. Das gleiche gilt für die Menschen in den Slums rund um Manila. Sie können überhaupt keine soziale Distanz halten   und im Sommer ist die Hitze so groß, dass sie in ihren einfachen Hütten unvorstellbaren Temperaturen ausgesetzt sind. Sie können nicht "zu Hause" bleiben. Ein Teufelskreis, ausgelöst durch die Ausgangssperre. Die strengen Corona-Vorschriften können sich allein die vermögenderen Mittel- und Oberschichten im wahrsten Sinne des Wortes erlauben. So wird die soziale Spaltung des Landes durch die Corona-Maßnahmen weiter vorangetrieben.

Die katholischen Gemeinden und Missionsstationen verteilen Lebensmittel. Sie kümmern sich um die Bedürftigsten. Aber auch die katholische Sozialarbeit wird durch die rigorose Durchsetzung der Ausgangssperre behindert. Es gibt Berichte, wonach kirchliche Einrichtungen für Obdachlose, die trotz der Ausgangs- und Kontaktsperre ihre Arbeit fortsetzten, von lokalen Behörden zwangsgeschlossen und ihnen hohe Bußgelder angedroht wurden. Ordensangehörige berichten, dass sie wegen der Ausgangssperre keinen Reis an hungernde Familien verteilen durften.

Die kirchliche Pastoral ist nur unter schwierigsten Bedingungen aufrechtzuerhalten. Gottesdienste werden online, über Radio und Fernsehen übertragen. Manche Priester halten sich in Wohnungen versteckt, so wird weiter berichtet. Dort spenden sie Sakramente für diejenigen, die einen Weg durch die Polizeisperren gefunden haben   oder damit die Priester abends in Konvente kommen können, um dort die Messe zu lesen. Ein Hoffnungszeichen setzt der philippinische Kardinal Luis Antonio Tagle, jetzt Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker: Er betet mittwochs um 21 Uhr philippinische Zeit von Rom aus mit seinen Landsleuten den Rosenkranz.
Von Johannes Seibel

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