Christenpflicht Ökologie

Eigentlich hätte es der Beweise der jüngsten Zeit nicht mehr bedurft, um zu erkennen, dass unsere technisch-wissenschaftliche Zivilisation auf wackeligen Beinen steht und droht, in die Knie zu gehen. Einem weit entfernten Vulkan mit noch abgelegenerem Namen gelang es da mittels ausgespuckter Asche und entsprechender Windverhältnisse, für Tage die Lebensader der modernen Mobilitätsgesellschaft abzudrücken: den Flugverkehr. Sicher, außer dem Schaden für ein paar Airlines, die sogar bereit gewesen wären, ihre Piloten den Gefahren der Aschenwolke auszusetzen, und auf ihren Mittelmeerinseln festsitzenden Pauschaltouristen hatte der Vorfall keine Folgen. Er erteilte einer mobilitätsorientierten westlichen Moderne aber eine hilfreiche Lektion: die Einsicht in die beschränkte Reichweite der ihr zugrundeliegenden Technik. Diese ermöglicht indes eine bisher nie gekannte Kultur der Mobilität. Ferienreisen zu Zielen, die auf der anderen Seite des Globus liegen, Wochenendtrips über den Atlantik – und das alles oft nur für wenig Geld. All dem können sich immer weniger Menschen entziehen und all das sich immer mehr leisten. Und dennoch: Die Billigflüge sind ökologisch obszön und kulturell geschmacklos.

Aufs engste damit zusammen hängt die Katastrophe, die sich derzeit im Golf von Mexiko ereignet. Noch immer sprudeln Millionen Liter Rohöl ins Meer und zerstören die Lebensgrundlagen der Fischerei und die Schönheit der Natur. Weil Mobilität aber ihren Preis hat und der Ölhunger der ganzen Welt permanent steigt, sind solche Katastrophen in Küstennähe Teil des wirtschaftlichen Kalküls. Eines unmoralischen zwar, aber letztlich ökonomisch doch vertretbaren. Der verantwortliche Konzern BP wird für die Beseitigung der Folgen – die es vollständig gar nicht geben kann – nicht viel mehr als den Gewinn von zwei Quartalen aufwenden müssen. Zu lohnend ist das Geschäft mit dem Öl. Die Folgekosten von Umweltkatastrophen bringen das System nicht in Schwierigkeiten. Sie werden werden entweder extern an die Gemeinschaft weitergegeben oder – wie bei der Atomenergie und der ungelösten Frage der Endlagerung – gleich an die nächsten Generationen.

Dem Primat der Ökonomie muss sich deshalb auch die Politik beugen. Selbst moralisch hochmögend auftretende Staatsmänner wie US-Präsident Obama. Der hat im Wahlkampf anders als sein Opponent McCain das off shore drilling strikt abgelehnt. Ende März dann hat er den Bohrungen in Küstennähe zugestimmt, um die Genehmigung jetzt schockstarr wieder zurückzuziehen. Tatsächlich bleibt Politikern in einseitig auf Wachstum basierenden Gesellschaften auch gar nichts anderes übrig, als restlos nie eliminierbare Risiken der konventionellen Energiegewinnung für Mensch und Umwelt in Kauf zu nehmen. Beruht doch die Zustimmung zur Demokratie selbst meist nur auf der wirtschaftspolitisch zuverlässigen Einlösung von Konsumverheißungen.

Christen kann all das nicht unberührt lassen. Ökologie und Alternativen zu einer einseitig wachstumsorientierten Wirtschaft sind keineswegs nur etwas für linke Spinner. Zudem ist das Beispiel ihrer Demut vor dem Schöpfer und seinem Werk vielleicht unerlässlich für das Gelingen einer ökologischen Wende. Denn drohende Umweltkatastrophen allein machen den Menschen – siehe Kopenhagener Klimagipfel – noch lange nicht umkehrbereit. Die ökologische Frage, die nur in einem ökonomischen Neuentwurf beantwortbar wird, ist deshalb die neue soziale Frage des 21. Jahrhundert. Sie führt geradewegs ins Zentrum des christlichen Menschenbildes, das dem Primat des Humanums und seines Lebensraumes Schöpfung verpflichtet ist – noch vor der unseligen Spaltung in links und rechts.