Christen ohne Hoffnung

Die Hanns-Seidel-Stiftung befasste sich mit der Lage der Christen im Nordirak. Von Stefan Rehder

Kampieren in einem fensterlosen Rohbau in Erbil, in dem es überall nach Urin und Kot riecht: Christen, die vor dem Terror des IS flohen. Foto: dpa
Kampieren in einem fensterlosen Rohbau in Erbil, in dem es überall nach Urin und Kot riecht: Christen, die vor dem Terro... Foto: dpa

„Die Menschen wollen nur noch raus. Niemand von den Minderheiten kann sich mehr ein gemeinsames Zusammenleben vorstellen.“ Das gelte sogar für den Fall, dass die Stadt Mossul, die sich seit gut einem Jahr in den Händen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) befindet, zurückerobert würde, sagt Kirchenrat Thomas Pietro Peral. Der Referent für Ökumene und Weltverantwortung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern war das letzte Mal vor zwei Wochen im Irak. Am Mittwoch referierte er auf einem Expertengespräch, zu dem die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in ihr Konferenzzentrum nach München geladen hatte, über „die Lage der Christen im Nordirak“.

Viele „verhungern und verdursten“ auf der Flucht. Wer es etwa bis nach Erbil geschafft habe, das nur eineinhalb Autostunden von Mossul entfernt liegt, kampiere dort in fensterlosen Rohbauten, die der von einer wirtschaftsliberalen Regierung ausgelöste Bauboom der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion beschert habe. Erbil besitze „teilweise eine Skyline wie Frankfurt am Main“. In den nicht fertiggestellten Bürohäusern „teilen sich rund 270 Menschen zwei Etagen“. Mittels von den unverputzten Decken hängenden Tüchern versuchten die Flüchtlinge, „so etwas wie Privatsphäre“ herzustellen. „Überall riecht es nach Urin und Kot.“

Schlimmer als die hygienischen Zustände aber sei, dass die Flüchtlinge „keine Perspektiven“ hätten. „Sie haben keine Papiere, und bekommen deshalb kein Visum.“ Auch arbeiten dürften sie nicht. So gut wie niemand habe noch Geld. Die Ersparnisse seien längst aufgebraucht. Auch in den Flüchtlingslagern sei die Lage nicht viel besser. Hier könnten die Menschen zwar in Containern leben, doch bei 45 Grad seien dort fast alle Klimaanlagen ausgefallen. Mittlerweile gebe es im Irak 1,2 Millionen Inlandsflüchtlinge.

„Die katholische Kirche hilft, wo sie kann“, lobt Pietro Peral. Das koste „viel Geld“. Geld, das alles aus dem Ausland komme. „Die Regierung sagt, sie hätte keine Mittel“, seit das Geschäft mit dem Öl nicht mehr floriere.

Die US-Luftangriffe, die im vergangenen Jahr unter anderem den Vormarsch des IS auf Erbil gestoppt hätten, seien „notwendig“, zeigt sich Pietro Peral überzeugt. „Allein schaffen das die Söldnertruppen mit ihren veralteten Waffen“ nicht. Überhaupt seien die Kurden nicht der Faktor, der die Region befrieden könne. Der Kirchenrat übte aber auch Kritik an den USA. Die hätten es nach dem letzten Irak-Krieg versäumt, der neuen irakischen Führung die Integration von Minderheiten zur Auflage zu machen: „Da haben die Amerikaner ganze Arbeit geleistet.“ Die Forderung der fünf Patriarchen, die Ninive-Ebene unter internationalen Schutz zu stellen, sei zwar im Prinzip richtig, ihre Umsetzung aber wenig realistisch. Für die Errichtung einer Schutzzone würden seriösen Schätzungen zufolge Bodentruppen mit einer Stärke von 30 000 bis 40 000 Mann benötigt. „Wer soll das bezahlen?“, fragt Pietro Peral.

Weitgehend Einigkeit herrscht bei den Experten darüber, dass es „zynisch“ sei, von den 100 000 bis 150 000 Christen, die es schätzungsweise noch im Irak gebe, zu verlangen, im Land zu bleiben. Pietro Peral nannte es unerträglich, dass, wer es von ihnen bis nach Deutschland schaffe, hier fürchten müsse, als „Wohlstandsflüchtling beschimpft zu werden.

Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Günter Beckstein (CSU), der die Runde moderierte, bezweifelte, dass der Krieg gegen den IS bereits seinen Höhepunkt erreicht habe. Die einzige Möglichkeit, die die im Irak verbliebenen Christen hätten, sei „das christliche Europa“. Beckstein sprach sich dafür aus, Deutschland und Europa sollten daher auch bevorzugt Christen aufnehmen. „Ich bedauere, dass wir sagen, wir müssen auch Muslime aufnehmen“, so der engagierte Protestant. Der Geograf und Politikwissenschaftler Rainer Rothfuß sagte, in vielen Ländern würden vor allem christliche Flüchtlinge diskriminiert, und forderte: „Wir brauchen ein Konzept, wie wir Millionen von Menschen unterbringen.“