Chaos, Erniedrigung und Gefahr

UN-Hochkommissar kritisiert Umgang der EU-Staaten mit den Flüchtlingen – Hunderttausende Briten gegen harte Asylpolitik Camerons

Ziel erreicht: Diese Frau aus Syrien ist mit ihrem Kind nach einer Odyssee über Ungarn schließlich in München angekommen. Foto: dpa
Ziel erreicht: Diese Frau aus Syrien ist mit ihrem Kind nach einer Odyssee über Ungarn schließlich in München angekommen... Foto: dpa

Genf/London/Athen (DT/dpa) Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, hat an die EU appelliert, sich auf die Verteilung von bis zu 200 000 Flüchtlingen auf die EU-Mitgliedstaaten nach verbindlichen Quoten zu einigen. Zugleich müssten ausreichend Erstaufnahmezentren geschaffen werden, forderte Guterres. „Solidarität kann nicht allein in der Verantwortung einiger weniger EU-Staaten liegen“, erklärte der UN-Hochkommissar. Insbesondere Griechenland, wo der größte Teil der Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisenländern wie Syrien, dem Irak und Afghanistan ankämen, brauche Hilfe. Die EU müsse „dringende und mutige Maßnahmen ergreifen, um die Situation zu stabilisieren“.

Danach komme es darauf an, Wege zu finden, um mittelfristig die Zuständigkeiten für die Bewältigung der Flüchtlingskrise fair zu teilen. „Die EU muss bereit sein, mit der Zustimmung und Unterstützung der direkt betroffenen Regierungen – vor allem jener von Griechenland, Ungarn und Italien – adäquate Kapazitäten für die Erstaufnahme, Unterstützung und Registrierung zu schaffen.“ Von einer fehlenden gemeinsamen Reaktion Europas würden einzig Schlepper und Menschenschmuggler profitieren. Eine stärkere internationale Kooperation beim Kampf gegen Schlepperbanden sei unbedingt nötig. Zugleich müssten all jene Migranten, die nicht auf internationalen Schutz angewiesen sind und keine Aussicht auf legale Einwanderung haben, Unterstützung für eine rasche Rückkehr erhalten. Dies müsse unter voller Respektierung ihrer Menschenrechte erfolgen.

Insgesamt hätten in diesem Jahr bereits mehr als 300 000 Menschen bei gefährlichen Bootsfahrten über das Mittelmeer ihr Leben riskiert, mehr als 2 600 seien dabei umgekommen. Wenn sie Europas Küsten oder Landgrenzen erreicht haben, erleben die Menschen auf ihrer weiteren Reise chaotische Zustände, erdulden Erniedrigungen, Ausbeutung und Gefahren“, kritisierte der UN-Hochkommissar. Zugleich lobte er „die selbstlose Großherzigkeit vieler Bürger und Hilfsorganisationen“.

Großbritannien will mehrere tausend aus Syrien geflohene Menschen aufnehmen. Es würden Flüchtlinge geholt, die in Lagern nahe der syrischen Grenze lebten, sagte Premierminister David Cameron am Freitag in Lissabon. Kein europäisches Land helfe vor Ort so viel wie Großbritannien, so Cameron. Es seien bereits 900 Millionen Pfund (1,23 Milliarden Euro) an finanziellen Hilfen in die Region geflossen. Mehr als 333 000 Menschen in Großbritannien forderten ihre Regierung auf, mehr Flüchtlinge ins Land zu lassen. „Großbritannien gewährt im Verhältnis zu anderen europäischen Ländern nicht ausreichend Asyl“, heißt es in der Online-Petition an Regierung und Abgeordnete. Petitionen, die mehr als 100 000 Unterstützer finden, werden für eine Parlamentsdebatte in Betracht gezogen. Diese dürfte in der kommenden Woche stattfinden. Der Premierminister geriet am Donnerstag unter Druck, nachdem das Bild eines ertrunkenen Flüchtlingsjungen große Betroffenheit ausgelöst hatte. Konservative Politiker schlossen sich der Forderung der Opposition an, die harte Asylpolitik zu ändern. Auch Cameron sagte, er sei „tief bewegt“ von dem Foto, das auf fast allen Titelseiten zu sehen war. Großbritannien werde seiner moralischen Verantwortung nachkommen.

Der auf der Flucht nach Europa ertrunkene dreijährige Aylan ist in seiner nordsyrischen Heimatstadt Kobane beigesetzt worden. Auch sein ebenfalls ums Leben gekommener Bruder und seine Mutter seien bestattet worden, erklärte Kurden-Sprecher Idriss Nassan am Freitag. Vater Abdullah Kurdi sagte kurdischen Sender Rudaw: „Ich hoffe, dass meine Geschichte die Menschen dazu bringt, den Flüchtlingen mehr zu helfen.“ Der leblose Körper von Aylan war an einem Strand im türkischen Bodrum angespült worden. Der Junge gehörte einer Gruppe an, die per Boot die griechische Insel Kos erreichen wollte.

Hochrangige EU-Vertreter wie Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans und Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos reisten am Freitag zur Insel Kos. Dort harren tausende Migranten aus. Am Vorabend sprach Timmermans nach einem Treffen mit der griechischen Interims-Regierungschefin Vasiliki Thanou von einer „noch nie dagewesenen Krise“. Das Problem könne kein EU-Staat allein lösen.

Ungarn hat einen Zug mit Flüchtlingen auf dem Weg Richtung Westen aufgehalten und 120 Reisende in Flüchtlingslager gebracht. Wie die Polizei am Freitag mitteilte, wurde der Zug aus Budapest Richtung Györ nahe der Grenze zu Österreich im Dorf Nagyszentjanos gestoppt. 83 Flüchtlinge ließen sich sofort registrieren, die übrigen erst nach stundenlangen Protesten in der Nacht zum Freitag. Von Györ zur österreichischen Grenze sind es 50 Kilometer. Seit Donnerstag durchsucht die Polizei systematisch die Richtung Westgrenze fahrenden Züge nach mutmaßlichen Flüchtlingen und versucht, diese in Lager zu bringen. Direkte Zugverbindungen aus Ungarn nach Westeuropa gibt es seit Donnerstag nicht. Züge fahren nur bis in die Grenzregion. In Bicske weigerten sich am Freitag 500 Flüchtlinge, sich registrieren zu lassen und in das Lager vor Ort zu fahren.