CDU lässt zweite Wahlkampf-Welle anrollen

Angela Merkel bleibt die große „Umarmerin“, gibt innerparteilich aber grünes Licht für Attacken auf den politischen Gegner

Im Konrad-Adenauer-Haus spricht man mit Blick auf den Wahlkampf von „Wellen“. Derzeit geht die zweite Welle über das Land. Während der ersten stellte die Partei auf Plakaten allerorten ihr Team vor: zu Guttenberg, von der Leyen, Schäuble, Jung, Schavan, Aigner – die Ministerriege sollte demonstrieren, dass CDU und CSU doch aus mehr bestehen als aus Angela Merkel. Dass es auf sie aber ankommt, macht nun die zweite Welle deutlich. Jetzt steht die Kanzlerin im Fokus. Ihre Beliebtheitswerte sind weitaus höher als die Umfrageresultate der Partei. Die Differenz soll bis zum 27. September so weit wie möglich reduziert werden.

Dafür lautet die Botschaft, Deutschland brauche „klare Verhältnisse“. Die Landtagswahlen von Ende August hat man in dem Ausmaß der CDU-Verluste natürlich nicht gewollt. Doch macht man aus der Not eine Tugend: Das Ergebnis eigne sich zur Mobilisierung der eigenen Anhänger. Diesen sei nun nochmals klar geworden, dass die Bundestagswahl längst nicht entschieden sei.

Daran erinnerte die Kanzlerin auch am Sonntag rund 9 000 Anhänger, die zu einer Wahlkampfshow nach Düsseldorf eingeladen waren. Es sei noch nicht gelaufen, „aber wir haben beste Chancen“. Das Publikum – überwiegend in orangefarbenen T-Shirts – erlebte eine Merkel-Rede der besseren Qualität. Die Parteichefin zeigte sich engagiert, kämpferisch, ja sogar in Teilen angriffslustig. In Richtung der Sozialdemokraten rief sie: „Gönnen wir ihnen eine Pause, dass sie sich regenerieren können in der Opposition.“ 10, 18, 24 seien die Resultate der SPD bei den Landtagswahlen. „Wie weit muss man gekommen sein, um das zu bejubeln.“

Nach wie vor keine direkten Angriffe auf Steinmeier

Nach wie vor greift Merkel ihren Herausforderer aber nicht direkt an. Dahinter steht die Überlegung, möglichst viele Anhänger der SPD, die die Arbeit der Kanzlerin grundsätzlich gutheißen, in die eigenen Reihen zu ziehen. Attacken führen bekanntermaßen dazu, dass sich das andere Lager stärker zusammenschließt. Das will man auf Unionsseite vermeiden, weshalb Merkel in erster Linie die „Umarmerin“ bleibt. „Wir laden alle ein. Wir haben die Kraft. Wir alle zusammen.“ Wohl aber geht die Kanzlerin mittlerweile in die inhaltliche Auseinandersetzung:

Deutschland lasse sich nicht davon beeindrucken, wenn die SPD Angst vor einer schwarz-gelben Regierung schüre, sagte sie in Düsseldorf, und arbeitete bei den Themen Steuern, Familie und innere Sicherheit, vor allem aber im Umgang mit der Linkspartei die „gewaltigen“ Unterschiede zwischen Union und Sozialdemokraten heraus.

Mit Blick auf die ausgesandten Botschaften haben die Wahlkampfstrategen offenbar gelernt, dass auch die eigene Klientel direkt angesprochen werden will. So richtete Merkel versöhnliche Worte an die eigenen Reihen und lobte ausdrücklich ihren einstigen Rivalen Friedrich Merz; nach wie vor sei dessen Vorgabe richtig, einen niedrigen und einfachen Steuersatz zu schaffen. Hatte Merkel in den vergangenen Wochen wiederholt die Bedeutung des Glaubens für sich und ihre Arbeit betont, so findet sich im Wahlkampfspot für die Fernsehsender das „So wahr mir Gott helfe“ aus ihrer Vereidigung zur Kanzlerin. Auch lässt sie Selbstironie zu, indem sie auf die Debatten um ihre Frisur zu sprechen kommt. Kurzum: Merkel versucht, das Bild der kühl kalkulierenden Naturwissenschaftlerin und kalten Machtstrategin durch das Präsentieren einer menschlichen, gefühligeren Seite abzurunden.

Westerwelle müssen die Ohren geklungen haben

Gleichwohl hat sie innerparteilich offensichtlich grünes Licht gegeben für Attacken auf den politischen Gegner. Die Aufgabe übernahmen am Sonntag ihre Stellvertreter: NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zeigte, dass er das Wahlkämpfen versteht und lieferte dem Publikum die lange vermissten schmissigen Parolen: „Es bleibt dabei: Sozialdemokraten können nicht mit Geld umgehen. Frank-Walter Steinmeier schon gar nicht, denn er ist eine matte Kopie von Gerhard Schröder.“ Roland Koch brachte seine hessischen Erfahrungen mit SPD und Linkspartei ein: „Da soll man sich keine Illusionen machen. Die haben sich auf einen gemeinsamen Weg gemacht.“ Und Christian Wulff warnte: „Wir kommen unserer Verantwortung für das Land nicht nach, wenn wir Rot-Rot regieren lassen.“

Auch scheint die CSU sich nun in der Endphase des Wahlkampfes eher auf den Gegner im anderen Lager einschießen zu wollen, als weiter auf CDU und FDP zu zielen. „Bei Angela Merkel sind CDU und CSU drin. Bei Frank-Walter Steinmeier sind Lafontaine und Gysi drin“, rief CSU-Chef Horst Seehofer. Während der Bayer noch vor dem Stimmen-Splitting zugunsten der FDP warnte, bediente Merkel auch den Wunsch-Koalitionspartner. Guido Westerwelle mögen die Ohren geklungen haben. Deutlicher als an diesem Sonntag konnte die Kanzlerin ihre favorisierte Regierungskonstellation nicht formulieren.

Einen Haken hatte die Show in Düsseldorf allerdings. Die, die dorthin gekommen waren, mussten eigentlich nicht mehr überzeugt werden. Darum bekamen sie auch den klaren Auftrag, möglichst viele aus Verwandtschaft und Freundeskreis am 27. September zu motivieren, zur Wahl zu gehen.