Brutalste Christenverfolgung

In keinem anderen Land werden Gläubige so misshandelt wie in Nordkorea. Von Oliver Maksan

Etwa 70 000 Christen sollen in nordkoreanischen Lagern einsitzen. Foto: dpa
Etwa 70 000 Christen sollen in nordkoreanischen Lagern einsitzen. Foto: dpa

Es gibt wohl kaum ein Land, in dem Christen und Andersdenkende härter verfolgt werden als in Nordkorea. In der Volksrepublik mit ihren etwa 24 Millionen Einwohnern leben nach Angaben des christlichen Hilfswerks „Open Doors“ etwa 400 000 Christen. Staatlichen Angaben zufolge sind etwa 4 000 Personen katholisch. Das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ geht indes davon aus, dass nur noch ein paar hundert Katholiken im Land leben. Mitte des 20. Jahrhunderts seien in der Hauptstadt Pjöngjang noch 30 Prozent der Bevölkerung katholisch gewesen. Doch während und nach dem Koreakrieg (1950–1953) habe die kommunistische Armee alle Geistlichen und Ordensleute festgenommen. Daher besitze die Kirche in Nordkorea keinen Klerus, so „Kirche in Not“. Zwischen 50- bis 70 000 Christen sind „Open Doors“ zufolge in den 30 Arbeits- und Straflagern interniert. Der Rest ist gezwungen, im Untergrund zu leben.

Das Christentum gilt der Staatsführung als ideologische Konkurrenz zur „Juche“-Staatsdoktrin. Diese seit den 70er Jahren in die Verfassung aufgenommene Lehre ergänzt den Marxismus-Leninismus. „Juche“ heißt wörtlich „Eigenständigkeit“, „Selbstbestimmung“ und zielt vor allem auf die wirtschaftliche Autarkie des Landes und die Abschottung von jeglichen äußeren geistigen Einflüssen. Nach der Einschätzung des Regimes hat das Christentum zum Zusammenbruch des Kommunismus im Ostblock beigetragen, weshalb es als Bedrohung der Stabilität gesehen wird. Außerdem wirft man den Christen Kollaboration mit dem Westen und Südkorea vor.

„Kirche in Not“ zufolge gewährt Nordkorea als totalitärer stalinistischer Staat mit ausgeprägtem Führerkult grundsätzlich keinerlei Religionsfreiheit. In der Hauptstadt Pjöngjang existierten zwar eine katholische und zwei protestantische Kirchen, doch Gottesdienst sei dort nur sehr beschränkt möglich. Gegenüber dieser Zeitung sagte das Hilfswerk am Montag: „Außerhalb der Hauptstadt sind uns keine Kirchen bekannt. Ein großes Problem für die Katholiken im Land ist, dass es in Nordkorea keinen einzigen katholischen Priester gibt und somit die Feier der heiligen Messe unmöglich ist.“ Wer beim Besuch eines Gottesdienstes oder einer Andacht an einem nicht genehmigten Ort „erwischt“ werde, den erwarte mindestens eine Haftstrafe und Folter, oft genug auch die Todesstrafe. „Diese steht schon auf den bloßen Besitz einer Bibel“, so „Kirche in Not“. Es existierten Straf- und Umerziehungslager, in denen Schätzungen zufolge zurzeit zwischen 150 000 und 200 000 Menschen festgehalten würden. „Folter, Mord, Vergewaltigung, medizinische Experimente, Zwangsarbeit und erzwungene Abtreibungen sowie heimliche Exekutionen sind in diesen Lagern nach Berichten nordkoreanischer Flüchtlinge an der Tagesordnung.“

„Kirche in Not“ unterhält nach eigenen Angaben keine Hilfsprojekte in dem isolierten Land. „Es wäre viel zu gefährlich, die nordkoreanische Kirche aus dem Ausland offen zu unterstützen. Denn das Regime bestraft jeden, der ausländische Hilfe annimmt.“ Als einzigen Weg zur Besserung sieht das Hilfswerk den Sturz des Regimes. „Das ist der einzige Weg für eine nachhaltige Besserung. Wir beten und hoffen inständig, dass der Tod Kim Jong Ils das System erschüttert und dass die tödliche Isolation des Landes bald ein Ende hat. Wenn das Land sich öffnet, müssen wir vorbereitet sein, darum unterstützen wir schon seit Jahren die stark wachsende und lebendige Kirche in Südkorea.“ „Open Doors“ erwartet vom neuen Machthaber Kim Jong Un keinen Kurswechsel. Berichten nordkoreanischer Christen zufolge soll Kim Jong Un, so das Hilfswerk gestern, schon zu Lebzeiten seines Vaters Anstrengungen unternommen haben, verbotene religiöse Aktivitäten im Untergrund aufzudecken. Es sei zu verstärkten Hausdurchsuchungen gekommen; Spione seien gezielt dazu ausgebildet worden, religiöse Netzwerke zu unterwandern.

Auch Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“, hat trotz des Todes von Kim Jong Il wenig Hoffnung auf Wandel. Dieser Zeitung sagte er am Montag: „Nach den bisherigen Erfahrungen mit dem nordkoreanischen Regime besteht für Hoffnung leider wenig Anlass. Im Moment geht es für die Nordkoreaner um die Rechte Leben und Nahrung. An die Wahrung der Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit ist noch lange nicht zu denken.“ Seiner Einschätzung nach hat das Ausland in den letzten Jahren nicht hinreichend auf eine Verbesserung der Menschenrechtslage gedrängt. Der Westen habe sich für Nordkorea nur in Hinblick auf die nukleare Bedrohung interessiert. Lessenthin: „Der Schlüssel zur Lösung des Menschenrechtsproblems in Nordkorea liegt in Peking. Die Volksrepublik China ist die Schutzmacht des nordkoreanischen Regimes. Peking setzt Nordkorea geschickt ein, um seine geostrategischen Interessen durchzusetzen. Bis heute schickt China Flüchtlinge aus Nordkorea zurück, das bedeutet in vielen Fällen den sicheren Tod, immer aber Zwangsarbeit.“