Brutal und vulgär

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte sieht die Kirche als Gegner. Von Klemens Ludwig

Proteste während der Osterwoche auf den Philippinen
Proteste gegen Duterte in der Karwoche: Die Holzkreuze sollen an das Leiden Christi erinnern. So wollen die Demonstranten auf die Armut aufmerksam machen, die in den Städten des Landes herrscht. Foto: dpa
Proteste während der Osterwoche auf den Philippinen
Proteste gegen Duterte in der Karwoche: Die Holzkreuze sollen an das Leiden Christi erinnern. So wollen die Demonstrante... Foto: dpa

Ich glaube an Gott, aber nicht an die Religion“, bekannte der philippinische Präsident Rodrigo Duterte einmal. Diese demonstrativ dokumentierte Distanz ist nicht der einzige Grund für das schwierige Verhältnis zwischen dem mächtigen Präsidenten und der mächtigen katholischen Kirche, der 80 Prozent der über 100 Millionen Bewohner des Landes angehören. Schon als Duterte am 9. Mai 2016 zum Präsidenten gewählt worden war, bestimmten Misstöne das Bild. Duterte, dessen martialische Gesten, vulgäre Sprache und sexistischen Witze Teil seiner Selbstinszenierung sind, hatte als Gouverneur der südlichen Insel Mindanao erfolgreich Drogen und organisierte Kriminalität bekämpft; wenn auch mit gesetzlosen Methoden. Seine jeder Legalität entzogenen Todesschwadronen rekrutierten sich teilweise selbst aus kriminellen Gangs. Auch im Präsidentenwahlkampf machte er keinen Hehl aus seinen Plänen: Den auf Mindanao begonnenen Kampf gegen alle Drogen- und sonstigen Kriminelle werde er auf das ganze Land ausdehnen.

Dennoch, oder gerade deswegen, sahen viele in einem von Gewalt, Drogenkonsum und Armut geprägten Land in ihm einen Hoffnungsträger und bereiteten ihm einen überzeugenden Wahlsieg. Die Kirche ging jedoch auf vorsichtige Distanz, was Duterte noch vor seiner Vereidigung zu heftigen Ausfällen veranlasste: Er bezeichnete sie auf einer Pressekonferenz als „scheinheiligste Institution des Landes" und nannte die Bischöfe „Hurensöhne“, ein Ausdruck, den er später auch für den Papst verwendete. Zudem ließ er verlauten, die Bischöfe hätten ihn um unlautere Gefälligkeiten gebeten und zahlreiche Kirchenmänner hielten sich nicht an das Zölibat. Seinen überzeugenden Wahlsieg wertete er als „Volksbegehren gegen die Kirche“.

Duterte kann man nicht vorwerfen, dass er seinen Ankündigungen keine Taten folgen ließe. Knapp 10 000 Menschen wurden in seinem ersten Amtsjahr ohne legale Grundlage getötet, davon etwa zwei Drittel durch Todesschwadrone. Die Kirche reagierte nach knapp einem Jahr mit einen Hirtenbrief, in dem sie dem Präsidenten eine „Herrschaft der Terrors“ vorwarf. Er führe keinen „Krieg gegen Drogen“, sondern gegen „gegen die Armen“. Ganz in seinem Stil antworte Duterte: „Ihr redet Mist.“

Inzwischen gibt es ein weiteres Konfliktfeld. Die Kirche wendet sich strikt gegen jede Form der Empfängnisverhütung. Gleichzeitig liegen Bevölkerungswachstum und HIV-Infektionen weltweit auf Spitzenpositionen. Duterte will deshalb kostenlose Kondome an Schulen verteilen lassen, was auf heftigen Widerstand des Klerus stößt. Seinem Kampf gegen HIV fehlt allerdings jede Konsequenz. Um die Familienplanung voranzutreiben, lässt Duterte kostenlose Anti-Baby-Pillen an arme Frauen verteilen. Gleichzeitig erklärte er den Männern, sie könnten nun auf Kondome verzichten, die seien ja nicht angenehm. Vertreter des Gesundheitswesens reagierten entsetzt, denn dadurch würden die HIV-Infektionen weiter steigen.

Verhaftung einer Ordensschwester

Die jüngste Runde in den Spannungen markiert die Verhaftung der 71jährigen australischen Ordensschwester Patricia Fox. Die streitbare Ordensfrau, die seit mehr als zwanzig Jahren im Lande lebt, versteht sich als Anwältin der Bauern und der indigenen Urbevölkerung. Mitte April besuchte sie als Teil einer internationalen Menschenrechtsdelegation die Insel Mindanoa, wo es seit dem vergangenen Jahr zu verstärkten Kämpfen zwischen radikal-islamischen Verbänden und der Armee kommt. Duterte hatte deswegen das Kriegsrecht verhängt und somit auch die letzten legalen Schutzmechanismen beseitigt. Patricia Fox wurde wegen „illegaler politischer Aktivitäten" festgenommen, jedoch nach 24 Stunden wieder freigelassen. Ganz gegen seine Gewohnheit entschuldigte sich der Präsident danach über seinen Sprecher: „Wie es scheint, wurde im Fall der Schwester Fox ein Fehler begangen, und vielleicht ist eine Entschuldigung angebracht." Dass solche Töne eine Kehrtwende in der Politik Rodrigo Dutertes andeuten könnten, glaubt jedoch Roderick Pabillo, Weihbischof in der Hauptstadt Manila, nicht. Zurecht. Gestern wurde bekannt, dass Patricia Fox innerhalb von 30 Tagen das Land verlassen muss. Die 71-jährige Ordensfrau aus Australien ist offensichtlich für Duterte ein sehr unangenehmer Gegner.