„Blanke Panik“

Vor den irakischen Wahlen werden Christen systematisch verfolgt

Vor den irakischen Parlamentswahlen am kommenden Sonntag ist die Gewalt gegen die Christen im Land erneut eskaliert. In der nordirakischen Stadt Mossul wurden in den vergangenen zwei Wochen neun Christen ermordet. Als Reaktion haben nach Angaben der Vereinten Nationen seitdem über 4 000 Christen die Stadt verlassen. Der Erzbischof von Mossul, Amil Shamaaoun Nona, sagte im Gespräch mit „Kirche in Not“: „Ob bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause – nirgendwo sind die Christen mehr sicher.“ Längst haben alle Christen, die es sich leisten konnten, den Irak verlassen. Vor zwanzig Jahren lebten noch 1, 4 Millionen von ihnen im Land – heute sind es nach Schätzungen von „Kirche in Not“ nur noch etwa 350 000. Geblieben ist nur, wer sich die über 10 000 Dollar für einen Schlepper nicht leisten kann. „Blanke Panik“ sei es, die nun auch jene Christen aus Mossul treibe, die sich kaum ein Taxi hinaus leisten können, betont Erzbischof Nona. Keiner im Irak spricht aus, wer genau hinter den Anschlägen steckt. Auch Nona bleibt vage und vermutet eine „politische Gruppierung, die einen Nutzen vom Verschwinden der Christen hätte“.

Ein gewalttätiger Machtkampf spielt sich im Irak ab. Er tobt zwischen der auch in sich zerstrittenen schiitischen Bevölkerungsmehrheit und der sunnitischen Elite, die unter Saddam Hussein an der Macht gewesen war. Bei den Parlamentswahlen vor fünf Jahren waren viele Sunniten den Boykottaufrufen ihrer geistlichen Führer gefolgt und hatten die Wahl verweigert. Darum blieb der politische Einfluss der sunnitischen Elite, der auch viele ehemalige Militärs angehören, gering. Stattdessen führten diese Gruppierungen seitdem einen blutigen Bürgerkrieg gegen den Staat. Die ständigen Anschläge haben den Irak derart geschwächt, dass kriminelle Gruppierungen, religiöse Fanatiker und Separatisten in manchen Regionen des Landes die Kontrolle übernehmen konnten. Die Christen sind im Irak zwischen alle Fronten geraten. Ihre Hoffnung kann es nur sein, dass der Kampf durch die Parlamentswahlen von der Straße wieder auf das politische Parkett verlagert wird. Doch diese Hoffnung schwindet. Wichtige sunnitische Parteien haben angekündigt, sich auch diesmal nicht zur Wahl stellen zu wollen. Sie werden weiterhin versuchen, ihre Ansprüche außerhalb des Parlaments durchzusetzen. Die Bereitschaft, Kompromisse zu schließen, ist im Irak nur schwach ausgeprägt. Aus Furcht stimmten die Menschen bisher meist gemäß ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit ab und zementieren damit die vorherrschende Trennung. Die Fronten sind verhärtet, und viele Beobachter sehen unter diesen Umständen auch die Möglichkeit, dass der Irak auseinanderbricht. Der kurdische Norden des Landes ist bereits größtenteils autonom. Die Zentralregierung in Bagdad versucht zwar, die Kontrolle über das Land zu behalten, aber gerade mit Blick auf den geplanten Abzug der US-Truppen bis Ende 2011 ist fraglich, wie lange das noch gelingen kann. Denn bisher hat es niemand geschafft, alle Bevölkerungsgruppen an einen Tisch zu bekommen. Dazu fehlt der gesellschaftliche Konsens. Doch genau in diesem Mangel sieht der Erzbischof der nordirakischen Stadt Kirkuk, Louis Sako, eine Chance für die Christen des Irak. Er glaubt, sie könnten der Schlüssel zu einer friedlichen Zukunft sein. So wie die Christen im Bürgerkrieg zwischen alle Fronten geraten seien, könnten sie in einer funktionierenden irakischen Gesellschaft im positiven Sinne Vermittler und „Scharniere“ sein. „Wir können nicht getrennt von den anderen Irakern leben“, betont Erzbischof Sako, „wir wollen die Zukunft unseres Landes zusammen mit den Arabern, Kurden, mit Turkmenen und Muslimen gestalten.“ Die chaldäischen Christen sind die Ureinwohner ihres Landes. Jahrhundertelang haben sie friedlich mit allen anderen Bevölkerungsgruppen zusammengelebt.

Dass das auch weiterhin ihr Wunsch ist, zeigt die Art ihres Protestes. Nicht Rache und Gewalt, sondern „Gebet und Fasten“ war die Botschaft der über tausend Christen, die am vergangenen Sonntag in Bagdad und Mossul sowie am Montag in Kirkuk auf die Straße gingen. Die friedlichen Demonstrationen zeigen, dass die irakische Gesellschaft in der Tat viel von den Christen lernen könnte. Doch bevor die Gesellschaft auf die Christen hören kann, muss sie zunächst einmal aufhören, auf sie zu schießen.