Bittere Pille

Die „Pille danach“ wird höchstwahrscheinlich bald ohne Rezept erhältlich sein Von Stefan Rehder

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“: Auf diesem Motto basiert letztlich die sogenannte „Notfallverhütung“ mit der „Pille danach“. Foto: dpa
„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“: Auf diesem Motto basiert letztlich die sogenannte „Notfallverhütung“ mit de... Foto: dpa

„Die Schlacht ist geschlagen“, tönt jetzt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Berliner „Tagesspiegel“. Das klingt martialisch und soll es wohl auch. Ohnehin befindet sich der Professor, der gern Fliege trägt, im Deutschen Bundestag meist auf dem Kriegspfad und streitet dort für so ziemlich alles, was Katholiken als unannehmbar gilt: Abtreibung, künstliche Befruchtung, embryonale Stammzellforschung und ärztlich assistierter Suizid.

Dabei dürfte der Arzt und Gesundheitsökonom, der seit 2005 dem Parlament angehört und dort den Wahlkreis Leverkusen/ Köln IV vertritt, dieses Mal wohl recht behalten. Denn nach Lage der Dinge hat der Pharmakonzern HRA Pharma, mit Firmensitz in Paris, tatsächlich einen folgenschweren Erfolg errungen.

Vergangene Woche hatte die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA (European Medicines Agency) auf Antrag des Unternehmens der EU-Kommission empfohlen, die sogenannte „Pille danach“ mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat (UPA) europaweit aus der Rezeptpflicht zu entlassen. Folgt die EU-Kommission der Empfehlung der EMA, sind sämtliche Mitgliedsstaaten der Europäischen Union grundsätzlich gehalten, das entsprechende Präparat neu zu klassifizieren und auf ihrem Boden ebenfalls von der Rezeptpflicht zu befreien.

Allerdings kann die EU-Kommission, die für eine Entscheidung zwei Monate Zeit hat, die Mitgliedsstaaten nicht zwingen, das Präparat auch tatsächlich aus der Rezeptpflicht zu entlassen. Letztlich liegt die Verantwortung dafür allein bei den Mitgliedsstaaten und damit bei den zuständigen Gesundheitsministern.

So besitzt etwa auf Malta das „Pille danach“-Präparat mit dem Wirkstoff Levenorgestrel (LNG), das in 23 EU-Mitgliedsstaaten in Apotheken ohne Rezept erhältlich ist, überhaupt keine Marktzulassung. In Deutschland, Griechenland, Italien, Kroatien, Lichtenstein, Polen und Ungarn sind LNG-haltige Präparate bislang verschreibungspflichtig.

Das dürfte sich bald ändern. Denn ist erst das UPA-haltige Präparat in Apotheken erhältlich, wird niemand – schon um sich nicht dem Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung und der Gefahr entsprechender Klagen auszusetzen – auf der Rezeptpflicht eines Konkurrenzproduktes bestehen. Schon gar nicht, wenn dieses, wie im Falle der LNG-haltigen „Pille danach“, viel länger erforscht ist, als der erst 2009 in Europa zugelassene Wirkstoff UPA. Chemisch ist UPA mit der Abtreibungspille Mifepristone verwandt. Das muss zwar keineswegs zwingend zur gleichen Wirkung führen, legt aber den Verdacht nahe, dass das von HRA Pharma auf den Namen „Ella One“ getaufte hochdosierte Hormonpräparat womöglich doch nicht ein vergleichsweise harmloses Mittel zur „Nachverhütung“ ist, das lediglich den Eisprung verhindere oder zumindest so verzögere, dass trotz eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs keine Befruchtung stattfinden könne.

Dies gilt umso mehr, als der Wirkstoff seit zwei Jahren auch zur Bekämpfung von Gebärmuttertumoren eingesetzt wird. Die dazu erforderlichen Zulassungsstudien belegen histologisch nachweisbare Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut, die Anhaltspunkte für die Vermutung bieten, dass die Wirkung der UPA-haltigen „Pille danach“ über die bloße Ovulationshemmung hinausgeht und auch die Einnistung einer bereits befruchteten Eizelle verhindern könnte. Da solche „Feinheiten“ – bei denen es de facto darum geht, ob die Zeugung eines neuen Menschen verhindert wird oder ob diesem im frühestens Stadium die Möglichkeit der Weiterentwicklung genommen wird – aber außer Lebensrechtlern niemanden zu interessieren scheint, ist mit einer endgültigen Klärung dieser Frage – getreu dem Motto: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ – auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Zumal der Paragraf 218 des deutschen Strafgesetzbuches in Absatz 1 festhält: „Handlungen, deren Wirkung vor Abschluss der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes.“

Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der bislang trotz enormen Drucks stets für die Beibehaltung der Rezeptpflicht bei der „Pille danach“ eingetreten war, ließ bereits seine Bereitschaft zum Einlenken erkennen. Zwar wolle man die Empfehlung der EMA genau prüfen. Doch wenn aufgrund einer Entscheidung der EU-Kommission die Ärzte das Präparat nicht mehr verschreiben müssten, „sei eine intensive Beratung in den Apotheken der richtige Weg“. Gegen Brüssel will sich offenbar selbst Gröhe nicht stellen.