Bilanz des Krieges: Vier Millionen Menschen leiden Not

Ohne ein gesichertes Territorium wird die Arbeit der humanitären Hilfswerke für die Helfer der Bürgerkriegsopfer immer gefährlicher. Von Bodo Bost

In Syrien wird die Lage der Bürgerkriegsopfer immer dramatischer. Nachdem die Kämpfe um die Städte Homs, Damaskus und Aleppo keine Entscheidung, sondern nur Zerstörungen gebracht haben, scheinen sich die Kämpfe auf ländliche Regionen und in die Grenzregionen zur Türkei, Irak und Israel zu verlagern. Hier sollen die Rebellen nach eigenen Angaben etwa 40 Prozent des Staatsgebietes unter Kontrolle gebracht haben. Das Assad-Regime setzt verstärkt auf seine Luftwaffe, denen die militärische Opposition nichts entgegensetzen kann, um zu verhindern, dass die Rebellen auf syrischem Territorium ein „befreites Territorium“ einrichten, wo sie sich fest etablieren können. Ohne sicheres, eigenes Territorium können die verschiedenen Oppositionsgruppen keine Strukturen zur Versorgung und Betreuung ihrer Anhänger und der Bevölkerung aufbauen.

So ist die medizinische Versorgung der zahlreichen Schuss- und Schlagverletzungen der Demonstranten in staatlichen Krankenhäusern ebenso verboten wie die verletzter Rebellen, die vom Regime als Terroristen eingestuft werden. Ein weiteres Problem: Die militärische Zersplitterung der syrischen Rebellenbewegung erschwert den Hilfswerken den Zugang zur Bevölkerung in den von den Rebellen beherrschten Gebieten, weil jede militärische Gruppe nur auf die eigenen Kommandanten hört. Im Lauf des Bürgerkrieges in Syrien sollen inzwischen mehr als 37 000 Menschen getötet worden sein. Genaue Zahlen sind unbekannt, weil weder die Vereinten Nationen (UN) noch unabhängige Medien ungehindert im Land arbeiten können. Das UN-Flüchtlingshilfswerk spricht inzwischen von 1,5 Millionen Syrern, die im eigenen Land auf der Flucht sind, und schätzt die Zahl der Hilfsbedürftigen auf 2,5 Millionen. Die syrische Zivilbevölkerung leidet nicht nur unter den verstärkten Luftangriffen der Armee, sondern fürchtet auch den nahenden Winter. Die Temperaturen sinken im November auf unter zehn Grad. Hier ist die Solidarität der internationalen Gemeinschaft gefordert. Den Finanzbedarf für die Flüchtlingshilfe schätzen die UN auf 488 Millionen Dollar, mehr als doppelt so viel wie zu Jahresbeginn angenommen.

Caritas International versorgt mit den syrischen Bistümern und den lokalen Caritasgruppen Flüchtlingsfamilien, verarmte Familien sowie alte und kranke Menschen mit humanitärer Hilfe. Im bevorstehenden Winter sollen die Hilfsmaßnahmen ausgeweitet werden, dringend benötigt werden beispielsweise Heizgeräte und Decken. Caritas-Mitarbeiter berichten, dass die Lage für die Vertriebenen von Tag zu Tag verzweifelter werde, weil es nach dem Übergreifen des Bürgerkrieges auf Damaskus und Aleppo immer weniger sichere Zufluchtsorte gibt. Für die Helfer ist der Einsatz mit wachsenden Risiken verbunden. Unlängst ist ein Arzt eines lokalen Caritas Partners bei seinem Hilfseinsatz von Kugeln tödlich getroffen worden. „Der Einsatz unserer Partner in Syrien ist lebensgefährlich. Wir brauchen nicht nur einen umfassenden und ungehinderten Zugang zu den Opfern, sondern auch einen effektiven Schutz der Helfer“, fordert Christoph Klitsch-Ott, Referatsleiter Afrika und Naher Osten bei Caritas International.

Misereor leistet Hilfe über ihren lokalen Partner, den Jesuit Refugee Service (JRS) „Wir leisten erste Hilfe, verteilen Kochutensilien, Matratzen, Lebensmittel, Medikamente, helfen bei der Suche nach Unterkünften und Wohnungen“, berichtet Pater Nawras Sammour, Jesuit und JRS-Regionaldirektor. Im kriegszerstörten Aleppo erreichen mehr als 50 JRS-Freiwillige mehr als 6 000 Menschen, die Hälfte davon Kinder – unter schwierigsten Bedingungen. In manchen Stadtvierteln musste JRS die Arbeit mit Flüchtlingskindern zeitweise einstellen. In Damaskus koordinieren JRS-Mitarbeiter und Ehrenamtliche über Hausbesuche direkt die Hilfe für 430 Familien. Über die lokalen Hilfsnetze werden noch einmal zusätzlich knapp 500 Familien erreicht. In Homs, Kouseir und Umgebung helfen Jesuiten und Freiwillige 310 Flüchtlingen, die im Jesuitenzentrum Al Ard sowie im Wohnhaus der Jesuiten untergekommen sind. Für 720 Kinder haben Freiwillige Beschäftigungs- und Bildungsangebote aufgebaut. In den JRS-Zentren Al Mukhales, Al Waer und Al Ard (Homs) sowie Dwelaa und Batouma bietet die Misereor-Partnerorganisation psychosoziale Betreuung für mehr als 2 000 traumatisierte Kinder an.

„Viele Flüchtlinge sind verletzt, traumatisiert durch Gewalterfahrungen und dem Verlust von Angehörigen“, sagte Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel. Zu den vier Millionen Flüchtlingen und Notleidenden im eigenen Land hat bislang nur der Syrische Rote Halbmond (SARC) mit seinen über 10 000 Freiwilligen direkten Zugang. Der SARC versorgt die Menschen mit Hilfsgütern, Nahrungsmitteln und Wasser und leistet medizinische Hilfe in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden, wo die Flüchtlinge Unterkunft gefunden haben. Das Deutsche Rote Kreuz unterstützt seine Schwesterorganisation seit Beginn der Unruhen in Syrien im März 2011. Neben Hilfsgütern für Flüchtlings-Familien hilft das DRK dem Syrischen Roten Halbmond mit Ambulanzfahrzeugen und LKW‘s, mit dem Aufbau von Lagerkapazitäten und weiteren Versorgungsmöglichkeiten, damit die lokalen Helfer besser die Notleidenden erreichen können.

Viele Menschen in Syrien fliehen von einem Ort zum anderen, in der Hoffnung, Zuflucht in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden zu finden. „Die Kämpfe gehen weiter, nicht nur in Aleppo, auch in Homs, Damaskus, Deir Ezzor, Idlib und Deraa und deren Umland“, sagt Marianne Gasser, Leiterin der Delegation des Internationalen Roten Kreuzes (IHRK) in Damaskus. „Wir sind sehr besorgt über die Folgen der Kämpfe für die Zivilbevölkerung in diesen Regionen.“ Wo immer möglich, hilft der SARC Betroffenen: Die Helfer evakuieren Kranke und Verwundete und leisten Nothilfe. Zusammen mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz hat der SARC seit Mitte des Jahres 2011 bis jetzt bereits 800 000 Menschen mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Hilfsgütern versorgt, in der Stadt Homs sorgt der SARC sogar für Strom für die gesamte Stadt. Trotz der Lage in Aleppo gelang es Freiwilligen in den letzten Wochen, tausende Menschen in 80 Schulen mit Hilfsgütern, Nahrungsmitteln und Trinkwasser zu versorgen. In Damaskus unterstützten die Helfer rund 25 000 Vertriebene in 62 Schulen. Zudem engagiert sich der SARC dafür, die Wasserversorgung in Aleppo, Damaskus und Deir Ezzor zu verbessern.