„Beweis für terroristische Haltung der Muslimbrüder“

In Ägypten zerstören Islamisten dutzende christliche Kirchen – Armeechef verspricht staatliche Hilfe beim Wiederaufbau – Katholiken haben Feiern zu Mariä Himmelfahrt abgesagt – Deutsche Bischöfe für Ende der Gewalt. Von Oliver Maksan und Clemens Mann

Massaker an der Zivilbevölkerung: Die Räumung der Protestlager durch das Militär kostete mehr als 600 Ägyptern das Leben. Foto: dpa
Massaker an der Zivilbevölkerung: Die Räumung der Protestlager durch das Militär kostete mehr als 600 Ägyptern das Leben... Foto: dpa

Kairo (DT) Nach der gewaltsamen Auflösung islamistischer Protestlager in Kairo am Mittwoch ist es in ganz Ägypten zu Übergriffen gegen christliche Kirchen und Einrichtungen sowie Privathäuser und Geschäfte gekommen. Die Islamisten beschuldigen die Christen Ägyptens, für den Sturz des Muslimbruders Muhammad Mursi verantwortlich zu sein. Ägyptischen Medienberichten zufolge wurden seit Mittwoch Dutzende Kirchen von Anhängern der Muslimbruderschaft in Brand gesetzt oder beschädigt. In einem Bericht der staatlichen ägyptischen Zeitung Al-Ahram (Donnerstag) zitierte Vertreter der koptischen Jugendorganisation „Maspero Youth Union“ gaben an, dass mindestens 36 Kirchen vollständig zerstört worden seien. Besonders betroffen waren dabei die Governatorate Minya, Assiut und Sohag, wo große christliche Bevölkerungsgruppen leben. Auch in der Hauptstadt Kairo sollen sieben Kirchen zerstört oder verwüstet worden sein. Die Angriffe auf christliche Einrichtungen und Kirchen gelten als Reaktion auf die Räumung der Protestlager der Muslimbruderschaft durch das Militär. Nach offiziellen Angaben kamen dabei mehr als 600 Menschen ums Leben. Die Muslimbrüder sprachen von 3 000 Toten und kündigten einen „Freitag der Wut“ an.

Der ägyptische Interims-Premierminister Hazem Al-Beblawi hat dem koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II. in einem Telefonat seine Anteilnahme versichert und die „kriminellen Akte“ verurteilt. Der Terrorismus werde bekämpft werden. Die Einheit von Muslimen und Christen sei eine rote Linie, die nicht überschritten werden dürfe, so der Regierungschef. Verteidigungsminister und Armeechef Abdel Fattah Al-Sisi hat den Kirchen derweil versprochen, dass der Staat für den Wiederaufbau ihrer zerstörten Gotteshäuser aufkommen werde. Die koptisch-katholische Kirche hatte wegen der angespannten Sicherheitslage die Feierlichkeiten zum Fest „Mariä Himmelfahrt“ am Donnerstag abgesagt. Pater Rafik Greiche, Sprecher der ägyptischen katholischen Bischofskonferenz, sagte dieser Zeitung am Freitag, dass die Christen den Preis für ihre Teilnahme an der „Zweiten Revolution“ vom 30. Juni zu zahlen hätten. „Jeden Tag, wirklich jeden Tag, werden wir angegriffen. Auf einer Kirche wurde sogar die Flagge Al-Kaidas gehisst. Die Islamisten wollen sich an uns rächen.“ Ausdrücklich forderte er den Staat auf, gegen die Übergriffe vorzugehen.

Muslimbrüder keine gewöhnliche Partei

Die Absetzung Mursis verteidigte er weiterhin. Diese sei von einem breiten Bündnis getragen worden, das neben Christen, Liberalen Liberalen auch nicht-islamistische Muslime umfasst hätte. Westliche Kritik am Vorgehen der Armee wies Greiche zurück. „Den Muslimbrüdern ist immer wieder angeboten worden, sich in den politischen Prozess einzufügen. Sie haben stattdessen mit Gewalt reagiert. Sollen wir ihnen die Hände küssen, damit sie auf Gewalt verzichten?“, so der griechisch-katholische Priester. Greiche wies darauf hin, dass es sich bei der Muslimbruderschaft nicht um eine gewöhnliche Partei handle. „Ihnen geht es nicht um Ägypten. Sie wollen das islamische Kalifat wieder aufrichten. Sie sind deshalb nicht zu Kompromissen fähig.“ Laut Greiche hätten die Worte von Papst Franziskus für die Opfer in Ägypten ein reges Echo gefunden. Der Appell des Papstes vom Donnerstag habe „in allen Zeitungen, auf allen Webseiten“ Verbreitung gefunden, so Greiche gegenüber Radio Vatikan. Besonders die Christen in Ägypten hätten solche Worte bitter nötig. Die meisten Ägypter sehnten sich nach Frieden.

Monsignore Joachim Schroedel, Seelsorger der deutschen Gemeinde in Kairo, vertrat gegenüber dieser Zeitung am Freitag eine ähnliche Auffassung. „Es liegt auf der politisch-religiösen Linie der Fundamentalisten, dass Demokratie nur ein Weg zur Errichtung eines ,Gottesstaates‘ sein kann. Ein Jahr Mursi hat gezeigt, wohin die Reise mit Ägypten hätte gehen sollen. Dagegen haben über 30 Millionen Menschen demonstriert. Die Chance wäre für die Muslimbrüder über ein Jahr lang da gewesen. Doch sie haben das Land noch in tiefere Abgründe geführt.“

Die derzeitigen Übergriffe deutete Schroedel als Racheakte. „Die Islamisten versuchen, ,Schuldige‘ zu finden. Bei den Christen, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, meinen sie, leichtes Spiel zu haben. Die überwiegende Mehrheit der ägyptischen Muslime verurteilt diese Übergriffe auf Christen zutiefst.“ Schroedel rechnet damit, dass die Aggression weiter fortdauern wird und es zu weiteren Angriffen auf Kirchen kommt. „Doch jede weitere brennende Kirche ist ein Beweis für die terroristische Haltung fundamentalistischer Islamisten. Vielleicht wird das dann auch die Ägypten derzeit so stark kritisierende westliche Welt einsehen.“

Westliche Medienberichte, wonach die Sicherheitskräfte übermäßig brutal gegen die Muslimbrüder vorgingen, wollte Schroedel so nicht bestätigen. „Sechs Wochen hatten die in den Protestlagern verbarrikadierten Islamisten die Chance gehabt, zu gehen. In Gesprächen mit hochrangigen Vertretern der Muslimbrüder wurden durch die Übergangsregierung viele Angebote gemacht, bis hin zur Beteiligung an der Übergangsregierung mit mehreren Ministerposten. Doch die fundamentale Opposition, mit der unrealistischen Forderung, Ex-Präsident Mursi wieder in sein Amt einzusetzen, blieb.“ Beide Lager hätten sich, so Schroedel weiter, mitten in bevölkerungsreichen Wohngebieten befunden. Die Anwohner hätten unter den dort herrschenden Bedingungen gelitten. „Als Militär und Polizei anfingen, das Lager zu räumen, begegneten sie scharfem Feuer von Seiten der Islamisten, die sich ohnedies schon selber eingemauert und verbarrikadiert hatten. Die Dialoglösung war gescheitert, kaum einige machten vom Angebot Gebrauch, freiwillig aus den Lagern abzuziehen. Hätte man noch zuwarten müssen? Ich habe keinen einzigen Ägypter getroffen, der über die Hunderten von Toten nur die Schulter gezuckt hätte. Aber, so sagten mir viele, die Islamisten hatten alle Chancen, der Staat musste, mit Hilfe der Kräfte, die Protestlager auflösen.“

Der koptisch-orthodoxe Bischof in Deutschland, Anba Damian, bezeichnete die Situation der Christen im Gespräch mit dieser Zeitung als ernst: „Diesen Zorn haben wir lange nicht mehr erlebt.“ Die koptische Kirche sei sehr betroffen. „Der Terrorismus geht von der Spitze der Muslimbrüderschaft aus. Die Muslimbruderschaft will entweder regieren oder zerstören.“ Diese kompromisslose Haltung mache es derzeit allen Ägyptern, sowohl Christen als auch Muslimen, schwer. „Die aggressiven Extremisten der Muslimbruderschaft schaden sich selbst und dem Islam.“ Sie vermittelten das Bild, dass Aggression und Islam synonym füreinander stehen würden. Gemäßigte Muslime und Institutionen wie die Al-Azhar-Universität müssten sich deshalb klar von der Gewalt distanzieren. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilte in einer Stellungnahme jegliche Gewalt. „Die Politik des Schießens muss sofort eingestellt werden. Die arabische und westliche Welt müssen die neuen Machthaber zum sofortigen Gewaltverzicht gegen die Demonstranten auffordern. Zudem verurteilen wir jegliche Gewalt, von welcher Seite auch immer. Wenn das Blutvergießen weitergeht und die Menschenrechte brutal mit Füßen getreten werden, verlieren Ägypten und die Demokratie vollends.“ Gegenüber dieser Zeitung äußerte sich der Vorsitzende Aiman A. Mazyek auch zu den Angriffen auf christliche Einrichtungen und Kirchen: „Dies ist ein schweres Verbrechen und zählt zu den Großsünden im Islam. Extremisten auf beiden Seiten ist dies derzeit zuzutrauen, um Ägypten in den Abgrund zu treiben.“

Die deutschen Bischöfe forderten ebenfalls ein Ende der blutigen Auseinandersetzungen. „Mit großer Sorge sehe ich die Eskalation der Gewalt in Ägypten, die die Räumung der Protestlager der Muslimbrüder durch das Militär hervorgerufen und die bereits viele Opfer gefordert hat, darunter auch zahlreiche Christen“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, am Freitag in Bonn. „Hass und Gewalt weisen keinen Weg aus der politischen Krise und töten jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung der Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und den Muslimbrüdern“, so der Freiburger Erzbischof.

Bereits vor den jüngsten Ausschreitungen waren christliche Kirchen immer wieder Ziel von Gewalttaten seitens der Anhänger Mursis. Am 7. August veröffentlichten ägyptische Menschenrechtsorganisationen einen Appell, in dem sie auf die Zunahme islamistischer Gewalttaten gegen Christen seit Mursis Sturz hinwiesen und die staatlichen Organe zu besserem Schutz aufforderten.