Würzburg

„Betet in euren Häusern“

Auch das religiöse Leben des Islam erfährt weltweit durch das Corona-Virus starke Einschränkung. Ein Überblick.

Coronavirus - Saudi-Arabien
So sieht es normalerweise in Mekka aus – hier eine Aufnahme aus dem August letzten Jahres. Nun hat Saudi-Arabien die Grenzen für Pilger, die die Städte Mekka oder Medina besuchen möchten, wegen des Corona-Virus geschlossen. Foto: Amr Nabil (AP)

Mehr als alle anderen Religionen ist der Islam eine Religion der Gemeinschaft. Die Umma, die diese islamische Gemeinschaft darstellt, ist auch eine entscheidende theologische Kategorie. Die wichtigen religiösen Praktiken, das Glaubensbekenntnis, die Gebete, das Fasten, die Wallfahrt müssen in der Gemeinschaft vollzogen werden, sonst gelten sie eigentlich als nicht vollzogen. Einzig das Almosengeben ist davon ausgenommen, es kann unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollzogen werden und es hat auch deshalb in den fünf islamischen Rechtsschulen einen eher umstrittenen Status. In den letzten Jahrzehnten werden im Zuge eines immer offensiver sich darstellenden Islams das Fasten besonders während des Ramadan, wie auch die Gebete und die Wallfahrt nach Mekka, oft zur intensiven Selbstdarstellung eines sich mehr und mehr politisch definierenden Islams instrumentalisiert. Deshalb wird der Gemeinschaftsvollzug immer wichtiger, obwohl davon im Koran nichts geschrieben steht. Das hat zu einigen Widersprüchen und vor allem zu vielen Konflikten geführt, die sich gerade jetzt in Zeiten des Coronavirus, wo öffentliche Darstellungen und Versammlungen, ganz gleich zu welchem Ziel, untersagt sind, potenzieren dürften.

Fünf tägliche Pflichtgebete in der Moschee aussetzen

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat die Gläubigen dazu aufgerufen, ihre fünf täglichen Pflichtgebete in der Moschee ab sofort auszusetzen. Sie sollten diese zu Hause verrichten, teilten die Verbandsverantwortlichen und der Koordinationsrat der Muslime in Berlin mit. Auf ein Angebot von Online-Gebeten, die aus leeren Moscheen übertragen werden, wird bislang noch verzichtet. Die muslimischen Theologen sich uneins angesichts der Frage, ob die rituellen Gebete in dieser Online-Variante gültig sind. Man kann zwar Gebete, wie jetzt verordnet, durchaus vollziehen, aber dann verlieren sie im Islam doch auch einen Teil ihrer Bestimmung.

Deshalb sieht man ja auch in mehr und mehr Städten Westeuropas im Sommer muslimische Gebetsvollzüge auf öffentlichen Plätzen oder Straßen, nicht etwa, weil man auf Plätzen oder Straßen besser beten könnte, sondern weil man dort eher (von Nicht-Muslimen) gesehen wird.  Auch hier soll Gemeinschaft gezeigt werden. Ähnlich ist es beim Fasten, wo auch der Kontrolleffekt noch hinzukommt. Da das Fasten im Islam während des Tages nur in Gemeinschaft kontrolliert werden kann und dort auch besser zu bewältigen ist, wird das Fastenbrechen am Abend mehr und mehr in Gruppen, oft in der Nähe von Moscheen vollzogen; auch dies steht nicht im Koran. Dies könnte in der diesjährigen Ramadanzeit, die am 23. April beginnt und einen Monat dauert, ein großes Problem werden, gleichzeitig aber vielleicht auch die Chance bieten, sich des wahren Charakters des Fastens, der auch im Islam etwas mit Askese und Besinnung zu tun hat, wieder bewusst zu werden.

Keine Visa mehr für kleine Pilgerfahrt

Am deutlichsten wird der Umma-Charakter des gesamten Islam bei der Wallfahrt nach Mekka oder den entsprechenden schiitischen Wallfahrten im Iran. Diese Wallfahrten sind Gemeinschaftserlebnisse und Gemeinschaftsvollzüge par excellence, die, anders als im Christentum, zum innersten Wesen, zu den Säulen des Islams, gehören. Deshalb tut man sich auch so schwer, vor allem im Iran, solche Orte zu schließen, auch in Zeiten der Pandemie.

Auch in Saudi Arabien, das im Allgemeinen sehr streng den Pilgerstrom auch auf gesundheitliche Gefahren hin kontrolliert, sind die Umrah-Wallfahrten nicht abgesagt, sondern nur reduziert. Einige tausend Gläubige nehmen immer noch am Freitagsgebet teil und ziehen in Gruppen um die Kaaba, es sind zwar um ein Vielfaches weniger Menschen als an den meisten Freitagen, wenn normalerweise hunderttausende Muslime die Pilgerstätte füllen, aber immer noch zu viele. Der Imam Scheich Abdullah Awad al-Dschuhani sagte während der Predigt, die auch per Lifestream verfolgt werden konnte, er hoffe auf ein Ende „des Unheils und der Epidemie“. Die von der Regierung in Riad erlassenen Maßnahmen seien konform mit der Scharia, dem islamischen Gesetz, fügte er ausdrücklich hinzu. Saudi-Arabien hatte zuvor alle Pilgerfahrten aus dem Ausland in die Wallfahrtsorte Mekka und Medina gestoppt und die Grenzen geschlossen. Es gibt auch keine Visa mehr für die Umrah, die sogenannte kleine Pilgerfahrt.

Der oberste islamische Rat in Kuwait, der sogar den Gebetsruf anpassen ließ. Die Muezzine rufen jetzt nicht mehr fünfmal am Tag: „Kommt zum Gebet“, sondern: „Betet in euren Häusern.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .