„Berliner Senat darf uns nicht weiter ignorieren“

„Tagespost“-Gespräch mit dem Pro Reli-Vorsitzenden Christoph Lehmann zum Berliner Religionsunterrichts-Volksentscheid

Ist es realistisch, dass die benötigten 600 000 Stimmen für den Volksentscheid zugunsten eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichtes am 26. April zusammenkommen?

Letztlich geht es um die Frage, ob wir in Berlin dabei bleiben, dass jeder nach seiner Fasson selig werden darf. Und das entspricht der Berliner Mentalität. Deshalb glaube ich, dass wir eine gute Chance haben, die 600 000 Ja-Stimmen zu erzielen.

Auch, obwohl bei der Unterschriften-Aktion für die Zulassung des Volksentscheids nur etwa die Hälfte der nötigen Stimmen für eine Entscheidung zugunsten des Religionsunterrichts zusammen gekommen sind?

Es ist für eine Organisation viel schwieriger, Menschen dazu zu bewegen, eine Unterschrift zu leisten. Das ist bei dem Volksentscheid natürlich anders. Dann gibt es Wahllokale und die Möglichkeit der Briefwahl, auch öffentlich. Alle Berlinerinnen und Berliner werden dieser Tage zudem über den Inhalt unseres Anliegens von Seiten des Wahlleiters unterrichtet, natürlich auch mit Gegenargumenten. Auch bei anderen Volksbegehren ist es immer so gewesen, dass nachher bei der Abstimmung wesentlich mehr Stimmen zusammengekommen sind, als bei der Unterschriftensammlung.

Also erhoffen Sie sich eine rege Teilnahme der Berliner?

Ich hoffe es, und bin auch ganz zuversichtlich, weil ich merke, dass das Thema jetzt durchaus in der Stadt auch in der Diskussion angekommen ist. Es ist sicherlich ein gewisser Nachteil, dass wir es nicht zusammen mit der Europawahl machen können. Aber ich glaube, dass wir es trotzdem schaffen werden.

Die Grünen fordern nach wie vor, dass der Volksentscheid am 7. Juni mit der Europawahl zusammenfällt. Ist das realistisch?

Der Senat hat seine Entscheidung getroffen. Der Landeswahlleiter hat die Entscheidung des Senats umgesetzt, hat Wahlunterlagen verschickt, die Wahllokale organisiert. Ich glaube nicht, dass es realistisch ist, dass der Termin tatsächlich noch verlegt wird.

Wenn der Volksentscheid durchgesetzt wird, wird dann für die verschiedenen Konfessionen, einschließlich für die Muslime, sofort Religionsunterricht erteilt?

Um irgendwann am Ziel anzukommen, sollte man nicht, wie der Berliner Senat, die Angelegenheit ignorieren, sondern genauso wie die anderen Bundesländer helfen, eine Lösung zu finden, indem man Lehrstühle errichtet, indem man hilft, die entsprechenden Lehrer auszubilden. Das wäre die Aufgabe in der nächsten Zeit. Ziel unserer Initiative ist es, dass es auch aufgeklärten islamischen Religionsunterricht geben soll, in staatlicher Verantwortung von in Deutschland geprüften Lehrern und natürlich in deutscher Sprache. Das wird sicherlich nicht von heute auf morgen flächendeckend umsetzbar sein, sondern einige Zeit in Anspruch nehmen, bis man wirklich einen islamischen Religionsunterricht ähnlicher Qualität hat, wie der christliche Religionsunterricht in den anderen Bundesländern.

Sollen eigentlich die Schüler in Berlin schon ab der ersten Klasse das Wahlrecht zwischen Ethik und Religion haben?

Wir wollen erreichen, dass ab der ersten Klasse alle Kinder ein Fach aus der Fächergruppe wählen, also entweder Ethik oder katholischen beziehungsweise evangelischen Religionsunterricht. Auch atheistisch-freidenkerische Lebenskunde wird angeboten. Immer jedoch geht es darum, dass sie die freie Wahl haben, für welches Fach sie sich entscheiden, und zwar ab der ersten Klasse.